Zeitzeugen berichten

Der 22. März 1945 in Hildesheim: Der Tag, an dem die Bomben fielen

Hildesheim - Der 22. März 1945 ist ein Donnerstag. Ein ganz normaler Donnerstag – bis die Flugzeuge kommen. Bombe um Bombe werfen sie auf die Stadt. Wer nicht rechtzeitig einen Bunker erreicht und sich in Sicherheit bringt, lässt in Häusern und Gassen sein Leben. Am Ende dieses Donnerstags ist ein großer Teil von Hildesheim zerstört. Unser Dossier zum Thema.

Hildesheim - Der 22. März 1945 ist ein Donnerstag. Ein ganz normaler Donnerstag. Bis die Flugzeuge kommen. Bombe um Bombe werfen sie auf die Stadt. Wer nicht rechtzeitig einen Bunker erreicht und sich in Sicherheit bringt, lässt in Häusern und Gassen sein Leben. Am Ende dieses Donnerstags ist ein großer Teil von Hildesheim zerstört.

Die Operation „Finnock“

Sir Robert Saundby, Flieger-General der englischen Streitkräfte, ist begeisterter Hobby-Angler. Er hat den deutschen Städten für diesen 22. März zur Tarnung des Einsatzes Fischnamen gegeben. Hildesheim ist der „Finnock“, die Meeresforelle. Rund 3500 Flugzeuge heben an diesem Tag in England ab, um das Deutsche Reich anzugreifen.

It was a good show

Einer der Piloten, die Bomben über Hildesheim abwarfen

200 davon fliegen über Hildesheim. In sieben Wellen donnern die englisch-kanadischen Piloten anschließend über Hildesheim hinweg. „Ein leichter Trip“, soll einer der abfliegenden Piloten in seinem Bomber vermerkt haben. Und ein anderer fand: „It was a good show.“ Die rund fünf Kilometer hohe Rauchwolke, die über der zerstörten Stadt in den Frühlingshimmel aufsteigt, ist noch mehrere hundert Kilometer weiter zu sehen.

Zeitzeugenbericht von Hermann Meyer-Hartmann: Zielpunkt 52092N 09571O

Zielpunkt 52092N 09571O – so hat Hermann Meyer-Hartmann sein Buch über den Raum Hildesheim im Luftkrieg 1939-1945 genannt. Nach dem Krieg kommt der gebürtige Braunschweiger auf Umwegen nach Hildesheim. Dort arbeitet er für die Briten als „clerk“, als Angestellte der Armee, und dolmetscht, arbeitet im Telegrafenamt und koordiniert Kurierdienste. 1950 schlägt Meyer-Hartmann einen anderen Weg ein. Er möchte Journalist werden. Als Reporter und als HAZ-Chefredakteur pflegt er den Kontakt zu den Briten. Und er recherchiert jahrelang unter anderem im Bundesarchiv in Koblenz und in Archiven in London zu den Bombenangriffen von damals. „Der Angriff war zu erwarten“, sagt er 2015 im HAZ-Interview. Hermann Meyer-Hartmann stirbt im Jahr 2020. Hier die Aufnahmen aus dem HAZ-Archiv.

Wurde erwartet, dass Hildesheim angegriffen wird?

Wie ging es mit dem Zusammenleben von Briten und Hildesheimern weiter?

Was war das Ziel des Angriffs?

Zeitzeugen berichten vom 22. März 1945

Der kleine Lothar ist glücklich. Sieben Jahre wird er heute alt, ein richtig großer Junge schon. Strahlend blau begrüßt ihn der Hildesheimer Himmel an diesem Morgen. Es ist der zweite Tag des Frühlings, doch es ist so warm, dass die Mutter den Jungs erlaubt, kurze Hosen und Kniestrümpfe anzuziehen. Lothar und seine Brüder jubeln. Die Mutter ruft zum Mittagessen. Würziger Suppengeruch zieht durch die gemütliche Wohnung in der Teichstraße. Und am Nachmittag würde es noch den Kuchen geben. Eine Kekstorte, wie Lothar Griese drei Jahrzehnte später aus der Erinnerung heraus notieren wird. „Aus den letzten Resten zusammengebacken, aber mit Liebe“, wird fast 60 Jahre später Lothars älterer Bruder Rolf berichten. Der Kuchen wird nie gegessen. Als die Suppe auf den Tellern dampft und die Familie sich in der Küche versammelt, heulen die Sirenen.

