Derneburg - Hanne Seidel strahlt mit der Sonne um die Wette: „Wir machen uns einen schönen Tag“, ist der Plan. Die Freundin der Wolfenbüttelerin hat ihr einen Besuch im Kunstmuseum Schloss Derneburg geschenkt. Und nun stehen die beiden an diesem Freitagvormittag vor dem schmiedeeisernen Eingang und sind gespannt.
Vor ihnen liegen sieben Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus der Hall Art Stiftung, ein imposantes Bauwerk, neun Hektar Spazierfläche mit Wald, Wiese, Fluss und Skulpturen – und ein kleines Café, das zwischendrin oder am Ende zu einem köstlichen Birnen-Schokoladenkuchen verführen könnte.
Tickets auch spontan vor Ort lösen
Korrekterweise hat Hanne Seidel ihr Auto auf einer der vom Schloss ausgewiesenen Parkflächen abgestellt. Etwas zu klein geraten prangt nämlich am Schlosseingang die Bitte, nicht die gegenüberliegenden Parkplätze vor dem Glashaus zu benutzen. „Die sind den Spaziergängern vorbehalten“, verdeutlicht Marie Dann, enge Mitarbeiterin von Schloss-Manager Alex Haviland.
Ich freue mich auf die Aufsicht in der Ausstellung
An jedem der drei Schloss-Parkplätze wird der Gast, der sich mit seinem Online-Ticket ausweist oder spontan eine Eintrittszeit auf dem Smartphone buchen kann, freundlich empfangen. Malin Tesch arbeitet seit einem Jahr für die Hall Art Foundation. Das ist praktisch, findet die 23-Jährige: „In der Woche studiere ich an der HdK in Braunschweig visuelle Kommunikation, am Wochenende bin ich Zuhause in Holle und freue mich über Aufsicht in einer der Ausstellungsräume oder eben auf den Parkplätzen.“ WF ist eines der eher nahe gelegenen Autokennzeichen, die Malin Tesch auf dem Parkplatz beobachtet hat. „Gäste kommen auch aus Berlin, München und Hamburg.“ Und aus Hildesheim und Hannover.
Drei neue Ausstellungen
Die Anzahl der Besucher an diesem Vormittag im Museum von Kunstdirektor Andrew Hall ist übersichtlich. „Wir wollen keine Massen im Schloss“, sagt Alex Haviland über den nach Uhrzeit geregelten Einlass. Hall bezeichnet sein Museum als eines der größten für zeitgenössische Kunst weltweit. Und dass der Multi-Milliardär eine Nase für Kunst hat, das beweisen die wechselnden Ausstellungen in den Flügeln und dem Hauptschiff des Schlosses und im früheren Schafstall, die vorrangig aus der Sammlung von Christine und Andrew Hall stammen.
Neben der augenzwinkernden Foto-Serie „Priests“ von Sante D’Orazio, den „stacheligen“ Menschen-Skulpturen eines Antony Gormley, der Geschichte der „Passion“ aus vielfältiger Künstlersicht und den in Farbe schwelgenden „Blumengemälden“ von Jorge Galindo (im Schafstall), warten seit kurzem im Schloss drei neue Ausstellungen.
Mit Donnergetöse in die heilige Kunsthalle
Wenn die gewaltige, meterhohe hölzerne Eingangstür zur Kunst hinter dem Gast fast ungebremst ins Schloss donnert, dann kriegt der Mensch nicht nur einen gehörigen Schreck, etwas kaputt gemacht zu haben. Mit dem Donner wächst auch die Ehrfurcht. Aber das passt zu der Atmosphäre, die vor dem Gast liegt: imposante steinerne Architektur, rosettengeschmückte Eichentüren und knarrende Holzdielen kontrastieren mit einer Kunstsammlung, die im näheren und weiteren Umkreis ihresgleichen sucht. Was dem Gast auch die Aufsicht verdeutlicht, die ihn von Raum zu Raum „verfolgt“.
Mit Susan Rothenberg ist jetzt im Westflügel des Schlosses die frühere Bibliothek erstmals als Galerie zugänglich. Die Ausstellung zeigt über 20 Gemälde, die Rothenbergs figurativen, emotional aufgeladenen und gestischen Stil nachvollziehen. Angefangen mit ihren kultigen Pferde-Bildern aus den Siebzigern bis hin zu den aktuellsten Werken des vergangenen Jahrzehnts. Rothenberg ist 2020 im Alter von 75 Jahren gestorben.
