Hildesheim - Reinhard Patzfahl steht in der Tür zu seinem Büro und hebt den Kaffeebecher zum Mund. „Bester Chef der Welt“ steht auf dem Porzellan. Eine Mitarbeiterin hat dem Leiter der Geschwister-Scholl-Schule das Gefäß geschenkt. Und wenn man sich so in der Schule umhört, ist das für viele auch darüber hinaus kein bloßes Lippenbekenntnis. Trotzdem werden sich Patzfahls Kolleginnen und Kollegen demnächst an einen neuen Chef gewöhnen müssen. Der 68-Jährige geht in wenigen Tagen in den Ruhestand. Am 4. Juli wird er mit einer kleinen Feierstunde verabschiedet.
Dann heißt es beruflich gesehen Abschied zu nehmen von einem Mann, der als Verwaltungswirt bei der Kreisverwaltung in Alfeld begann. Von 1971 bis 1983 arbeitete er beim Landkreis im Schul- und Jugendamt, studierte anschließend Lehramt und fing 1989 bei der damaligen Hauptschule Godehardikamp an. Die befand sich auf dem Gelände der heutigen Waldorfschule, und als die Hauptschule – frisch umbenannt nach den Geschwistern Scholl – 1993 nach Himmelsthür umzog, zog Patzfahl mit. 2016 wurde er der Rektor.
Großes Verständnis für menschliche Probleme
Während seiner Jahrzehnte an der Schule sah Patzfahl Zehntausende Mädchen und Jungen kommen und gehen. In der Regel lernten die Schülerinnen und Schüler von ihm. Aber er lernte auch von den Kindern. „Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt, die eine große Bereicherung für die Gesellschaft sind“, sagt er. Er habe großes Verständnis für menschliche Probleme entwickelt und die Gewissheit erlangt, dass Menschen wie er dafür da seien, benachteiligten Schülerinnen und Schülern zu helfen. „Wenn wir nur strafen, helfen wir niemandem“, sagt er. Stattdessen müsse man sich auf die Suche nach anderen Lösungen begeben.
Wer sich in die Zitate, die an seiner Pinwand hängen, vertieft, ahnt, dass auch das keine bloßen Lippenbekenntnisse sind. „Das Kind einfach mal in Ruhe lassen“ ist dort zu lesen. Oder „Wertschätzung ist eine innere Haltung“ und „Wer als einziges Werkzeug einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem aus, wie ein Nagel“. Wenn man sich jetzt umdreht, blickt man aus dem Fenster ins Freie. Nicht weit entfernt ist der Kreisel in der Nordstadt zu sehen, dahinter taucht das Gesundheitsamt des Landkreises auf.
2017 streifte er die rhetorischen Boxhandschuhe über
Reinhard Patzfahl hat mit dem neuen Ort der Geschwister-Scholl-Schule schon lange seinen Frieden geschlossen. Mehr noch: Er ist heilfroh, dass die Hauptschule in der Nordstadt angekommen ist. Als die Diskussion um den Umzug 2017 begann, hatte sich Patzfahl die rhetorischen Boxhandschuhe übergestreift. „Wir hatten damals wirklich große Sorgen, dass das unserer Schule enorm schadet“, sagt er. Patzfahl machte sich auf den Weg in politische Gremien, mobilisierte Kolleginnen und Kollegen sowie die Öffentlichkeit, um den Umzug zu verhindern. Damals stellte er wie kein Zweiter unter Beweis, dass er auch öffentlich Zähne zeigen kann, wenn es um die Belange seiner Schule geht.
Das wird in wenigen Tagen nicht mehr erforderlich sein. Patzfahl hat sich bereits einen kleinen Camper gekauft, mit dem er auf Achse will. Der 68-Jährige will nochmal heiraten – die Frau, die er auch heute schon „meine Frau“ nennt. Er hat dann auch mehr Zeit für die beiden erwachsenen Söhne, die zwei Enkelkinder und all das andere, was in den vergangenen Jahrzehnten zu kurz kam. An seiner Pinwand steht der Ausspruch „Es lebe die Freiheit“ von Hans Scholl. Mit dem Camper geht es los.
