HAZ-Reportage

Der Mut des Verzweifelten: Jens Windel und sein Einsatz für Missbrauchsopfer

Kreis Hildesheim - Jens Windel ist als Junge vergewaltigt worden. Von einem Hildesheimer Pfarrer. Jetzt engagiert sich der 46-Jährige für Opfer sexualisierter Gewalt – und hat es mit einer Katholischen Kirche zu tun, die die Betroffenen immer wieder zweifeln lässt, ob sie es wirklich ernst meint mit der Aufklärung

Kreis Hildesheim - Es ist Dienstag, 17. November, und Jens Windel hat Angst. Was denkt er, wie wird er sich fühlen, morgen Abend, wenn es geschafft ist? Die Antwort sind Tränen. Der 46-Jährige hebt die Hände vors Gesicht, ringt um Fassung, wischt sich über die glasigen Augen. „Meine Nerven liegen blank“, sagt er schließlich. Er fürchtet sich. Vor der Öffentlichkeit. Werden Leute ihn ab morgen verbal angreifen, weil er nicht schweigt? Ihm vielleicht Geldgier vorwerfen? Windel weiß von diesen Vorwürfen gegen andere Betroffene, die es gewagt haben, ihr Gesicht zu zeigen und sich nicht vor Bischöfen wegducken. Wird Windel Hass ernten, von Menschen, die ihre Katholische Kirche nicht in den Dreck gezogen sehen wollen und die Augen lieber zumachen? Er hat Angst davor, dass seine Familie unter den Reaktionen leiden könnte.

Er will mit seinem Gesicht und Namen einstehen – für sich und andere Betroffene

Und zugleich weiß er, dass er nicht zurückziehen kann und will. Er, Jens Windel, will mit seinem Gesicht und Namen einstehen für sich und andere, die nicht die Kraft dazu aufbringen. Es gehört viel Mut dazu. „Und Verzweiflung“, sagt er. „Verzweiflung, weil sich einfach nichts tut.“

Und deswegen macht Windel das öffentlich, was er selbst erst vor ein paar Jahren begann zu begreifen: Ich bin ein Opfer sexualisierter Gewalt eines Geistlichen, ein Pfarrer hat mich missbraucht, er hat mich vergewaltigt, als ich ein Kind war, ich bin nicht Schuld daran.

Er hat erkannt: Es geht ihm weiterhin nicht gut, aber besser, wenn er aktiv ist. Deswegen hat er die Betroffeneninitiative Hildesheim gegründet. Und darum will er am nächsten Tag in Hildesheim auf dem Domhof Kerzen entzünden und so an die bisher bekannten Opfer sexualisierter Gewalt durch Geistliche im Bistum Hildesheim erinnern. Die große Missbrauchs-Studie der Deutschen Bischofskonferenz hatte ergeben: Allein im Bistum Hildesheim sind in den vergangenen Jahrzehnten nachweislich 153 Menschen missbraucht worden. Die Täter: 46 Priester.

Prälat Aschemann betonte, daß Pfarrer Straub sein Verhalten ,zutiefst’ bedauere

Zitat aus einem HAZ-Artikel im Jahr 1995

153 Betroffene, 153 Schicksale, 153-mal Leid. Jens Windel will am Mittwoch 154 Kerzen entzünden. Er wisse von einer weiteren Person, die betroffen ist, in der offiziellen Statistik aber nicht auftaucht, sagt er.

Jens Windel ist ein halbes Jahr alt, als er von seiner leiblichen Mutter getrennt und ins Heim St. Ansgar gebracht wird. Mit zweieinhalb Jahren wird er adoptiert. Dass er als katholischer Junge dann Messdiener wird, ist völlig klar, auch für ihn. Seine Gemeinde: St. Kunibert in Sorsum. Der Pfarrer: Christian Straub. Jener Mann, der im Jahr 2000 stirbt, und über den die HAZ im August 1995 in einem aus heutiger Sicht erschütternd kurz und beiläufig gehaltenden Artikel schreibt: „In einer Pressemitteilung des Bischöflichen Stuhles heißt es, die gegen den 67-jährigen Pfarrer Straub erhobenen Beschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens gegenüber Minderjährigen entsprächen der Wahrheit.“ Und weiter: „Ein kirchliches Gerichtsverfahren werde es nicht geben, da die Vorgänge schon länger zurücklägen und daher verjährt seien. Prälat Aschemann betonte, daß Pfarrer Straub sein Verhalten ,zutiefst’ bedauere.“

