Hildesheim - Die ältere Frau mit den beiden Gehhilfen beißt sich durch. Man kann ihr am Samstag um kurz vor 18 Uhr die Mühe ansehen, die ihr der Marsch durch die halbe Innenstadt bereitet. Und gleichzeitig steht ihr eine feste Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben. Also müht sie sich im hinteren Drittel des Protestzugs über die Wege. Humpelt die Schuhstraße hinab, durch die Kardinal-Bertram- und die Marie-Wagenknecht-Straße bis zum Hauptbahnhof. „Es ist anstrengend für mich, aber es ist mir auch wichtig, hier heute Gesicht zu zeigen“, sagt sie im Vorbeigehen.
Wie die Frau mit den Gehhilfen sind am Samstag Tausende Menschen aus der Umgebung nach Hildesheim geströmt, um unter dem Motto „Wehret den Anfängen“ gegen rechts zu demonstrieren. Hunderte kreative Banner und selbst gebastelte Schilder zeigen deutlich, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der derzeitigen Entwicklung halten. „Demokratie ist nie out of Style“ ist da zu lesen, „Nazis nerven mehr als Wespen“, „Remigriert euch ins Knie“ oder „Lieber Kopftuchmädchen statt Bund Deutscher Mädel“.
Vereinzelt tauchen Palästina-Flaggen auf
Vereinzelt mischen sich auch Vertreter linker Gruppierungen unter die Demonstrierenden, die Aufmerksamkeit auf andere Themen lenken wollen. So tauchen irgendwann Vertreterinnen und Vertreter des Palästina-Netzwerks Hildesheim mit Palästina-Flaggen auf, zögerliche Sprechchöre mit „Free Palestine“ klingen an. Aber die Flaggen sind schnell wieder weg. Versammlungsleiter Tim Bellgardt hatte sie und andere zu Gruppierungen eigenen Angaben zufolge im Blick. Klare Ansage auch an die Ordner war: Zunächst höflich ansprechen, erst im zweiten Schritt zu drastischeren Maßnahme greifen. „Wenn es ausgeufert wäre, hätte ich die Polizei darum gebeten, sie vom Platz zu geleiten“, sagt Bellgardt. Aber das sei nicht erforderlich gewesen.
Etwas Kritik gibt es am Rande auch, weil Politiker wie Maik Brückner (Linke) die Veranstaltung am Marktplatz dazu nutzen, um Parteipolitik zu machen. Die CDU ist nicht auf dem Podium vertreten. „Es gab keine Kontaktaufnahme von der CDU“, sagt Bellgardt. Doch all das bleibt am Ende ein Randaspekt. Im Kern sind Tausende Menschen auf den Beinen, um ihre Haltung zum Rechtsextremismus auszudrücken.
Polizei zieht am Ende eine positive Blanz
Die Polizei selbst zieht am Ende des Tages eine durchweg positive Bilanz. Die Kundgebung als auch der anschließende Protestmarsch durch die Stadt seien friedlich verlaufen. Sowohl die Polizei als auch die beiden Versammlungsleiter Bellgardt und der für den Protestzug verantwortliche Hamun Hirbod schätzen die Zahl der Teilnehmenden auf rund 7500 Menschen. Damit handelt es sich um die wohl größte Protest-Kundgebung in der Geschichte Hildesheims.
Bereits eine Stunde vor dem Beginn der Kundgebung um 15.30 Uhr füllt sich der Marktplatz. Kurz nach dem Beginn ist auch der Platz an der Lilie nahezu komplett gefüllt. Dicht an dicht drängen sich die Menschen auch in der Rathaus- und der Judenstraße. Mit der Kundgebung setzt Hildesheim damit am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein deutliches Signal gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz.
Auslöser für Proteste ist ein Geheimtreffen in Potsdam
Auslöser der Proteste, die in den vergangenen Tagen Millionen Menschen deutschlandweit auf die Straße gebracht hat, sind Enthüllungen des Recherchenetzwerks Correctiv über ein Treffen radikaler Rechter am 25. November, an dem einige AfD-Politiker sowie einzelne Mitglieder der CDU und der konservativen Werteunion in Potsdam teilgenommen haben sollen. Darin soll es unter anderem um die „Remigration“ von Ausländern sowie von Menschen mit ausländischen Wurzeln aus Deutschland gegangen sein. Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer Deportation. Rund acht Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Ort der Wannseekonferenz in Potsdam und dem Geheimtreffen der Rechtsextremen vor wenigen Wochen. Bei der Wannseekonferenz hatten führende Nazis im Jahr 1942 die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen.
