Reportage

Sein TikTok-Video aus dem Kreis Hildesheim berührt die Menschen: Unterwegs mit dem Hundeflüsterer von der Müllabfuhr

Hildesheim - Der Hildesheimer Dennis Schaper arbeitet bei der Müllabfuhr. Durch seinen Job hat er sich mit mehreren Hunden im Landkreis angefreundet. Jetzt ging er bei TikTok viral. Die Geschichte dahinter.

Hildesheim - Margeriten, wilde Brombeeren und Biomülltonnen säumen den Straßenrand einer friedlichen Sackgasse in Heisede. Zwei Schilder: absolutes Halteverbot, dienstags und donnerstags. Heißer Asphalt, summende Bienen. Hochsommer. Der Müllwerker Dennis Schaper kriegt allerdings wenig von der idyllischen Szenerie mit. Sobald der Müllwagen in die Straße biegt, herrscht Trubel. Lautes Piepen beim Rückwärtsfahren, Gepolter aus dem Inneren der riesigen Trommel. Der Müllwerker springt vom Trittbrett ab und rollt eine grüne Tonne nach der anderen auf die Behälterschüttung, entleert den Inhalt ins Presswerk und schiebt sie zurück an ihren Platz. Das macht er heute 800 Mal. An seinem ersten Arbeitstag, vor sechs Jahren, war er noch überfordert von der körperlichen Arbeit. Heute lächelt er locker den Nachbarn zu, filmt manchmal nebenbei mit seinem Handy. Er ist der TikTok-Müllmann – der mit den Hunden.

Hier in Heisede wartet bereits jemand auf ihn. Paul, ein ausgewachsener Golden Retriever, lugt aus der sattgrünen Hecke hervor, die das Grundstück seiner Halter umringt. Mit seinem rötlichen Fell ist er dabei kaum zu übersehen. Er bellt aufgeregt, zwei Pfoten auf der Backsteinmauer, die ihn von der Straße fernhält, und zwei Pfoten im Blumenbeet. Das geht schon seit fünf Minuten so. „Da hinten sind die Straßenbahnschienen“, sagt Schaper mit Blick aus der Sackgasse, „Ich glaube, er hört es, wenn wir darüberfahren.“ Dann kommt Paul herausgeschossen.

Der rote Paul vor der grünen Hecke

Der 39-jährige Schaper klettert kurz hoch in die Fahrerkabine des Lasters, wo sein Kollege Björn Brand sitzt, wirft seine orange Mütze aufs Armaturenbrett vor der Windschutzscheibe. Da bleibt sie auch erstmal, neben dem Björn-Schild und unter einem VfL Wolfsburg-Schal. Er kramt etwas herum. Steigt mit einem Hundeleckerli in der Hand wieder runter. Mittlerweile hält Paul es kaum aus vor Freude, springt auf und ab, wedelt so sehr mit dem Schwanz, dass die Tannenhecke mitwackelt. „Das ist so niedlich“, ruft Nachbarin Angelika Gräflich von der anderen Straßenseite herüber. Auch sie wartet jeden Dienstag – weil sie Paul so gerne zusieht. „Er bleibt immer, bis er sein Leckerli hat und ich ihn gestreichelt habe, vorher darf ich nicht zurück ins Haus gehen“, sagt die Nachbarin. Der Golden Retriever ist nun beinah über die Mauer geklettert, Schaper und Angelika Gräflich kraulen ihn. Aber nur kurz. Schließlich warten noch jede Menge Mülltonnen. Und Hunde. Die warten auch.

Wir haben auch kleine Haribotüten dabei, für Kinder, die am Straßenrand auf den Müllwagen warten.

Dennis Schaper, ZAH-Müllwerker

Vor einem Jahr ging das Ganze los. Da fiel Schaper der rote Paul vor der grünen Hecke ins Auge. Und als er seine Halterin an der Mülltonne traf, fragte er einfach mal: Darf ich den füttern? So abwegig fand er das nicht. „Wir haben schließlich auch kleine Haribotüten dabei, für Kinder, die am Straßenrand auf den Müllwagen warten“, sagt er. Ein bisschen Karnevalsumzug, jeden Tag. Und Schaper ist ein großer Tierliebhaber, „egal ob Hund, Katze, Maus“. Er selbst hat einen Kater namens Hempels zu Hause. Irgendwann will er aber auch einen Hund haben, das wäre sein Traum, sagt er. Noch ginge das allerdings nicht, wegen der Arbeitszeiten.