Was aus Kirchensicht zu diesem Zeitpunkt verjährt ist und wenig später auch offiziell für die Staatsanwaltschaft: Die Vergewaltigung des elfjährigen Jungen Jens Windel.

Heute kann der 46-Jährige darüber sprechen, was ihm damals angetan wurde. Weil er die Kraft dazu gefunden hat. Und weil er sich wieder daran erinnert.

Über viele Jahre hat seine Seele zuvor den Missbrauch verdrängt. Er spricht nie darüber, auch nicht mit seinen Eltern, das Fürchterliche ist tief im Unterbewussten vergraben, abgekapselt vom Rest-Ich. Dass er gegenüber anderen Menschen zurückhaltend ist, unzugänglich, sich oft komisch fühlt, bedrückt, als schwebe da eine dunkle Wolke über ihm, versucht er sich damit zu erklären, dass vielleicht im Kinderheim oder schon im halben Jahr davor irgendetwas passiert ist, an das er sich nicht erinnern kann.

Erst ab 2014 begreift Jens Windel, was ihm angetan wurde

Erst als er 2014 einen schweren Unfall hat, wirkt dieser krasse Einschnitt ins Leben wie ein Katalysator, ein Türöffner. Windel beginnt sich der Vergangenheit zu stellen, rutscht in eine Depression, kann nicht mehr in seinem Job in der Pflegebranche arbeiten und beginnt schließlich, das so lange unterdrückte Wissen mit Hilfe eines Therapeuten aufzuarbeiten. Am Ende steht die Erkenntnis, die ihn „trifft wie ein Hammer“. Erst jetzt versteht er, dass seine merkwürdige Abneigung gegenüber türkisfarbenen Fliesen nichts mit Vorkommnissen im Kinderheim zu tun hat, sondern mit dem Badezimmer im Sorsumer Pfarrhaus. In einer erst kürzlich ausgestrahlten ARD-Reportage über Missbrauchsopfer katholischer Geistlicher berichten andere Betroffene von ähnlichen Details, die sich eingebrannt haben und sie ein Leben lang nicht loslassen. Ein Mann beschreibt das unerträgliche Gefühl eines Flokatiteppichs, den er am Körper und im Gesicht spürt, während er bäuchlings liegend missbraucht wird. Ein anderer hat noch immer das Gebetbuch des Pfarrers vor Augen, das direkt vor ihm auf dem Schreibtisch liegt, vor dem er sich bücken muss.

Für Jens Windel sind Kontakte zu anderen Opfern extrem wichtig geworden. „Wir könnten zusammen sitzen und schweigen, trotzdem würden wir uns gegenseitig verstanden fühlen. Betroffene wissen genau, wie es dem anderen geht, ohne zu reden.“

Mir geht es besser, indem ich auf Angriff schalte

Jens Windel

Dass aber Reden wichtig ist, und zwar auch laut und ausdauernd, um sich Gehör zu verschaffen und gegen das Verdrängen und Leugnen der anderen anzukämpfen, hat Jens Windel inzwischen begriffen. „Mir geht es besser, indem ich auf Angriff schalte, nicht passiv bleibe und hinnehme, dass andere, dass die Kirche über mich entscheidet.“

Zehn Jahre ist es her, dass die jahrelange sexualisierte Gewalt von Priestern gegen Jungen am Berliner Canisus-Kolleg bekannt wurde. Es ist sozusagen die Stunde null des öffentlichen Missbrauchsskandals. Er entwickelte eine Wucht, die die Katholische Kirche in Deutschland bis heute tief erschüttert. Die Bischöfe und Bistümer stehen seither unter Druck und Beobachtung. Im Fokus, immer wieder: Das Bistum Hildesheim, hier wird der Canisius-Täter und Pfarrer Peter R. weiterbeschäftigt und, wie Gutachter belegen, vom damaligen Bischof Josef Homeyer nicht konsequent aus dem Verkehr gezogen, sondern nur versetzt. Vertuschen, aussitzen, lautet lange die Devise der Oberen.