Bücher zur Kunst im Buchshop
Die Bücher zu Kunst und Kultur, die vormals hier standen, sind zurzeit eingelagert und werden irgendwann im früheren Schweinestall auf rund 260 Quadratmetern zu benutzen sein. Aber auch im Schloss ist jetzt – ganz neu – ein Buchshop eingerichtet, in dem vorrangig Werke zu den ausgestellten Künstlern zu finden sein werden. Andrew Hall gibt seit 15 Jahren Kunstbücher heraus: Im November erscheint „Schloss Derneburg und der Lavespfad“ von Heinz-Peter Gerber im Gerstenberg-Verlag. Pünktlich zur Ausstellung ist der Band zu Torkwase Dyson herausgekommen.
Dyson (geboren 1973) ist in Deutschland sicher eine Neu-Entdeckung. Sie erforscht den Zusammenhang zwischen Körperbewegungen, Geografie und Architektur mit Fokus darauf, wie People of Color Raum wahrnehmen und verhandeln. Für Dyson stehen die geometrischen Grundformen wie Quadrat, Kurve und Dreieck in Beziehung zur Geschichte der räumlichen Befreiung der schwarzen Bevölkerung. Versammelt – großformatige Bilder und formenstrenge Skulpturen – im Rittersaal, fordern sie den Betrachter heraus.
Schwierige Infos über QR-Codes
Auf der anderen Seite des Gebäudes im Ostflügel lockt eine ebenso farbenfrohe wie zeittypische Ausstellung. Deborah Browns Gemälde zeigen ihre täglichen Spaziergänge mit ihrem Hund im Pandemiejahr in Brooklyn. Was sofort auffällt: Immer scheint die Sonne. Doch die Schatten zeigen nur Brown und ihren Hund. Coronafolge. Das diffuse Licht des Winters und der niedrige Stand der Sonne werfen lange, merkwürdig verzerrte Schatten und schaffen interessante Muster. Brown greift die Strukturen auf, die im städtischen Raum zu finden sind, angefangen von Stoppschildern bis hin zu Zäunen, Gittern, Gehwegplatten und aufgesprühten Symbolen.
Wir arbeiten daran
Bisher sind die umfassenden und guten Informationen zu den Kunstwerken „nur“ über winzige QR-Codes (oft hinter Türen) zu finden. Das WiFi ist zwar kostenlos. Aber wer kein Smartphone hat, ist aufgeschmissen. Doch das soll sich ändern. Alex Haviland verspricht einen Audioguide: „Wir arbeiten daran.“ Führungen durch die Ausstellungen werden aufgrund der Pandemie noch nicht angeboten.
Von Linsensuppe bis „Maulwurfauflauf“
Und nun zum Kuschelfaktor: Alternativ zu Linsensuppe und Bulgur mit Minze, Tortilla Espanola oder besagtem Brownie mit Birne und Walnuss im Café Galactico im Kreuzgang ist soeben im oberen Stockwerk die Besucherlounge mit russischem Teesalon eröffnet worden. Der Raum lädt zum Verweilen und Lesen und bietet einen tollen Blick aufs Schlossgelände.
Der Salon ist von der Geschichte Derneburgs inspiriert, denn 1847 heiratete Fürst zu Münster die russische Prinzessin Alexandrine Galitzin. Deshalb beauftragten die Münsters den hannoverschen Architekten Georg Ludwig Friedrich Laves, das Schloss in ein Herrschaftshaus umzuwandeln und einen Großteil des ehemaligen Klosters in das Gebäude zu verwandeln, in denen Andrew Hall inzwischen seine Kunst zeigt. Das Wohl der Besucher im Blick: Serviert werden russische Tees, russische Snacks. Und Wodka.
Termine und Tickets
Schloss und Kunstausstellungen in Derneburg sind von Freitag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Tickets werden jeweils zur vollen Stunde ausgestellt, der Aufenthalt ist unbegrenzt. Erwachsene zahlen 20 Euro, ermäßigt 16 Euro. Wer nur das Freigelände besuchen will, ist mit 5 Euro dabei. Samstag und Sonntag werden von 11 bis 12 Uhr für 5 Euro historische Führungen über das Schlossgelände angeboten. Tickets gibt es online. Mit dem Ticket ist ein Parkplatz verbunden. Es gilt die 3-G-Regel.







