Schloss öffnet Freitag

Schloss Derneburg: Museum startet mit sieben Ausstellungen in die Saison

Derneburg - Fast acht Monate war Sendepause auf Schloss Derneburg. Am Freitag startet das Kunstmuseum mit sieben Ausstellungen in die Saison. Besonders schön: das Miteinander bunter Blumen auf der Wiese und in Öl.

Derneburg - Margariten, Mohn, Inkarnatklee, Kamille, Ackerschafgarbe und Lupinen wogen und duften rund um das Schloss Derneburg. 140 Kilo Blumensamen mit mehr als 60 Pflanzen hat Alex Haviland ausgesät. „In zwei Wochen soll die späte Sommerblüte leuchten“, verspricht der Manager der Kunstsammlung und Geschäftsführer des Kunstmuseums Derneburg, der mit Köpfchen, Hammer, Laserpointer und Computer die Geschicke um das Schloss leitet, solange Chef Andrew Hall aus Vermont nur telefonisch Anweisungen geben kann.

In zwei Wochen blüht hier alles

Alex Haviland, Manager der Kunstsammlung und Geschäftsführer des Kunstmuseums Derneburg

Die prächtigen Blüten- und Kräuterwiesen wetteifern mit ihren üppigen Kolleginnen in Öl auf den umwerfend-ungestümen Farbexplosionen von Jorge Galindo im Schafstall. Wer gewinnt? Keiner, denn Kunst und Natur sind im Ausstellungskonzept von Christine und Andrew Hall und ihrem Team gleichwertig. Freitag geht es wieder los im und um das Schloss. Sieben Ausstellungen auf rund 1000 Quadratmetern Fläche warten auf Besucher, die erstmal bis Oktober jeweils freitags, samstags und sonntags Gelegenheit bekommen, dieses Gesamtkunstwerk zu genießen.

Fünf alte, zwei neue Shows

Bereits im September eröffnet wurden die Shows mit imposanten Gemälden von Katharina Grosse, Menschen-Skulpturen von Antony Gormley sowie den impressionistischen Berlin-Erinnerungen von Karl Horst Hödicke und den verstörenden Körperstudien von Johannes Kahrs. Zehn Wochen waren sie bis zum zweiten Lockdown offen.

Doch diese Auswahl hat Sammler und Schlossbesitzer Hall für das Reopening nicht gereicht: Neben den expressionistischen „Blumengemälden“ von Jorge Galindo und den jüngeren Arbeiten aus seiner Kooperation mit Filmemacher Pedro Almodóvar (im wunderbaren Schafstall) ist im Schloss „The Passion“ aufgebaut.

Die Passion im Ex-Kloster

Mehr als 100 Gemälde, Skulpturen, Videos, Fotos und Zeichnungen von 30 Künstlern und Künstlerinnen aus der Hall Art Foundation beschäftigen sich mit der christlichen Ikonographie in der zeitgenössischen Kunst. Ein passendes Thema an einem Ort, der mehr als 700 Jahre religiösen Orden als Heimat diente.

In den sieben Räumen mit den prachtvollen, knarrenden Holzböden zeigen die Halls eine große Palette aus ihrer Sammlung: Besonders auffällig die Blutdurchtränkten Büßerhemden von Hermann Nitsch, Martin Kippenbergers Alter Ego Fred the Frog, der mit heraushängender Zunge, Pickeln und Bierkrug am Kreuz hängt und den Künstler als Märtyrer darstellt.

Penck und der Papst in Polen

Gilbert & George kritisieren in ihrer großformatigen Montage aus Tintenstrahldrucken (erinnern an Bleiglasfenster in Kirchen), in der der Union Jack dominiert, konservative Sichtweisen in Religion und Patriotismus. Ein Kontrast: Lucio Fontanas keramische Arbeiten, die in dramatischer Draufsicht Szenen aus der Bibel wie das letzte Abendmahl darstellen. Und die fast wie Karikaturen wirkenden neun Zeichnungen „Papst in Polen“ von A.R. Penck. Nicht zu vergessen die kopfüber hängenden, christlichen Motive in Pastelltönen von Georg Baselitz, früherer Besitzer von Schloss Derneburg und begehrtes Sammelobjekt der Halls.