Die Grieses funktionieren. Packen ein paar Habseligkeiten. Lothar schnappt sich ein Kissen für den elf Monate alten jüngsten Bruder Volker, nimmt den zwei Jahre jüngeren Bruder Udo an die Hand. Rolf, der älteste, trägt einen Rucksack. Zu spät, zum „Stamm-Bunker“ am Liebesgrund zu laufen. Ziel ist der Gewölbekeller des Andreanums am PvH. Rolfs spätere Frau Barbara, damals sechs Jahre alt, zittert indes mit ihrer Familie auf dem Galgenberg. Weil die kleine Schwester Keuchhusten hat, darf die Gruppe nicht in den Schutzstollen.

Wir haben den Ernst der Lage nie begriffen

Karl Scheide

In der Osterstraße genießen andere Jungs den sonnigen Tag. Der siebenjährige Karl Scheide, nur „Kalli“ gerufen, und die Schmiedemeister-Söhne Günther und Erich Springmann. Günther ist das Idol der Osterstraßen-Kinder, er ist Vortrommler bei der Hitler-Jugend, ein toller Kerl. „Kalli“ und seine Freunde spielen Brummkreisel auf der kaum befahrenen Osterstraße, lauern Passanten mit der Feuerwehrspritze auf, sammeln Pferdeäpfel, rasen auf Rollschuhen übers Pflaster. „Wir hatten eine nette Kindheit“, sagt Karl Scheide fast 60 Jahre später. „Wir haben den Ernst der Lage nie begriffen.“ Sie vielleicht sogar genossen wie Franz-Wilhelm Schäfer: „Wenn der Hausmeister in der Schule Alarm klingelte, waren wir immer ganz froh.“ Das würde sich an diesem Tag ändern. Als der Alarm ertönt, eilt Erich Springmann mit Familie Scheide zum Andreanum, Günther folgt mit dem Fahrrad. „Unser eigener Keller wäre ein lebendiges Grab“, hatte Schmiedemeister Springmann den Söhnen eingeschärft.

Alle in den Gewölbekeller

Die besten Plätze sind vergeben

Einer der Schutzsuchenden im Andreanums-Keller

Ein lebendiges Grab – das soll der Gewölbekeller des Andreanums nicht sein. Wo 60 Jahre später in „Alex“ und „J’s“ Party gemacht wird, hasten rund 200 Hildesheimer mit ihren Habseligkeiten die Stufen hinab. Elisabeth Brusch (damals Ebeling) und ihre Familie sind aus der Braunschweiger Straße geflüchtet. Die 13-Jährige hat das Bild einer Nachbarin vor Augen, die aus dem Schutt ihres Hauses kriecht. Das Bild einer Bekannten, die von ihrer Familie aus dem Ruhrgebiet nach Hildesheim geschickt wurde, weil die Rosenstadt als sicherer galt. Die junge Frau hat furchtbare Brandwunden. Ihr Elternhaus in Oberhausen bleibt unversehrt. Elisabeth kommt in den Andreanums-Keller. „Die besten Plätze sind vergeben“, sagt jemand. Viele beten. Der kleine Kalli Scheide hält eine Windel fest umklammert. Die hat ihm seine Mutter gegeben, als Mundschutz gegen Staub und Hitze.

Feindliche Bomber über Hildesheim

Die letzten aus dem Volksempfänger, an die sich Rolf Griese erinnert

Neben den Springmann-Kindern hat er sich in eine Nische verkrochen. Stille. Aus einer Ecke plärrt der Volksempfänger. „Die Spitze des feindlichen Kampfverbandes…“ Ein dumpfer Schlag erschüttert das Gebäude. Und die Menschen. Noch einer. Das Licht flackert. Neben Elisabeth Brusch stürzt die Decke herunter. Die letzten Worte des Volksempfängers in der Erinnerung von Rolf Griese: „Feindliche Bomber über Hildesheim.“ Dann geht das Radio in Flammen auf. Wieder ein dumpfer Schlag. Schutt rieselt von der Decke, Wasserrohre platzen. Rolf Griese und ein paar andere fallen von den Bänken, auf die sie sich kauern. Auch Karl Scheide und die Springmanns sitzen plötzlich im Nassen. Menschen schreien. Wasserrohre sind herabgestürzt und haben sie eingeklemmt. Etwas kriecht grünlich glimmend über den Kellerboden. Die Überlebenden sind bis heute sicher, dass die Alliierten Phosphor eingesetzt haben. Die Historiker widersprechen. Auch an der Decke glüht plötzlich etwas. Es wird heiß. Die dritte Bombe, ganz nah. 31 Jahre später wird sich Lothar Griese, am Tag der Bombardierung sieben Jahre alt, erinnern, dass er „kein Gefühl ausgesprochener Angst“ hatte. Der Steppke spürt aber die Angst der Erwachsenen und wundert sich darüber. Der gleich alte Karl Scheide beißt zur selben Zeit vor Furcht ein großes Loch in die Windel. Er wird es erst später bemerken.

