Oliver Grafs erste Saison

Das TfN zeigt mit Labels und Vielfalt ein neues Gesicht

Hildesheim - Keiner kann jetzt mehr sagen, er habe nicht gewusst, auf was er sich einlässt: Der zukünftige Intendant des TfN hat seinen Spielplan gelabelt. 24 Produktionen zeigen in 2020/21 ein neues und mutiges Gesicht.

Ein Spielplan zeigt Gesicht: Der designierte Intendant Oliver Graf (links) sowie sein Team aus Dramaturgin Cornelia Pook, Hausregisseurin Ayla Yeginer und Generalmusikdirektor Florian Ziemen haben Mittwoch verraten, was in der kommenden Spielzeit im theater niedersachsen zu sehen sein wird. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Jede Menge Mut gehört dazu, wenn man sich bei seinem Publikum mit einem Spielplan vorstellt, der – abgesehen von „La Traviata“, „Die Räuber“ und „Die Fledermaus“ – von unbekannten Werken und Autoren sowie Komponisten dominiert wird. Aber der zukünftige Intendant des Theater für Niedersachsen (TfN) hat Vertrauen in die Neugierde seines Publikums: „Ich habe das Gefühl, wir werden mit offenen Armen empfangen“, erklärt Oliver Graf bei der Spielplanvorstellung am Mittwoch im Stadttheater.

Zum anderen sind Graf und sein Team – Generalmusikdirektor Florian Ziemen sowie die Schauspieldirektion aus Dramaturgin Cornelia Pook und Hausregisseurin Ayla Yeginer – geschickt vorgegangen, in dem sie laut Graf „zumindest bekannt wirkende Titel“ genommen haben. Viele sind aus anderen Zusammenhängen vertraut: Ein Spielplan mit Gesicht und Klang.

„Kraut“ kennt keiner

Das Musical „The Kraut“ kennt keiner, aber der Solist singt Songs von Diva Marlene Dietrich. „Aladin und die Wunderlampe“ ist ein Märchen aus 1001 Nacht – und kommt hier als Oper daher, deren Musik wiederum von Nino Rota geschrieben worden ist. Der war der Haus- und Hofkomponist von Filmgenie Federico Fellini. Auch die Musik zu Coppolas „Pate“ stammt von ihm.

Moby Dick kennt man als Roman von Herman Melville. Das TfN stellt das Abenteuer als Schauspiel von Franziska Steiof auf die Bühne, die Musik kommt von Thomas Zaufke, den die Hildesheimer aus den Musicals „Erwin Kannes“ und „Elternabend“ kennen. Walter Moers, dessen Hitler-Satire „Adolf – Der Bonker“ im theo zu erleben ist, ist der Comic-Zeichner von „Das Kleine Arschloch“ und „Käpt’n Blaubär“.

Filme werden zur Oper

Zudem finden einige Filmtitel den Weg ins Theater: „Gegen die Wand“ von Fatih Akin wird als Oper mit westlichen und fernöstlichen Klängen zu erleben sein. „The Toxic Avenger – der Rächer der Verstrahlten“ – ein B-Movie aus den 70ern – schafft es als Pop-Rock-Musical auf die Bühne. Komponist David Bryan ist Keyboarder und Backgroundsänger der Band Bon Jovi.

Die Band Green Days war in den 90ern eine extrem erfolgreiche Punkband und als solche auch beim Zillo-Festival in Hildesheim zu Gast. Das Musical „Green Day’s American Idiot“ stammt von Bandleader Billie Joe Armstrong und ist am Broadway 422 Mal gelaufen.

Label statt Genre

Ein durchdachter, moderner und zielgruppenorientierter Spielplan, der mit jeweils sechs Premieren in Oper/Operette und Schauspiel, mit fünf im Musical sowie sechs im Jungen Theater aufwartet. Allerdings stellt Graf diese Gattungen zugunsten von Labels – er nennt das niedersächsische Dramaturgie – in den Hintergrund: Im Spielplan kann sich der Gast jetzt entscheiden, ob er Großes Theater (das sind die Klassiker), Familientheater, Unterhaltung, Rarität oder Moderne anschauen will. Diese Labels sollen die Vorlieben des Publikums berücksichtigen. Sie verleiten aber auch zu Schubladendenken.

Oliver Graf möchte auf jeden Fall ein neues Wir-Gefühl vermitteln. Optisch wird das im neuen Corporate Design von HAWK-Student Jean Michel Tapp deutlich. TfN wird jetzt ausgeschrieben als „theater für niedersachsen“. Für den designierten Intendanten stehen die Buchstaben für „traditionsbewusst fortschrittlich neugierig. „Und das spiegelt sich auch im Spielplan.“

Agentin für Inklusion

Der Zugang soll räumlich wie inhaltlich barrierefrei sein. Dafür hat das Theater eine Agentin für Inklusion eingestellt. Um Sprachbarrieren abzubauen, werden viele Produktionen mit Übertiteln – je nach Thema englisch, russisch , arabisch, türkisch – versehen, sowohl in der Oper wie im Schauspiel.

Vielfalt ist laut Graf das Motto des gesamten Spielplans – und das betreffe Programm, Publikum und Personal. Neu ist die sogenannte Trilogie: „Ein Stoff wird aus drei Blickwinkeln gesehen.“ In der kommenden Saison sind es „Die Räuber“, die von den Sparten Oper und Schauspiel sowie einem Tanzprojekt mit der freien Szene bearbeitet werden. „Der Grundraum allerdings ist allen dreien gemeinsam“, erklärt Graf. Ein interessantes Projekt; spannend, wer sich dann tatsächlich alle drei Versionen anschaut.

Coronas eigene Ästhetik

Unklar ist, ob sich der Spielplan wegen der Pandemie wie geplant umsetzen lässt. Graf ist guter Hoffnung. Und wenn nicht: „Dann werden wir eine ganz eigene Corona-Ästhetik entwickeln.“

Das Programm der Saison 2020/21 steht auf der neuen Homepage des theater für niedersachsen. Das Servicecenter im Stadttheater ist ab Freitag wieder geöffnet. Montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr lassen sich Abonnements abschließen und Karten kaufen. Unter anderem ab Freitag für das Musical „Rent“, das vom 29. Mai an fünfmal im Autokino auf dem Schützenplatz in einer konzertanten Version zu erleben ist.

Oliver Graf ist Mittwoch Abend live zu Gast bei der TV-Sendung „Hallo Niedersachsen“ um 19.30 Uhr im NDR.

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