Projekt LastSeen

Deportation von Juden und Jüdinnen aus Hildesheim: 14 Fotos aus dem Jahr 1942 in digitalem Bildatlas veröffentlicht

Hildesheim - Im Jahr 2003 wurden 14 Fotos anonym im Stadtarchiv abgegeben. Sie dokumentieren die Deportation von Juden und Jüdinnen aus Hildesheim. Jetzt sind die Bilder erstmals vollständig online veröffentlicht, zusammen mit den Ergebnissen umfangreicher Recherchen.

Eine Gruppe Männer mit Rucksäcken und aufgerollten Decken kommt am Straßenbahndepot in der Hannoverschen Straße an. Viele Deportierte warten dort bereits auf ihren Abtransport. Foto: Stadtarchiv Hildesheim

Hildesheim - Menschen, zusammengedrängt hinter einem Zaun, daneben ein Haufen Gepäck. Männer und Frauen, bepackt mit Rucksäcken und Taschen, Decken über dem Arm. Wartende, die Schlange stehen, um ihre Papiere vorzuweisen, dazwischen Kinder. An ihren Wintermänteln tragen die Menschen den Gelben Stern, manche außerdem ein Pappschild mit einer Nummer. Die Aufnahmen vom 26. und 27. März 1942 dokumentieren die Deportation von 241 Jüdinnen und Juden von Hildesheim mit der Straßenbahnlinie 11 nach Hannover zum Sammellager in der Gartenbauschule Ahlem. Von dort wurden sie ins Warschauer Ghetto gebracht. Niemand von ihnen kehrte zurück. Sie starben an den unmenschlichen Bedingungen im Ghetto oder wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Die genauen Umstände ihres Todes sind nicht bekannt.

14 Fotos dokumentieren das Warten, die Registrierung in der Exerzierhalle der Gendarmerieschule durch die Gestapo und die Abfahrt vom Straßenbahndepot. Die Aufnahmen wurden 2003 anonym im Hildesheimer Stadtarchiv abgegeben. Wie die Stadt mitteilt, sind sie jetzt erstmals vollständig online veröffentlicht auf dem Bildatlas des Projekts LastSeen. Auf der Seite atlas.lastseen.org sind nicht allein die Fotos zu sehen, ergänzt wurden Informationen zu den abgebildeten Personen und Situationen. Durch die Zusammenarbeit des Projektes LastSeen mit dem Stadtarchiv ist es gelungen, 23 der gezeigten Männer, Frauen und Kinder zu identifizieren. Sie kamen aus Hildesheim, Moringen, Göttingen, Sarstedt, Pattensen, Duderstadt, Telgte und Einbeck.

Das Projekt LastSeen gibt es seit 2021

Die Gesichter haben Namen bekommen, eine Herkunft, ein Leben vor der Deportation. Mit einem Klick auf einen weißen Punkt im Foto lassen sich solche Zusatzinformationen im Bildatlas abrufen. Projektleiterin Dr. Alina Bothe und Projektmitarbeiterin Lisa Paduch hatten sich im Januar 2025 mit Archivhistorikerin Astrid Buhrmester-Rischmüller und Claudia Gaßmann vom Stadtarchiv in Hildesheim getroffen, Quellen gesichtet und sich danach weiter ausgetauscht, um möglichst viel zum Inhalt der Bilder herauszufinden.

Das Projekt LastSeen gibt es seit 2021. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Fotos aus den Jahren 1938 bis 1945 von den Orten der Deportation von Juden und Jüdinnen, von Sinti, Roma und den Opfern der NS-Euthanasie zu sammeln und zu ordnen, sie räumlich zu verorten und mit Informationen zu versehen. Aus den Motiven und der Art der Hildesheimer Fotografien lasse sich schließen, dass die Bilder von jemandem aus dem Kreis der Täter und Täterinnen oder in deren Auftrag erstellt wurden, heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Für Betrachtende, die den Hintergrund ihrer Entstehung nicht kennen, wirken die Bilder erschreckend harmlos, zeigen scheinbar geordnete Abläufe. Dass hier Menschen ihrer Ermordung entgegengehen, ist nicht zu sehen.

Die Website des Projekts LastSeen geht auf den ethischen Konflikt ein, den die Veröffentlichung solcher Fotos bedeutet: Die Bilder wurden oft von Tätern gemacht, für deren Zwecke und ohne Einverständnis der Abgebildeten. Umso wichtiger sei es, die Fotos in einen Zusammenhang zu stellen und sich der Hintergründe ihrer Entstehung bewusst zu sein.

„Wir haben eine zunehmend stärker visuell geprägte Welt“, sagt Projektleiterin Bothe in einem Video für die Alfred Landecker Foundation, das auf YouTube zu sehen ist. Fotos und Bilder seien prägend dafür, „wie wir Geschichte denken“. Das Projekt LastSeen behandle Bilder nicht als bloße Illustration, sondern als eigenständige historische Quellen. Das Projekt wurde mit dem Grimme Online Award 2024 und dem WissKom Award 2025 ausgezeichnet.

Vortrag am 23. April

Wer mehr über die Hildesheimer Fotos und das Projekt LastSeen erfahren möchte, kann das am Donnerstag, 23. April. Um 18 Uhr spricht Projektleiterin Dr. Alina Bothe auf Einladung des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins im Riedelsaal der Volkshochschule, Pfaffenstieg 4–5.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.