Hildesheim - Freitagmittag ist es am schlimmsten. Schulschluss vor dem Wochenende. Wie unzählige Ameisen mit Rucksäcken strömen die Schülerinnen und Schüler nach draußen. Zwischen Kreuzstraße, Kläpperhagen und Brühl in der Hildesheimer Innenstadt herrscht Hochbetrieb. Aber nicht nur von Menschen, auch von Autos. Die Elterntaxis stehen mit laufenden Motoren auf dem Pflaster, um die Kinder vom Gymnasium Mariano Josephinum und Realschule Albertus Magnus einzusammeln. Eingereiht hat sich diesmal auch der Streifenwagen von Hauptkommissar Michael Hartleib – gut sichtbar auf einem Parkplatz gegenüber der Kreuz-Kirche.
Wenige Meter entfernt steht der Mann mit der blauen Polizeiuniform und der prägnanten Schirmmütze auf dem Kopf. Wie so oft hat er das Treiben gut im Blick. Denn was hier nach Schulschluss oder auch morgens vor Unterrichtsbeginn oft los ist, dass nennt der Beamte einen Kurzzeitbrennpunkt. Der 62-Jährige ist Kontaktbeamter von der Polizei Hildesheim und will mal wieder für Verkehrssicherheit sorgen. Oder das übliche Chaos in Grenzen halten.
„Na, dann wollen wir mal“, sagt er so vor sich hin, denn schon gibt es Handlungsbedarf. Der große Mann mit dem inzwischen ergrauten Oberlippenbart geht mit festen Schritten auf eine Autofahrerin in einem schwarzen Wagen zu. Es nieselt beharrlich und um die Häuser pfeift ein kalter Wind. Die Frau hält fast direkt vor ihm an und lässt schnell ihre Tochter einsteigen. Stopp, so geht das nicht. Freundlich macht Michael Hartleib die Mutter am Steuer auf genau vier Schilder in jeder Ecke des Platzes aufmerksam: absolutes Halteverbot. Hier darf niemand parken oder halten – auch nicht ganz kurz. Der Polizeibeamte spricht eine Verwarnung aus. 20 Euro – zunächst. Als ob er es geahnt hat, wirft der Hauptkommissar nur wenige Minuten später einen prüfenden Blick nach rechts in die Straße Kläpperhagen: Hoppla, da steht besagtes dunkle Auto doch schon wieder – halb auf dem Gehweg und tatsächlich erneut im absoluten Halteverbot.
Regeln sind dazu da, dass sie eingehalten werden
„Das ist aber wirklich schon dreist“, entfährt es dem eigentlich sehr ruhigen Mann. Erneut zückt er sein Handy für ein weiteres Beweisfoto. Nun kostet es 55 Euro. „Regeln sind dazu da, dass sie eingehalten werden. Schließlich geht es um die Sicherheit von vielen“, erläutert der Beamte. Er muss es wissen. Wie oft hat Michael Hartleib solche Verkehrssicherheits-Kontrollen schon vor Schulen und Kindergärten absolviert und dabei wohl ebenso oft gezweifelt, wer hier eigentlich erzogen werden muss – Eltern oder Kinder? „Das ist hier ja nur ein Beispiel von vielen in Hildesheim.“
Doch damit ist jetzt Schluss. Jedenfalls für ihn. Der Kontaktbeamte geht in den Ruhestand – nach 43 Jahren und sieben Monaten als Polizeibeamter, rechnet er aus dem Effeff vor. Davon ist der Mann allein die Hälfte seiner Dienstzeit als Kontaktbeamter im Einsatz gewesen. In seinem weitläufigen Revier zwischen Innenstadt, Marienburger Höhe, Itzum, Marienburg bis zu Einum, Achtum-Uppen kennt er nach fast 22 Jahren mittlerweile jede Ecke und jeden Winkel.