Homeyers Nachfolger Norbert Trelle wiederum erklärt bei einer Pressekonferenz zum Thema Missbrauch, es seien Fehler gemacht worden und man wolle Aufklärung leisten, auf kritische Nachfragen von Journalisten reagiert er aber dünnhäutig und abweisend.

Schließlich wird bekannt: Der frühere Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen soll ebenfalls Täter gewesen sein: Das Bistum zahlt an das Opfer eine Summe von 10 000 Euro.

Der heutige Bischof Heiner Wilmer findet 2018, kaum im Amt, deutliche Worte für die Taten in den eigenen Reihen, sagt, was andere Bischöfe so wohl nicht denken und schon gar nicht aussprechen würden: „Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche.“ Und: „Männer Gottes haben das Böse in die Welt gebracht.“

Die Betroffenen fühlen sich hingehalten, immer noch

Und doch hat sich aus Sicht vieler Betroffener wie Jens Windel immer noch viel zu wenig getan, und das Wenige zu langsam. Zähe Beratungen der Bischöfe über die Einrichtung von Gremien und Kommissionen, langwierige Gutachten, die durch andere Gutachten ersetzt werden. Die Worte Wilmers mögen vielen Außenstehenden imponieren, vielen gelten sie als radikale Ankündigung einer tatsächlichen Wende.

Jens Windel ist weniger beeindruckt. Er weiß, dass die Strukturen der Kirche zu starr sind, als dass sie sich davon aufweichen ließen, sollte Wilmer alles, was er sagt auch noch so ernst meinen.

Windel hat im Februar dieses Jahres das erste Mal beim Bistum um ein Treffen mit dem Bischof gebeten, um mit ihm über die Betroffeneninitiative und die Beteiligung bei der weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu sprechen. Er fordert zum Beispiel, sich im Bistum bei der Nachforschung nach weiteren Missbrauchsfällen und -tätern nicht nur wie derzeit auf die Jahre 1957 bis 1982 zu beschränken. „Wer echte und umfassende Aufklärung will, darf keine Zeiträume ausblenden!“

Für Mitte Dezember hat Jens Windel inzwischen die Zusage für ein Treffen mit Heiner Wilmer. Aus Sicht der Bistumsspitze sagt die lange Wartezeit vermutlich nichts über die Wertschätzung des Bischofs für die Betroffenen und deren Anliegen aus. Für Windel und andere ist hingegen jeder Tag, jede Woche, jeder Monat, in dem es nicht voran geht, verlorene Zeit. Was für die eine Seite vielleicht schlicht ein Terminproblem ist, kann für die andere Indiz dafür sein, hingehalten zu werden. Mal wieder. Ist das in manchen Fällen eventuell unfair? Mag sein. Und trotzdem ist es nachvollziehbar.