Ebenfalls erstmals in Derneburg zu sehen sind die großformatigen Schwarz/Weiß-Fotos, in denen Sante d’Orazio 2007/2008 Künstlerkollegen wie Damian Hirst, Jeff Koons oder Alex Katz als Priester dargestellt hat. Angesichts der aktuellen Missstände in der Kirche gewinnt diese Beschreibung von Kunst als Religion eine neue Dimension.

Luft und Licht zum Wirken

Dass diese geballte künstlerische Vielfalt Platz und Luft und Licht zum Atmen und Wirken hat, dafür hat Alex Haviland gesorgt. Der Mann aus New York hat Kunst und Architektur studiert und in Derneburg sein Paradies gefunden: „Ich habe die Ideen, der Chef das Geld.“

Wir wollen eine Balance zwischen Tier- und Kunstpark halten

Alex Haviland

lso sorgt der 49-Jährige dafür, dass die vom Ehepaar Hall gewünschte Renaturierung des neun Hektar großen Parks voranschreitet, dass Waschbären, Igel, Kaninchen, Blesshühner, Schwäne, Eisvögel, Störche, Reiher und Kois ein Zuhause finden. „Wir wollen eine Balance zwischen Tier- und Kunstpark halten“, erklärt Haviland das Nebeneinander von Wildwuchs und kurzgemähtem Rasen, auf dem sich verstreut und imposant zehn Kunstwerke von Baselitz und Jonathan Messe bis zu Tracey Enim bis Alicja Kwade recken.

Kein Massentourismus

Um diese Besinnlichkeit zu gewährleisten, sollen auch nach Ende der Pandemie nicht mehr als 50 Besucher und Besucherinnen pro Stunden Einlass finden. „Insgesamt werden es pro Tag nicht mehr als 250 Gäste“, ist Havilands Erfahrung aus dem Herbst. Und die finden auf den knapp 90 Privatparkplätzen außerhalb des Schlosses genügend Fläche, ist er überzeugt.

Massentourismus wollen wir nicht

Alex Haviland

„Massentourismus wollen wir nicht, der ist nicht gut für uns, für das Dorf, die Straße und die Nachbarn“, verweist er auf Gespräche mit Anwohnern und Gemeinde. „Wir haben gut zueinander gefunden“, ist er optimistisch, dass die Pläne im und für das Schloss inzwischen nicht mehr als Angriff auf das Dorfleben verstanden werden. „Wir sorgen dafür, dass keine Müllberge vor unserer Haustür entstehen.“ Hoffnungen setzt Haviland auf von der Gemeinde geplante Parkplätze am Bahnhof in Holle. Doch das liege nicht in seiner Zuständigkeit.

Obst für die Gäste

Also sorgt er dafür, dass reife Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen von Parkbäumen auf Tellern im Café gereicht werden. Kostenlos. Gäste sollen sich zwischen Kunst und Natur wohl fühlen im Schloss.

Tickets und Einlasszeiten

Der Besuch der Kunstausstellungen auf Schloss Derneburg und des Schlossgeländes ist von Freitag, 16. Juli, an (derzeit bis zum 30. September) jeweils freitags, samstags und sonntags zwischen 11 und 18 Uhr wieder möglich. Ein Lageplan erleichtert das Finden der Ausstellungen, QR-Codes an den Kunstwerken liefern ausgiebige Informationen. Tickets für die Ausstellungen kosten 20, ermäßigt 16 Euro. Wer nur das neun Hektar große Freigelände mit seinen Installationen und Skulpturen bewundern will, zahlt 8 Euro. Tickets unter www.hallartfoundation.de.

Nicht nur wegen Corona, sondern auch zur Regulierung des Besucherandrangs werden zur vollen Stunde jeweils nur 50 Personen eingelassen. Einlass ist um 11, 12, 13, 14, 15 und 16 Uhr. Der Einlass erfolgt 15 Minuten vor dem gebuchten Zeitfenster, für den Besuch gibt es keine zeitliche Begrenzung. Weil die Tickets limitiert sind, wird eine Reservierung dringend empfohlen. Das neu eingerichtete, schnelle Ticketsystem soll die Übersicht erleichtern. Tickets können bis zu 24 Stunden vor dem Museumsbesuch umgetauscht oder erstattet werden.

Privatparkplätze für Schlossbesucher sind ausgeschildert. Ein Impfnachweis ist nicht erforderlich, Masken sind Pflicht. Das Café Galactico ist während der Öffnungszeiten zugänglich. Fragen per Email an derneburg@hallartfoundation.org. Weitere Infos und Verhaltensregeln unter www.hallartfoundation.org

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