Reportage

Der Doktor und das liebe Vieh: Ein Hildesheimer Schulleiter zwischen Büro und Weide

Hildesheim/Bad Oeynhausen - Agrarwissenschaftler, früherer Regenwald-Forscher, Rinderzüchter: Andreas Block ist vieles. Vor allem muss er aber eine Hildesheimer Schule im Blick behalten.

Hildesheim/Bad Oeynhausen - Andreas Block steht in einer Wolke aus Fliegen und greift einem rotbraunen Koloss aus Fleisch und Knochen an die Hörner. Das massige Hochlandrind bringt mindestens eine halbe Tonne Gewicht auf die Waage. Und seine Hörner, lang wie die eines nordamerikanischen Bisons, befinden sich nur Zentimeter von dem 54-jährigen Bauern entfernt. Aber der ist nicht zimperlich. „Wenn ich dabei bin, ist es nicht gefährlich“, sagt er, während er das aufdringliche Rind zur Seite schiebt, trockenes Brot aus einer großen Papptüte fischt und es auf die Weide wirft.

Block, an diesem Vormittag in blauer Arbeitshose und kariertem Holzfällerhemd gekleidet, schaut durch seine randlose Brille auf die 20 zotteligen Tiere, die es sich hier auf einer Weide seines Grundstücks schmecken lassen. Mit ihnen kommen und gehen auch die Fliegenschwärme. „Sie leben das ganze Jahr über hier draußen“, sagt der Bauer und nennt nacheinander ihre Namen. Da sind zum Beispiel Milos und Lucy, Lizzy und Siegfried. Die vier jüngeren Kälber in der Herde haben noch keine Namen. Die beiden Ältesten, beide etwa zehn Jahre alt, sind Sina und Maja. Eigentlich lässt Block seine Hochlandrinder nach rund vier Jahren schlachten. Aber Sina und Maja bekommen ihr Gnadenbrot auf dem Hof. „Der Familienrat hat das so beschlossen“, sagt Block. Normalerweise sind landwirtschaftliche Betriebe kein Ort gesteigerter Sentimentalitäten. Aber wo Sympathien landen, landen sie nun einmal.

Wenn man den Mann mit den langsam grauer werdenden Haaren inmitten seiner Herde stehen sieht, bekommt man eine Ahnung davon, wie tief die Verbindung eines Bauern zu seinen Tieren und Feldern mitunter sein kann. Dabei bewirtschaftet Block den Hof lediglich im Nebenberuf. Sein Hauptjob ist es, die Michelsenschule in Hildesheim im Blick zu behalten, deren Direktor er seit März ist.

Also fährt Block jeden Morgen aus dem Bad Oyenhausener Ortsteil mit seinem Auto nach Hildesheim und am Abend wieder zurück. An diesem Tag hat er frei. Jetzt bekommen die Hochlandrinder erst einmal ihr Brot. Für den Nachmittag hat sich die Tierärztin angekündigt. Gemeinsam wollen sie den Tieren Blut entnehmen, um es auf Herpes zu untersuchen. Das geschieht einmal im Jahr. Das Blut wird an der Schwanzwurzel entnommen. „Und die Rinder finden das gar nicht lustig“, sagt Block.

Wer sich in Niedersachsen mit Landwirtschaft befasst, kommt an der Michelsenschule nicht vorbei