Hunde, Schildkröten und Hasen

Schaper ist mit Tieren groß geworden. „Auf dem Dorf, da hat man noch Kuhmilch direkt vom Bauern nebenan geholt“, erinnert er sich und beteuert gleichzeitig, dass das Stadtleben aber auch Vorteile hat. Er selbst wohnt jetzt schließlich mit Hempels in Hildesheim. Seine Eltern hatten früher Hunde, Schildkröten, Hasen – Tiere waren schon immer fester Bestandteil seines Lebens. Der Rest war oft weniger stabil. „Ich war ein kleiner Rowdy“, beschreibt Schaper es heute. Die Zeit nach der Schule: erst einmal problematisch, er jobbte hier und da, war orientierungslos. „Ich hatte andere Sachen im Kopf“, sagt er und belässt es dabei.

Er landete schließlich über eine Zeitarbeitsfirma erst in der Lebensmittelbranche, verlegte dann Solarpaneele, arbeitete auch mal in der Logistik. Dann schickte die Firma ihn zur Müllabfuhr in Hannover. Das war vor sechs Jahren. Als ihm die Stelle zugeteilt wurde, war er weder optimistisch noch pessimistisch, wollte es auf sich zukommen lassen. „Der erste Tag war dann eine Katastrophe“, erinnert er sich. Es war kalt, und er war das viele Laufen nicht gewohnt. „Der Job ist wirklich anstrengend, rein körperlich.“ Heute fällt es ihm leichter. So leicht, dass er manchmal von sich behauptet, er mache ja eigentlich nicht viel als Müllmann, obwohl er mit dem Begriff hadert. Ja, eigentlich heißt es Müllwerker. „Ich nenne mich Lader oder Kipper.“ Das ist eben derjenige, der draußen am Wagen steht und 800 Mülltonnen am Tag leert.

100 Dezibel

Knapp 190 Mitarbeiter kümmern sich um die Müllentsorgung in Stadt und Landkreis, sagt der Geschäftsführer des Zweckverbandes Abfallwirtschaft Hildesheim (ZAH), Jens Krüger. Rund 100 Fahrzeuge sind dafür täglich im Einsatz. Dennis Schaper ist seit 2019 fest angestellt bei dem ZAH. Die Arbeit gefällt ihm, „auch wenn es dreckig ist“. Und laut. An die 100 Dezibel umgeben ihn während seiner Schicht, ungefähr so viel wie ein vorbeirasender U-Bahn-Zug. Piepen, Rollen, Walzen, Pressen, hupende Autofahrer, das Rattern über die Straßenbahnschienen hier im Nordkreis, Paul, der dann losbellt, klappernde Deckel, 800 Mal, und immer: bloß keine Tonne vergessen.

Klar, Leute sehen auch auf einen herab, aber die meisten freuen sich, wenn sie uns sehen.

Dennis Schaper, ZAH-Müllwerker

Stille. Die braucht er nach Feierabend. Dann geht er zuerst duschen und kümmert sich um Kater Hempels. Er hat einen Mitbewohner, der ebenfalls Müllwerker ist. „Ich habe ihm das empfohlen“, berichtet Schaper und klingt dabei stolz. „Man hat immer früh Feierabend, arbeitet nicht an Wochenenden“, sagt er. „Also, ganz selten, wenn unter der Woche ein Feiertag war.“ Keine Nachteile? „Klar, Leute sehen auch auf einen herab“, räumt Schaper ein. „Aber die meisten freuen sich, wenn sie uns sehen. Ich erhalte viel Wertschätzung.“

Die Wertschätzung erreicht ihn auch auf dem Handy. Nach Feierabend verbringt er, wie viele andere, seine Zeit gerne auf TikTok. Dort teilt er sein Leben. Pauls Leckerli-Vorfreude und Kater Hempels beim Spielen, eine Maus auf dem Müllwagen, die Arbeit und seine Freizeit. Ein Leben, das gefestigter geworden ist, fein-säuberlich abgepackt in 60-sekündige Videoclips.

Wenn die Biotonne abgeholt wird – das finden sie gut!

Ilse Wonneberger, Anwohnerin

Ein anderer Tag, ein anderer Ort. Dieses Mal Rheden bei Gronau. Hundebellen schallt durch die steile Seitenstraße des 1.700-Seelen-Dorfes. „Mit den beiden ist immer Action“, ruft die 77-jährige Ilse Wonneberger über den Gartenzaun. Ihre Hunde Loui, ein Border-Collie-Mix, und Finn, ein Australian Shepherd, flitzen zwischen Wäscheleine und Blumenbeet hin und her. Der DHL-Bote war gerade da. „Loui bellt, bis ich die Post reingeholt habe“, erklärt sie resigniert. Der Postbote, die gelbe Tonne – das können die beiden halt nicht leiden. „Aber wenn die Biotonne abgeholt wird, das finden sie gut“, witzelt Wonneberger, als das bekannte Piepen einsetzt und der ZAH-Trommelwagen sich langsam durch die enge Kreuzung manövriert. „Euer Freund kommt, seid schön brav“, ruft sie den Hunden zu. Und das sind sie tatsächlich.