Diese Blicke ... wir haben ihnen die Pizza versaut

Jens Windel über eine Begegnung mit Bischöfen

Die Betroffenen, die sich öffentlich für Opferrechte und angemessene Entschädigungen einsetzen, den Konflikt mit der übermächtigen Kirche nicht scheuen, werden von einigen Geistlichen mitunter als lästig angesehen. Wie Fliegen, die sich nicht verscheuchen lassen. Zumindest empfinden manche der Opfer es so. Jens Windel erinnert sich an eine Szene aus dem September, am Rande der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Fulda. Windel ist zu diesem Zeitpunkt designiertes Mitglied des Betroffenenbeirats der DBK, am 20. Oktober wird deren neuer Vorsitzender Bischof Georg Bätzing den Algermissener offiziell für die Zeit von drei Jahren ernennen. An jenem Tag im September also verlassen Windel und ein paar weitere Aktive ein italienisches Restaurant, unter ihnen Matthias Katsch – das wohl bekannteste Gesicht der Betroffenen. Er hat als früherer Canisius-Schüler und Opfer den Skandal mit aufgedeckt. Mit der Initiative Eckiger Tisch hält er, rhetorisch äußerst bewandert und medienaffin, den Druck auf die Katholische Kirche seitdem aufrecht. Als die Gruppe nun aus dem Restaurant tritt, sieht sie draußen vier Bischöfe an einem Tisch des Lokals sitzen. „Diese Blicke...“, sagt Windel. Herablassend hätten die Geistlichen vor allem Katsch angeschaut, und dann weitergegessen. „Wir versauen ihnen die Pizza“ – so habe sich das angefühlt, sagt Windel und lacht leise, halb amüsiert, halb verärgert.

Bei jener Herbstversammlung beschließen die deutschen Bischöfe unter anderem, dass Opfer sexualisierter Gewalt ab Januar 2021 bei einem zentralen Gremium Anträge auf finanzielle Zahlungen als Entschädigung für das erfahrene Leid stellen können. Bislang war das Sache jedes einzelnen Bistums, wie es damit umgeht. Und auch über die möglichen Summen der Einzelzahlungen haben die Bischöfe beschlossen: sie können zwischen 1000 und maximal 50 000 Euro liegen. Aus Sicht der Betroffeneninitiativen ist das eine Enttäuschung, sie gehen davon aus, dass kaum jemand tatsächlich die Höchstsumme erhalten wird. Zudem hatten vor Fulda zwischenzeitlich auch nach Vorschlägen von Wissenschaftlern sogar Zahlungen von bis zu 400 000 Euro im Raum gestanden.

Auch Jens Windel hält die Beschlüsse von Fulda für einen erneuten Schlag ins Gesicht der Opfer. Er weiß, dass so mancher den Betroffenen Geldgier vorwirft. Und er ärgert sich darüber maßlos. „Es ist vielleicht schwer zu vermitteln, aber geht darum, dass die Kirche ihre Schuld anerkennt.“ Und ob sie es ernst meine, das drücke sich auch über die Zahlungen aus. „Will sie wirklich ein Zeichen setzen, oder versucht sie nur, möglichst billig davonzukommen?“

Jens Windel hat bisher vom Bistum Hildesheim in zwei Zahlungen insgesamt 7000 Euro erhalten, in „Anerkennung des Leids“. Er hat auch mal ausgerechnet, wie hoch allein die Summe ist, die ihm seit 2014 durch die psychischen und körperlichen Missbrauchsfolgen mit Arbeitsausfall, Reha und Umschulung entgangen ist. Er kommt auf knapp 29 000 Euro.

Bleib stark!

Jens Windels Mutter zu ihrem Sohn

Es ist Donnerstag, 19. November, am Morgen nach der Aktion auf dem Hildesheimer Domhof. Die größte Angst ist von Jens Windel abgefallen und Erleichterung gewichen.

Am Abend zuvor schauen seine Eltern vorbei, nehmen ihn kurz in den Arm. „Bleib stark“, sagt seine Mutter. Weitere Betroffene kommen zusammen, stehen beieinander, tauschen sich aus, einer ist extra aus Lübeck angereist. Generalvikar Martin Wilk stellt sich den Fragen und der Kritik von Windel und den anderen. Er beteuert, er finde die Arbeit der Betroffeneninitiative „kostbar und wichtig“.

Der starke Wind macht es an diesem Abend unmöglich, alle 154 Kerzen anzuzünden, die an die Opfer erinnern sollen. Egal, wie oft Jens Windel es versucht, die Flammen erlöschen schnell wieder. Kurz wirkt er verzweifelt, er bittet die Helfer, es geschützt unter dem aufgestellten Pavillon zu versuchen. Dort klappt es dann bei einigen. Andere Kerzen stellen sie auf die ins Pflaster vor dem Dom eingelassenen Strahler. Hauptsache, sie werden gesehen.

Anmerkung zum Artikel

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