Andreas Block, Schulleiter

Er hat den Inhalt der Tüte in der Umgebung verteilt und setzt sich wieder auf seinen Trecker. Der Fendt schüttelt sich beim Starten gewaltig und tuckert dann gemächlich zurück zum Anwesen. Felder mit Raps und Gerste ziehen links und rechts vorbei. „Unser Grundstück geht etwa bis zu den Häusern dort hinten“, sagt er und zeigt auf einige rote Ziegeldächer in der Ferne. Fast 35 Hektar bewirtschaftet Block hier nach Feierabend, an Wochenenden und mit der Hilfe von Lohnarbeitern und einem befreundeten Bauern in der Nähe. Um Geld geht es dabei kaum. In erster Linie geht es um Tradition, denn Blocks Familie bewirtschaftet dieses Fleckchen Land seit vielen Jahrhunderten. Daneben verschafft es dem Schuldirektor auch Gewicht für seinen Hauptberuf: Das Michelsengymnasium hat einen landwirtschaftlichen Schwerpunkt. Wer könnte besser geeignet sein, hier an der Spitze zu stehen, als ein promovierter Agrarwissenschaftler, der nebenbei noch einen eigenen Bauernhof führt? Und nicht zuletzt verschafft die Hildesheimer Schule auch Block Gewicht. „Wer sich in Niedersachsen mit Landwirtschaft befasst kommt an der Michelsenschule nicht vorbei“, hatte Block schon kurz nach seinem Amtsantritt gesagt. Neudeutsch würde man wohl von einer Win-win-Situation sprechen.

Block stoppt am Rande eines Rapsfeldes und schreitet mit seinen schweren Arbeitsstiefeln mitten rein ins dichte Grün. Block ist groß, seine Schritte sind es ebenfalls. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen. „An dieser Stelle befand sich das Adelshaus des Herrn von Fessel“, sagt er. Von dem Anwesen ist nichts mehr zu sehen. Aber seine Familie mütterlicherseits spielte in dem damaligen Gefüge seit dem späten Mittelalter eine Rolle. Sie war dafür zuständig, den Zehnt einzutreiben, eine damalige Steuer, bei der die Bauern regelmäßig den zehnten Teil ihrer Ernte abzuliefern hatten. Die Aufgabe brachte auch Rechte mit sich: Zum Beispiel das Recht, eine eigene Wassermühle zu betreiben. Die alten Mühlsteine liegen noch auf dem Grundstück. Der Rest der Mühle ist heute zu einer Garage umfunktioniert.

An dieser Stelle befand sich das Adelshaus des Herrn von Fessel

Andreas Block an einer Stelle seines Grundstücks

Den damaligen Wasserlauf gibt es auch noch. Mehr ein schmales Rinnsal, das einmal quer über das komplette Grundstück verläuft, ehe es irgendwo hinter den Rindern aus dem Blickfeld verschwindet. So wie seine Urahnen das Recht hatten, Getreide zu mahlen, hat Block das Recht, Wasser aus dem Bach zu entnehmen. „300 Liter pro Stunde“, sagt der Agrarwissenschaftler. Vermutlich könnte niemand genau nachmessen – schließlich treten hier auch die Rinder gelegentlich durstig ans Wasser.

Wer sich mit Landwirtschaft beschäftigt, kommt am Thema Wasser nicht vorbei. Vor allem heute, wo sich weltweit Dürren und Überflutungen abwechseln und trotzdem unter dem Strich zu wenig Wasser für gedeihlichen Wuchs übrig ist. Block hat es jeden Tag vor allem bei seinen Bäumen vor Augen. Buchen, Eschen, mitunter sogar Eichen, viele mindestens dreimal so alt wie er selbst, kämpfen um ihr Leben. „Die Eichen kommen noch ganz gut klar“, sagt Block und stoppt vor einem alten faulenden Baum mit trockenen Ästen. Aber die Buchen wurzelten nicht so tief wie die Eichen. „Unsere alte Buche hier muss wohl bald weichen“, sagt er.

Der Baum steht nicht weit weg vom Gerstenfeld. Block schreitet hier wieder mit seinen großen Schritten hinein, greift eine Ähre und begutachtet sie zufrieden. „Die Körner sind ausgebildet, Stärke wird aufgebaut, sie sind jetzt in der Teigreife“, sagt er. Es klingt wie das kleine Einmaleins der Agrarwissenschaft.

