Medizin

Demenz früh erkennen – und gegensteuern: Das rät eine Hildesheimer Fachärztin

Hildesheim - Demenz-Erkrankungen beginnen oft schleichend und sind für Betroffene und ihr Umfeld zunächst schwer zu erkennen. Eine Hildesheimer Expertin gibt wichtige Hinweise zu Indikatoren – und auch zu sinnvollen Reaktionen.

Martina Wetzel ist Chefärztin der Geriatrie im St. Bernward Krankenhaus. Foto: VOLKER HANUSCHKE

Hildesheim - Es ist inzwischen eine häufige Diagnose, insbesondere bei älteren Menschen: 1,8 Millionen Menschen leiden nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft in Deutschland an Demenz. Tendenz steigend. Und das liegt an der Bevölkerungsentwicklung. „Demenz ist eine Erkrankung des Alters“, erklärt Martina Wetzel, Leiterin der Geriatrie im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus. Während in der Altersgruppe von 70 bis 74 Jahren laut Alzheimer-Gesellschaft weniger als vier Prozent der Bevölkerung betroffen sind, sind es bei den 80- bis 84-Jährigen bereits mehr als 14 Prozent und bei den über 90-Jährigen knapp 36 Prozent.

Kurzzeitgedächtnis zeigt zuerst Schwächen

Aber wie erkennen Betroffene und Angehörige eine Demenz-Erkrankung? Das ist gar nicht so einfach, denn es handelt sich um eine schleichende Entwicklung. Die Krankheit beginnt schon viele Jahre, bevor die ersten Symptome auftreten. Die Hirnschädigungen im Zuge der Demenz bemerkt man daher zunächst nicht. „Sie können das jahrelang kompensieren und irgendwann geht es nicht mehr“, erklärt Wetzel.

Je nach dem Stadium der Demenz sind unterschiedliche Hirnregionen betroffen, was jeweils auch zu unterschiedlichen Symptomen führt. „Das Kurzzeitgedächtnis ist das erste, was eingeschränkt ist“, sagt Wetzel. Dafür ist der Hippocampus verantwortlich, das Gebiet im Gehirn, bei dem bei einer Demenz zuerst Hirnzellen untergehen. Betroffene vergessen Termine und Namen, verlegen Gegenstände. Verbunden damit ist oft eine leichte Reizbarkeit. Die Patientin oder der Patient ist wegen der plötzlichen Schusseligkeit verärgert. „Es funktioniert nicht mehr so, wie man das will“, sagt die Hildesheimer Chefärztin.

Skepsis bei Internet-Tests

Im weiteren Verlauf der Krankheit sind dann der Stirn- und / oder der Schläfenlappen betroffen. Der Schläfenlappen ist Sitz des Sprachzentrums, demzufolge leiden die Patientinnen und Patienten unter Sprachstörungen. Ihnen fallen öfters nicht mehr die richtigen Wörter ein. Manchmal kommt es auch dazu, dass Silben oder Wörter zwanghaft wiederholt werden oder vermehrt in Floskeln gesprochen wird. Einschränkungen im Bereich des Stirnlappens führen zu Persönlichkeitsveränderungen und Störungen im Antrieb. Typisch sind dann entweder Rückzugstendenzen oder auch enthemmtes Verhalten.

Wer sich unsicher ist, ob die Eltern oder der Partner an Alzheimer erkrankt ist, sollte sich vertrauensvoll an den Hausarzt wenden, rät Chefärztin Wetzel. Nur die Ärztin oder der Arzt könne letztlich sicher eine Diagnose stellen. Von Tests für Laien, die man etwa im Internet machen kann, hält die Medizinerin wenig: „Das Ergebnis beunruhigt eher noch mehr.“ Nicht immer ist es ganz leicht, mit den Betroffenen über die mögliche Erkrankung zu sprechen. Zu weitreichend sind die Konsequenzen für das ganze Leben. Hilfe für Angehörige bieten in solchen Fällen die Hildesheimer Alzheimer-Gesellschaft sowie die Seniorenberatungsstelle des Landkreises.

Aufpassen bei Medikamenten

Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sind immer noch nicht heilbar. Die Ärztin oder der Arzt kann aber Medikamente verschreiben, die den Funktionsverlust der Nervenzellen zunächst bremsen können. So werden die Symptome der Demenz in einer frühen Phase zumindest etwas gelindert. Den fortschreitenden Abbau Nervenzellen können sie allerdings nicht verhindern.

„Ansonsten ist es auch wichtig, dass man keine Medikamente nimmt, die die Gehirnfunktion zusätzlich verschlechtern“, betont die Medizinerin. Das gelte etwa für Schlafmittel. Auf übermäßigen Alkoholgenuss sollte man auch verzichten. Und schließlich sei es wichtig, auf eine gesunde Ernährung zu achten sowie darauf, dass Blutfett, -druck und -zucker gut eingestellt seien.

„Gehirn lebenslang fordern“

Mindestens ebenso wichtig ist es aber nach Ansicht von Chefärztin Wetzel auch, dass die Patienten möglichst lange soziale Kontakte aufrechterhalten und so ihr Gehirn auf Trab halten. Gemeinsames Singen oder Karten spielen, zum Beispiel im Seniorenkreis, etwa kann dafür sorgen, den Krankheitsfortschritt weiter hinauszuzögern, wie auch regelmäßige Bewegung oder sogar Sport, wenn möglich. Im fortgeschrittenen Stadium bieten auch Angebote wie eine Tagespflege für Demenzpatienten oder eine Demenz-WG gute Möglichkeiten, den Geist weiter zu aktivieren. „So erfüllt wie möglich leben“, fasst es Wetzel zusammen.

„Man sollte sein Gehirn lebenslang fordern, immer etwas Neues machen“, rät die Medizinerin. Denn dies führt auch im frühen und mittleren Stadium der Demenz dazu, dass immer wieder neue Verknüpfungen im Gehirn gebildet werden. Man könne sich das wie im Straßenverkehr vorstellen: „Je mehr Verbindungen, je mehr Straßen Sie zur Verfügung haben, umso eher gelangen Sie ans Ziel und nicht in den Stau oder eine Sackgasse.“

Dieser Text stammt aus dem aktuellen Hildesheimer Ärzteführer. Das Magazin und Nachschlagewerk des Medienhauses Gerstenberg ist Anfang September 2023 erschienen und gegen eine Schutzgebühr von 2,90 Euro im Servicecenter der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung in der Rathausstraße 18-20 erhältlich.

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