Die Menschen müssen sich ernstgenommen fühlen, auch bei scheinbar ganz kleinen Dingen
Und vor allem die Menschen: Junge, Alte, Schüler, Studentinnen, Passanten, Pöbler, Marktbeschickerinnen, Szenegänger, Seniorinnen – eben der ganze Querschnitt. Er kann mit allen, ist immer offen für eine Frage, für Hilfe oder auch ein Problem. „Wichtig ist mir zuhören, etwas erledigen – und dann auch eine Rückmeldung geben. Die Menschen müssen sich ernstgenommen fühlen, auch bei scheinbar ganz kleinen Dingen.“ Ansprechbar, sichtbar sein als Polizei – das ist sein Job, wenn er bei Wind und Wetter unterwegs ist. Immer etliche Kilometer. Meistens zu Fuß, mitunter mit dem Fahrrad oder Roller. Sein Name steht für alle gut leserlich auf der Uniform. Aber die meisten kennen ihn längst als „unseren Polizisten“ oder einfach nur als den Herrn Wachtmeister. „Wenn mich die Menschen sehen, freuen sie sich. Das können nicht alle Polizisten von sich sagen“, sagt Hartleib und lacht.
Damals im Jahr 2002 – die Uniformen waren noch grün – hatte einer seiner Vorgänger ihn für diesen Posten empfohlen. „Doch, das mach ich mal, das passt“, so dachte er. Vorher war er bei der Bereitschaftspolizei in Braunschweig sowie im Einsatz- und Streifendienst in Lehrte. „Das ist immer Teamwork, Polizei ist ja eine große Familie – und auf einmal bin ich Einzelkämpfer, immer allein unterwegs. „Eine Umstellung seinerzeit: Der neue, vielfältige Job, da musste auch er erst reinwachsen.
Zum Beispiel vor einer Schulklasse zu stehen und eine Unterrichtsstunde gestalten. Immerhin gehören Michael Hartleib und seine beiden Kollegen Bernd Wiltzsch und Frank Meißner zur Abteilung Prävention bei der Polizei. „Wer von euch nutzt WhatsApp?“, fragt er dann gern die Fünftklässler. Volltreffer, alle Arme gehen hoch. „Dürft ihr aber gar nicht.“ Wie bitte? Die Elf- und Zwölfjährigen im Klassenraum gucken wie erstarrt. Machen doch alle – ist das neuerdings strafbar? Der Kontaktbeamte weiß um die Wirkung seiner Worte. Ganz still ist es, jetzt hören sie ihm zu. „Der Messengerdienst ist erst ab 16 erlaubt. Vorher nur mit Erlaubnis eurer Eltern.“
Ich weiß, das ist in dem Alter sowas wie Höchststrafe
Natürlich hält sich da niemand dran. Das weiß der Vater zweier Töchter und inzwischen Opa von drei Enkelkindern auch. Er hält es aber für wichtig, auch sensibel für die Gefahren am Handy zu machen. Mobbing, Beleidigungen, all diese Gewaltfilme oder sexuellen Inhalte, die schon unter so jungen Menschen kursieren, das erschreckt selbst so einen routinierten Polizeibeamten wie ihn. So zögert er auch nicht, Handys einzukassieren, wenn es strafrechtlich relevant wird. „Ich weiß, das ist in dem Alter sowas wie Höchststrafe.“
Sanktionen sind eigentlich nicht seine Sache. Sondern der Kontaktbeamte setzt lieber auf Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern. Jeder soll zu Wort kommen, das ist ihm wichtig. So lobt sein Chef Cord Stünkel, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim, Hartleibs unkomplizierte Art und direkte Gesprächsebene: „Hierdurch schafft er alters- und milieuunabhängig Vertrauen in die Arbeit der Polizei.“ Etwa so wie bei der hitzigen Diskussion um ein öffentliches Ärgernis im vergangenen Sommer: Nacktbaden an der Tonkuhle. Der Bürgermeister hat den Kontaktbeamten gleich an Ort und Stelle hinzugezogen. Wen es stört, der kann doch weggucken, so die Befürworter. Doch so einfach ist es nicht. Nackt herumzulaufen allein sei nicht verboten, klärt der Beamte auf. Aber: „FKK ist hier nur geduldet.“ Sein Wort hat Gewicht.
