Hildesheim - Man wird lange suchen müssen, um einen Tischler zu finden, der ähnlich viele Fenster und Türen gebaut hat wie Hans-Jürgen Vogel. Bis zu 40.000 Exemplare dürften es wohl innerhalb seines langen Berufslebens gewesen sein, erzählt der 65-jährige Handwerker, während er in der Drispenstedter Tischlerei August Meyer an seiner Hauptmaschine, dem Unicontrol 6, sägt und fräst. Die große Maschine ist ein Allrounder im Fenster- und Türenbau. Vogel füttert die computergesteuerte Maschine mit Daten und spannt anschließend die einzelnen Holzstücke in die Förderbänder. Am Ende kommen die fertigen Einzelteile aus dem Gerät, die Vogel zusammensetzen muss.
65 Jahre ist Hans-Jürgen Vogel jetzt alt. Demnächst will er in den Ruhestand gehen. Doch derzeit steht er noch jeden Arbeitstag an seinen Maschinen in der Drispenstedter Werkstatt. Hier arbeitet der Borsumer, der ursprünglich aus Algermissen stammt, inzwischen seit einem halben Jahrhundert für die Tischlerei. Er hatte seine Ausbildung am 1. April 1974 zunächst bei der Firma Brunotte begonnen. Doch die geriet wenig später in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zusammen mit seinem Vater machte sich der damals 15-Jährige auf den Weg zu August Meyer der schon damals seine Tischlerei an der Drispenstedter Hildebrandstraße führte. Vogel wurde aufgenommen – und wechselte zum 16. Mai des Jahres zur anderen Tischlerei. 1977 legte er seine Gesellenprüfung ab. Und nach einem kurzen „Ausflug“ zur Bundeswehr wurde er dauerhaft angestellt.
Die Chefs kamen und gingen – Hans-Jürgen Vogel blieb
Die Chefs kamen und gingen – Hans-Jürgen Vogel blieb. Auf August Meyer folgte 1989 sein Sohn Helmut. Als der im Jahr 2020 in den Ruhestand ging, übernahm der damalige Mitarbeiter und Tischlermeister Frank Nötel das Geschäft. Hans-Jürgen Vogel hielt die ganze Zeit an seinen Maschinen Stand. „Frank Nötel kenne ich noch als Auszubildenden“, sagt Vogel. Natürlich würde er es nie wagen, Schlechtes über seinen heutigen Chef zu sagen. „Wir arbeiten gut zusammen“, sagen beide.
Das scheint auf das gesamte Team der Tischlerei zuzutreffen. 17 Mitarbeiter beschäftigt Nötel derzeit, neben Hans-Jürgen Vogel sind drei weitere Männer mehr als 40 Jahre im Betrieb. Einer ist gerade nach 43 Jahren in den Ruhestand gegangen.
Handwerkskammer: Etwas Besonderes, wenn Mitarbeiter so lange bleiben
Eine Statistik darüber, wie lange Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchschnittlich in Betrieben arbeiten, führt die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen zwar nicht. „Aber sicherlich ist es mit Blick auf den Arbeitsmarkt und auch auf die andere Mentalität der jüngeren Generationen etwas sehr besonderes, wenn Mitarbeiter eine so lange Zeit einem Unternehmen treu bleiben“, sagt Kammersprecher Yannik Herbst. Im Zuge der regionalen Veranstaltungen der Kreishandwerkerschaften ehre Präsident Delfino Roman regelmäßig die besonders „treuen Seelen“ der Handwerksbetriebe in Südniedersachsen. „Dort sind dann oftmals auch Jubilare mit 40 oder mehr Jahren Betriebszugehörigkeit vertreten.“ 50 Jahre wie bei Hans-Jürgen Vogel sind allerdings schon eine Besonderheit.
Am 1. Septemer 1989 verlor er zwei Finger
Was der 65-Jährige hergestellt hat, wurde im Laufe der Jahrzehnte in Hunderte Privathäuser, aber auch in Gaststätten, Restaurants oder Banken verbaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass jede Frau und jeder Mann im Raum Hildesheim irgendwann einmal eine seiner Fenster öffnete oder Türen schloss, ist groß.
Und weil es sich um einen erfahrenen Tischler handelt, stellt sich am Ende natürlich auch die Frage nach den fehlenden Fingern. Bei Hans-Jürgen Vogel sind es der Mittel- und der Ringfinger der rechten Hand. Am 1. September 1989 habe er wohl einmal zu viel auf die damalige Praktikantin und zu wenig auf die kreischende Fräse vor sich geachtet, erzählt er. Zwei Finger auf 50 Berufsjahre? Das ist eine überschaubare Zahl.