Was sie von all dem halten, zeigen viele der Teilnehmenden am Samstag sehr deutlich und kreativ. Schulen wie das Andreanum und die Michelsenschule haben Abordnungen entsandt, Frauen und Männer in Rollstühlen sind unterwegs, die „Omas gegen Rechts“ genauso wie junge Familien mit Lastenrädern und Kinderkarren. Einige Protestierende halten Schilder mit „Lauch gegen Rechts“ in die Höhe und zeitgleich echten Lauch als Symbol.
„Kein Platz für Faschismus in unserer Gesellschaft“
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nahezu aller Umlandkommunen sind vor Ort, hohe Kirchenvertreter wie der katholische Bischof Heiner Wilmer und die evangelische Regionalbischöfin Adelheid Ruck-Schröder, Vertreter des interreligiösen Arbeitskreises Abrahams Runder Tisch, von Gewerkschaften, Parteien, Vereinen und Verbänden.
„Faschismus hat nie einen Platz in unserer Gesellschaft“, sagt Versammlungsleiter Tim Bellgardt gleich zu Beginn der Kundgebung. „Überall dort, wo verfassungsfeindliche und demokratiefeindliche Sprüche und Ideen propagiert werden, müssen sich Demokratinnen und Demokraten erheben und eine klare Position beziehen.“
Klare Worte gegen Geschichtsvergessenheit
Mit klaren Worten brandmarken Redner vieler politischer Lager, aus dem kirchlichen und gewerkschaftlichen Bereich die Geschichtsvergessenheit. „Haben diese Menschen immer noch nicht begriffen, was unsere Vorfahren der Welt damals angetan haben?“, fragt Oberbürgermeister Ingo Meyer rhetorisch. Daniela Rump, Vorsitzende des SPD-Unterbezirks, sagt, dass sie sich für die Deportationspläne schäme. „Sie sind ein Angriff auf uns alle.“
Franziska Stange vom DGB sagt, dass es sie glücklich mache, in einer Stadt zu leben, in der so viele Menschen gemeinsam für ein friedliches Miteinander auf die Straße gingen. Auch Stadtmitte-Ortsbürgermeister Tobias Eckardt sagt, dass dies das Hildesheim sei, das er sich immer gewünscht habe. „Wir haben die Straße und die Debatten zu lange den Falschen überlassen“, sagt der Sozialdemokrat.
Flaggen auf dem Rathaus auf Halbmast gehisst
Mit einer Schweigeminute gedenken die Tausenden Menschen rund um den Marktplatz der Opfer der nationalsozialistischen Gräueltaten. Hoch über ihren Köpfen weht dabei die Flaggen auf dem Rathausdach auf Halbmast.
Mit 7500 Teilnehmenden, die der Einladung von Bellgardt, Hirbod und des Bündnisses gegen Rechts gefolgt sind, übertrifft die Demonstration am Samstag alle anderen der vergangenen Jahrzehnte in Hildesheim. Die bisher größte war 1984 beim Widerstand gegen den damaligen NATO-Doppelbeschluss gewesen. Damals kamen auf dem Hindenburgplatz rund 6000 Gegner der nuklearen Aufrüstung zusammen.
Erhebliche Verkehrsbehinderungen
Mit einem Polizeifahrzeug an der Spitze setzt sich der Protestzug gegen 17 Uhr an der Schuhstraße in Bewegung. Er verursacht eine Stunde lang erhebliche Verkehrsbehinderungen. Insbesondere auf der Kaiserstraße geht zeitweise gar nichts mehr. Viele Autofahrer versuchen, sich über alternative Strecken durchzuschlagen. Am Ende ist der für den Protestmarsch zuständige Versammlungsleiter Hirbod trotzdem zufrieden mit dem Ergebnis. „Ich bin dankbar und froh, dass alles so gut geklappt hat.“