Regelrecht zum Superstar für einen Vormittag wird der gebürtige Hildesheimer bei seinen heimlichen Lieblingsterminen: im Kindergarten – immerhin 24 Einrichtungen gehören zu seinem Revier. Dann werden Lego, Puppenhaus, Playmobil oder Bilderbücher unwichtig. Alle Kinderaugen sind auf den echten Polizisten zum Anfassen gerichtet. „Hast du mit deiner Pistole schon mal einen totgeschossen?“ – so lautet da immer wieder die Frage. Natürlich jagt er keine Verbrecher mit vorgehaltener Waffe, sieht Autos auf der Straße durch die Luft fliegen oder brennende Ölfässer explodieren. „Das ist doch nur Fernseh-Polizei“, sagt er in einem Ton, der sich nach Märchenstunde anhört. Wahr ist aber: Die Pistole gehört zur Ausrüstung eines jeden Polizisten – auch zu einem Kontaktbeamten. „Aber nur, um Gefahren abzuwehren. Glaubt mir, jeder von uns ist wirklich froh, wenn man die Waffe nicht einsetzen muss.“ In all seinen Dienstjahren hat Hartleib die Pistole nur ein einziges Mal ziehen müssen. „Und auch nur zur Warnung.“
Erst wenn die Räder stillstehen, gehen wir über die Straße
Warnungen gehören immer noch zu seinem Alltag. Das hört sich dann so an: „Lieber einmal mehr gucken im Straßenverkehr!“ oder „Erst wenn die Räder stillstehen, gehen wir über die Straße.“ Im Kindergarten in der Oststadt geht es an diesem Tag um eine ganz besondere Qualifikation: den Fußgängerführerschein. Noch bevor jedes Kind zur Schule kommt, soll es spielerisch die ersten Verkehrsregeln kennenlernen. Dafür nimmt der 62-Jährige sogar die Sprühdose mit der grellgelben Farbe in die Hand. Es zischt leise – und unter der großen Schablone entstehen die gelben Füße auf dem Asphalt. Hier führt er lang, der sichere Weg zur Schule.
An der Elisabethschule in der Moltkestraße ist Hartleib selbst eingeschult worden – und heute immer ein willkommener Gast. „Ich kenn’ dich noch aus dem Kindergarten“, hört der Uniformierte da immer wieder auf dem Schulhof. Er selbst spricht von „meinen vielen Kindern“. Und ja: Generationen von Hildesheimern hat er Fahrradprüfungen abgenommen, das kleine Einmaleins der Verkehrsregeln beigebracht.
Oder auch andere Regeln. Wenn der Kontaktbeamte bei seinen Streifgängen hin und wieder auch auf einstige auffällige Krawall-Jugendliche trifft, dann kann man sich gut in die Augen schauen. So manche Ansage von damals hat längst gewirkt. In den allermeisten Fällen sind später recht ordentliche Menschen aus denen geworden,so sagt er. Und das freut ihn sichtlich. „Jeder hat das Recht, Fehler zu machen. Wir sind alle nur Menschen.“
Jeder hat das Recht, Fehler zu machen
Das gilt natürlich auch für Polizeibeamte. Wann hat er eigentlich seinen letzten Strafzettel bekommen? Michael Hartleib überlegt. Er sitzt inzwischen wieder an seinem Schreibtisch in der Dienststelle an der Schützenwiese – einer von 385 Bediensteten. Die beiden Pinnwände in der Amtsstube sind gespickt mit Erinnerungen: Fotos, Auszeichnungen, Wimpel oder Zeitungsartikeln. Doch dieses Büro im zweiten Stock wird schon bald völlig anders aussehen. Denn nicht nur der 62-Jährige, sondern auch seine beiden Kollegen gehen in den kommenden Monaten in den Ruhestand. Mehr als 20 Jahre sind sie hier das eingeschworene Kontakt-Trio gewesen. Ein Umbruch.
Für Michael Hartleib beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt. Mit freier Zeit und Kontakt zu allem, „was bislang so liegengeblieben ist“. Und natürlich Urlaub. Ach, jetzt fällt es ihm ein: Im Urlaub hat er zuletzt mal selbst ein Knöllchen kassiert. Falsch geparkt. Das kann selbst ihm passieren.
Text: Renate Klink