Wenn ich kostendeckend arbeiten will, muss ich sieben Tonnen ernten

Andreas Block auf seinem Gerstenfeld

Und dann fällt ihm wenige Meter entfernt noch eine kleine braune Stelle am Halm auf. „Ein Pilz“, sagt er. „An dieser Stelle wird die Photosynthese der Blätter beeinträchtigt.“ Früher hätten Bauern jetzt Chemie eingesetzt. Aber das ist weitestgehend verboten. Und wenn nicht mindestens unbezahlbar geworden. Block will seine Gerste als Viehfutter verkaufen. „Wenn ich kostendeckend arbeiten will, muss ich sieben Tonnen ernten“, sagt er. Im vergangenen Jahr waren es noch etwa 500 Kilogramm mehr. Vor diesem Hintergrund gleicht jede kleine braune Stelle einem potenziellen Querschläger.

Im Grund könnte Block an fast jeder Pflanze einen kurzen Vortrag halten. Wobei die Themengebiete, mit denen er sich zu seiner Zeit als Wissenschaftler befasste, noch gar nicht berücksichtigt sind. Block hat zwei Jahre für die Uni Göttingen im Amazonasgebiet geforscht. In Brasilien ging er damals der Frage nach, welche negativen Folgen die Brandrodung auf den Boden im Regenwald hat – und wie man mithilfe verschiedener Techniken daran arbeiten kann, die Nährstoffe für den Boden zu erhalten. Nur weniges erinnert in seinem Haus, auf seinem Grundstück an die Zeit von damals. An den Wänden hängen einige Bilder. Und im Internet stoßen Findige auf seine Doktorarbeit.

Im Netz ist der zweifache Vater auch an anderer Stelle aktiv. Unter dem Namen Bauerblock169 präsentiert er bei Instagram einige Impressionen seines Hofs. Die meisten der Fotos und Filme zeigen seine Hochlandrinder in ihrer Umgebung. Wer für sie verantwortlich ist, darf nicht zu zartbesaitet sein. Einmal hatte eine der Mutterkühe ein totes Kalb im Laib. „Wir mussten sie aufschneiden“, erzählt Block. Gemeinsam mit einer Tierärztin betäubte er die Kuh – dann schnitten sie den Bauch auf und holten das tote Wesen ans Licht. So schwer und unangenehm der Eingriff war: Die Kuh überlebte. Als Block seine Viecher jetzt auf der Weide füttert, steht sie dabei und knuspert seelenruhig am trockenen Brot.

Weniger gut ist es mit Blocks Bienen gelaufen. Als er nach dem Winter in die Stöcke schaute, waren sie tot. Warum, kann er auch nicht sagen. Vielleicht erfroren, vielleicht von Milben dahingerafft – alles möglich. Jetzt hat sich Block ein neues Bienenvolk geholt. Hinter einer flachen Hainbuchenhecke summt und brummt es schon gewaltig. Block wirft sich in Schutzmantel, Handschuhe und Hut und öffnet den Stock. „Mal sehen, ob ich die Königin finde, sie ist deutlich größer als die Arbeiterinnen“, sagt er und hält sich die Wabe vor die Augen. Tausende Bienen befinden sich jetzt nur Zentimeter neben seinem Gesicht. Die Königin kann er auf die Schnelle nicht ausmachen. Er schiebt die Wabe zurück an seinen Platz und schält sich aus der Montur.

Auf dem Bauernhof nähert sich ein sonniger Tag dem Ende. Irgendwann ruft ein Abteilungsleiter der Michelsenschule an, um ein schulinternes Thema zu besprechen. Block vertröstet ihn auf später. „Das könnte länger dauern“, sagt er. „Jetzt brauche ich aber erst einmal eine Scheibe Brot.“ Irgendwann kommt sein 16-jähriger Sohn nach Hause. „Kommst du nachher mit auf die Weide“, fragt er. Der Sohn nickt. In der Ferne wiegen sich die reifende Gerste und der reifende Raps im warmen Frühlingswind. Nicht weit entfernt suchen die Hochlandrinder nach den letzten Knusten. Sie ahnen noch nichts von der anstehenden Blutprobe. „Das ist auch gut so“, sagt Block. „Denn es wird wieder ein mittelschweres Drama.“

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