Kolumne Gefundenes Fressen

Der eine, der immer noch ’ne letzte Frage hat

Hildsheim - Es gab ihn schon in der Schule, es gibt ihn heute auf jeder Versammlung: Den, der sich ganz zuletzt nochmal zu Wort meldet, wenn eigentlich alles durch ist. Eine Frage hätte er da noch, sagt er – und man weiß: Jetzt wird der Abend lang.

Die Kolumne Gefundenes Fressen erscheint jeen Montag in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. Foto: HAZ

Hildsheim - Sie kennen ihn alle, liebe Leserinnen und Leser: In jeder Konferenz, jeder Sitzung und jedem Gremium ist er vertreten. Ist man dort nach stundenlangem, harten Ringen, nach Anhörung aller Meinungen und einem langwierigen Abstimmungsprozess ENDLICH zu einem Ergebnis gelangt, dann, ja leider: meldet er sich zu Wort.

Also eine Frage hätte er wohl noch, sagt er – und während sich alle anderen genervt ansehen, weil soeben ihr sauer verdientes Feierabendbier aus greifbarer Nähe wieder in weite Ferne gerückt ist, legt er los. Er hat sich nämlich schon immer gefragt, wie es sein kann, usw. usf., es geht um irgendeinen abseitigen Blödsinn, der nicht das Geringste mit dem Thema zu tun hat. Aber der Mann darf selbstverständlich ausreden, auch er soll gehört werden, auch er bekommt eine Antwort, sogar AntwortEN, denn natürlich fallen ihm kleckerweise immer noch Nachfragen ein.

Ob man ihm vielleicht mal ein paar Leute vorstellen soll?

Es ist zum Verzweifeln, man möchte den Herrn fragen, warum er weder ein Zuhause noch Hobbys hat, ob man ihm bei Gelegenheit vielleicht mal ein paar Leute vorstellen soll. Gleichzeitig möchte man ihm allerdings Klassenkloppe androhen, man möchte rufen: Nieder mit der Demokratie, die sowas ermöglicht! Nieder mit dem Senf, den einfach jeder dazugeben darf, sei er noch so unscharf! Tja. Aber so isses bei uns. Der Mann ohne Zuhause darf fragen, was und so viel er will. Jeder darf das. Und kaum ist man der Sitzung entkommen – ich spul jetzt grad mal ein paar Stunden vor –, weiß man auch wieder, dass es genau so richtig ist. Das mit der Demokratie, das hat man ja auch nicht so gemeint. Demokratie ist super, bei aller Unvollkommenheit.

Wie Konrad Adenauer mal sagte: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt es nicht“. Damit rief er uns alle zu Realismus und Gelassenheit auf – höchstwahrscheinlich kam er da grad aus einer ziemlich langen Sitzung.

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