Hildesheim - „Guck dich nicht so genau um, es ist nicht aufgeräumt“: Liebe Julia, diesen Satz hast du neulich zu mir gesagt, als ich vorm Abendessen im Restaurant kurz mit in deine Wohnung gekommen bin – erinnerst du dich daran? Vielleicht nicht, weil’s gar keine ungewöhnliche Situation ist. Irgendwie sagen wir diesen Satz doch ständig zueinander. Und mit wir meine ich vor allem: wir Frauen. Denn mir ist aufgefallen: Von einem Mann habe ich diesen Satz noch nie gehört. Und das, obwohl es schon oft mehr Gründe dafür gegeben hätte. Selbst wenn wir schon länger verabredet waren, sah es in so mancher Männerwohnung deutlich schlimmer aus als bei meinen Freundinnen, wenn sie angeblich „nicht aufgeräumt“ haben. Da lagen noch allerhand Barthaare im Waschbecken, da war die Armatur voller Wasserflecken, da stapelten sich Pfannen und Teller auf der Küchenzeile.
Nicht falsch verstehen: Bei mir sieht es auch mal so aus, nur ohne Barthaare, ich bin ja selbst kein Putzteufel. Aber wenn ich Besuch bekomme, würde ich versuchen, das Chaos schleunigst zu beseitigen – wenigstens oberflächlich. Diese Gelassenheit, die so viele Männer stattdessen zu verspüren scheinen, die ist fast schon bewundernswert. Während wir Frauen Schweißausbrüche bekommen, wenn unser Blick im Gespräch plötzlich auf den Staub auf der Fußleiste fällt, sagen Männer keinen Mucks zum Wäscheberg auf ihrem Sofa und setzen sich einfach daneben. Naja, es kommt wohl nicht von ungefähr, dass der Haushalt zu den größten Streitthemen in Beziehungen zählt. Aber vielleicht sollten wir Frauen uns auch ein bisschen mehr Entspanntheit gönnen, wenn wir Besuch bekommen. Haare im Waschbecken müssen’s jetzt nicht sein – aber dass wir uns im Vorhinein für ein angebliches Chaos entschuldigen, das die andere Person wahrscheinlich gar nicht bemerkt, ist doch Quatsch. Ich will mich jetzt mal in männlicher Souveränität üben: Ich werde versuchen, mich nicht mehr für meine Wohnung zu entschuldigen. Höchstens noch für die Fußleiste.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