„Finn ist schüchtern“, erzählt Schaper, als er kurze Zeit später seine Hände über den Zaun in Richtung der beiden Hunde hält. Für jeden ein wenig getrocknete Hähnchenbrust. Und die Tiere, die eben noch für Action gesorgt haben, sind nun ganz zahm. „Erst nach ungefähr drei Monaten ist Finn mit zum Zaun gekommen, wenn ich Loui gefüttert habe.“

Ich füttere keine Hunde einfach so.

Dennis Schaper, ZAH-Müllwerker

Bevor er anfing, Finn und Loui Leckerlis mitzubringen, hat der Müllwerker Wonnebergers Kinder um Erlaubnis gefragt, als diese zu Besuch waren. „Ich füttere keinen Hund einfach so, manche sind ja Wachhunde, andere haben Allergien“, versichert er. Trotzdem wird ihm dies in den Kommentaren auf TikTok vorgeworfen. Dann hat der Tierfreund das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. „Es gibt bestimmt 200 Hunde auf der Tour – ich füttere vier“, erklärt Schaper. „Und ich kaufe ja gute“, damit meint er die Leckerlis. „Immer Hähnchenbrust mit Leber oder sowas halt. Ohne Zusatzstoffe.“ Ungefähr 10 Euro gibt er im Monat dafür aus. Ein Preis, den er gerne zahlt.

Die ZAH-Geschäftsführung sieht guten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern als selbstverständlich an. „Wir kennen die Faszination, die ein Müllwagen bei Kindern auslöst“, sagt Geschäftsführer Krüger. „Der ein oder andere Fahrer steht daher auch mal länger vor einer Haustür, damit Kinder das Fahrzeug bestaunen können.“ Dass auch Hunde diese Faszination teilen, war ihm bisher allerdings nicht bewusst. Aber: „Solange es der Besitzer nicht untersagt, dass der Mitarbeiter beizeiten die Hunde mit Leckerlis versorgt, ist aus unserer Sicht nichts dagegen zu sagen.“

500.000 Aufrufe

Das Video, in dem Schaper dem freudig wartenden Paul ein Leckerli mitbringt, ging vor anderthalb Monaten viral. 10.000 Mal wurde es innerhalb von einer Stunde angesehen. „Mein Handy hat durchgehend vibriert“, beschreibt Schaper den Tag. Mittlerweile hat der Clip fast eine halbe Million Aufrufe. Ein algorithmischer Zufall? „Es gibt eine riesige Müllmann-Community auf TikTok“, klärt Schaper auf und lächelt.

Und tatsächlich: Gibt man das umgangssprachliche „Müllmann“ in die Suchleiste ein, werden unzählige Videos von den Frauen und Männern in Orange ausgespielt. Witzige Tanzeinheiten, Fragen und Antworten zum Job, szenische Aufnahmen der Touren. Dennis Schapers Erfolg ist kein Einzelfall, die Müllabfuhr in Bayreuth knackt ebenfalls regelmäßig die Millionenmarke. Die Straßenreinigung in New York City, einer Stadt, die für ihren Müll bekannt ist, betrieb ebenfalls ein erfolgreiches TikTok-Profil, gespickt mit Nischen-Internet-Trends und ironischem Humor.

Ein richtiges Leben

Viele Menschen verfolgen die Müllabfuhr im Netz. War es das, was Schaper zu seinem ersten Video von der Arbeit bewegte? Er überlegt kurz. „Das Influencer-Dasein ist wahrscheinlich der Traum von vielen. Vielleicht habe ich deswegen damit angefangen.“ So richtig hat er sich wohl noch nie Gedanken darüber gemacht. Auch warum seine Videos so häufig angesehen werden, kann er nicht genau beantworten. „In dieser Internet-Welt, in der immer alles perfekt ist, ist es vielleicht schön, mal einen Einblick in ein richtiges Leben zu kriegen“, vermutet er dann. Ein richtiges Leben. Eines, das auch mal instabil ist, in dem es mal piept und rattert. Wo man am Gartenzaun plaudert und von einem Hund träumt. Und eines, in dem es auch ein bisschen Müll gibt. „Näher am Menschen“, nennt Schaper es. Der Müllmann, oder der Kipper. Der mit den Hunden halt.

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