Raus, raus, raus!

Wie der Luftschutzwart im Andreanum an jenem Tag heißt, weiß 60 Jahre später niemand mehr. Aber sein beruhigender Bass hat sich eingebrannt. Das Licht ist aus nach der dritten Bombe. Überall liegt Schutt. Türen und Treppen sind verschüttet. Doch die Überlebenden haben noch nach Jahrzehnten diese Stimme im Ohr: „Keine Panik, holt die Leute unter den Rohren raus!“, „Irgendeinen Ausgang finden wir schon.“ Und schließlich: „Der Notausgang ist frei.“ Da schlagen draußen an den Kellerfenstern bereits Flammen hoch. Die Männer sollen zuerst raus. Keiner weiß, was draußen los ist.

Ich habe das Gefühl, dass wir über Gestürzte hinweg geklettert sind

Günter Springmann

Der „Ausgang“ ist ein enges Toilettenfenster. Die Menschen drängen dorthin. Wer nicht gertenschlank ist, wird geschoben und gezogen. Kleider reißen. Fragt keiner nach. „Ich habe das Gefühl, dass wir über Gestürzte hinweg geklettert sind“, wird sich Günter Springmann 60 Jahre später erinnern. „Nur so ein Gefühl.“ Gewissheit gibt es nicht. Draußen brennt die Luft. Hitze, unendliche Hitze. Rolf Griese rennt los. Ein Mann fängt ihn ein, bringt ihn zurück. Die Menschen, die aus dem Keller klettern, sehen Feuer, Feuer, Feuer. Die nahe Turnhalle, die Goetheschule – schwarze Löcher statt Fenstern und überall Flammen.

Tageslicht? Eine schwarze Wolke hat den blauen Himmel verschluckt. Eine Woche wird vergehen, bis die Hildesheimer nachts wieder die Sterne sehen können. Die Hitze ist überall. Bärbel Rehberg sieht entsetzt, wie Menschen auf dem Asphalt der Alfelder Straße kleben bleiben. Franz-Wilhelm Schäfer will am Abend über den Kalenberger Graben zurück in die Stadt, zum Haus in der Kaiserstraße, die zu jener Zeit „Straße der SA“ heißt. Die Hitze ist wie eine Wand, Schäfer macht kehrt, läuft zurück auf den Galgenberg und starrt auf das Flammenmeer.

Die Flucht vor dem „Atompilz“

Elisabeth Brusch schaut sich auf der Flucht in Richtung Einum noch einmal um: „Ich wusste damals nicht, was ein Atompilz ist. Aber im Nachhinein sah das genau so aus.“ Im fernen Lamspringe staunt die kleine Helga Weniger: Der Wind trägt Papierfetzen aus Hildesheim bis hierher. Unter dem „Atompilz“ flüchten die Scheides, die Springmanns, die Grieses die Goslarsche Straße entlang nach Osten. Sedanstraße, Immengarten, weiter, weiter. Sie weichen Bombenkratern aus und verkohlten Leichen. Auf der Straße wanken Männer ohne Arme, mit nur einem Bein, mit Prothesen, mit entstellten Gesichtern, sie schreien. Die Goetheschule war ein Lazarett. Das Lazarett steht nicht mehr. Die halbe Innenstadt steht nicht mehr. Zehntausende haben Haus und Habe verloren.

Sie rennen nach Osten. Einum, Achtum. Als Elisabeth Bruschs Familie Schellerten erreicht, ist der Dorfladen schon leer gekauft. Es gibt nur noch Kommissbrot. Immerhin. Erich und Günter Springmann machen sich zu Fuß auf den Weg nach Kemme. Da wohnt ein Schulfreund. Erich Springmann setzt sich fast auf jeden Kilometerstein und sagt: „Ich kann nicht mehr.“ Es sind neun Kilometer. 14 Tage später werden sie ihre Eltern wieder sehen. Die haben sich in ihrer Gartenlaube in Bavenstedt eingerichtet. Das Haus in der Osterstraße steht nicht mehr. Die Familie findet nur noch einen Krater vor. Auch die Grieses fliehen in Richtung Osten. An der Bahn werden sie aufgehalten. Herrenlose Güterwagen rollen vorbei. Ist Munition darin? Wieder Angst. Doch weiter.

Bei jedem Flugzeuggeräusch sind wir in den Keller gerannt

Lothar Girse

Am ersten Tag kommen sie bis Kemme, am zweiten finden sie in Bettrum Unterschlupf. Für Jahre. „Bei jedem Flugzeuggeräusch sind wir in den Keller gerannt“, erinnert sich Griese. „Die Dörfler haben uns Städter ausgelacht. Andere zieht es nach Süden. Gerhard Brunotte, zehn Jahre alt, will mit seiner Familie per Trecker aus der Stadt fliehen. Sie haben sogar ein Ziel. Aber wo? „Kein Schwein wusste, wo Königsdahlum ist“, wird sich Brunotte 60 Jahre später erinnern. Und selbst dann noch nicht darüber schmunzeln. Er hat die Bombardierung im Liebesgrund-Stollen überlebt. Seine Mutter hat Verbrennungen erlitten. „Und der Gau-Befehlsstand lag sicher im Berghölzchen“, sagt Brunotte voller Verachtung.

Die Rückkehr

Barbara Griese hat mit Mutter und Geschwistern vom Galgenberg aus verfolgt, wie „die Amis ihre Christbäume setzen“. So sieht es aus, wenn die Bomber ihre Fracht abladen. Christbäume. Der Himmel wird schwarz. Viele Überlebende sagen bis heute „die Amis“. Dabei waren es Kanadier. Barbaras Mutter geht mit den Kindern zurück in die Stadt, als die Hitze es zulässt. An den Mauern der Jakobikirche kleben verkohlte Leichen. An den Galgen vor der Sparkasse hängt ein Dutzend Menschen. Sie haben absurd lange Hälse. Sie hängen da schon länger.

Um den Rolandbrunnen sind weitere Leichen gestapelt. Barbara Griese erzählt 60 Jahre danach mit erstarrtem Gesicht. Sie sagt: „Mutter hat sich ewig Vorwürfe gemacht, dass sie mit uns kleinen Kindern dort entlang gegangen ist.“ Auch Günter Springmann sieht „Rollwagen, auf denen die Leichen gestapelt sind“. Helga Weniger und ihre Familie stehen vor den Trümmern des Mehrfamilienhauses am Friesenstieg. Zweimal pro Woche sind sie nach Lamspringe zu den Großeltern gewandert, 30 Kilometer mit dem Bollerwagen. Sie sind nicht zu Hause gewesen, als die Bomben fielen. Der Nachbar schon.

Helga Weniger erkennt die zusammengeschrumpfte und verkohlte Leiche nur an den grünen Stulpen. Geschirr liegt herum. In die Teller haben sich Blutspritzer eingebrannt. Sie gehen nie wieder raus. Von Tarek Abu Ajamieh. Dieser Text ist am 22. März 2005 in der gedruckten Ausgabe der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung erschienen.

Weitere Bombenangriffe

Wenn von den verheerenden Bombenangriffen auf Hildesheim die Rede ist, denken die meisten Menschen an den 22. März 1945. Dabei klinkten schon mehrmals zuvor alliierte Bomber ihre tödliche Fracht über der Stadt aus. Dieses Video zeigt Hildesheim nach einem der ersten Bombenangriffe im Juli 1944.

„Mama, ich will noch nicht sterben!“: Ein Zeitzeugenbericht von Karl Dieter Wiennecke

Auch am 22. Februar 1945 fielen Bomben auf Hildesheim. Damals wollten die Alliierten vor allem den Verschiebebahnhof treffen, zerstörten aber gleichzeitig einen großen Teil der Neustadt. Dort lebte zu dieser Zeit auch der damals zehnjährige Karl Dieter Wiennecke. Er überlebte und sah zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben einen Toten. Es war sein Freund Manfred.

Dokumente aus Kriegstagen

Alexander Moeser lebte von 1878 bis 1947. Er nutzte seinen Kalender als Kurz-Tagebuch. Moeser war so ordentlich und zuverlässig, dass er trotzdem jeden Tag das für ihn Wichtigste aufschrieb – auch am 22. März

Dieses Telegramm erreicht Oberfeldwebel Anton Marheinke an der Ostfront – allerdings erst Tage nach der Zerstörung Hildesheims.

Mitarbeit: Malin Sundermeyer

Anmerkung zum Artikel

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