Kreis Hildesheim - Der Ärger und die Kritik reißen nicht ab. Seit zum wiederholten Male an der Bundesstraße 243 zwischen Hildesheim und Groß Düngen gearbeitet wird, müssen tausende Autofahrende täglich Umwege fahren oder im Stau stehen, leiden Anwohner an den Umleitungsstrecken unter erhöhtem Verkehrsaufkommen vor ihren Haustüren.
In mehreren Bauabschnitten wird die Fahrbahn der vielbefahrenen Bundesstraße saniert – und egal, wo Maschinen und Arbeiten gerade anrücken, die Folge sind Sperrungen, die sich auf den Verkehr auswirken. Aktuell wird auf dem Streckenabschnitt Egenstedt (ab Zufahrt Röderhof) bis zum Ortseingang Groß Düngen gearbeitet. Wer aus dem südlichen Landkreis in Hildesheims Innenstadt muss, hat also die Wahl zwischen der offiziellen Umleitung über Heinde, die B6 und die B1, dem Schleichweg ab Heinde über Itzum und die Marienburger Höhe oder dem Umweg über Sibbesse und Diekholzen.
Diese Zeitung hat getestet, wie es auf den einzelnen Strecken im morgendlichen Berufsverkehr läuft. Redakteurin Ulrike Kohrs ist den Umweg gefahren, Redakteur Sebastian Knoppik hat den Schleichweg genommen, und Redakteur Thomas Wedig hat sich an die offizielle Umleitung gehalten. Alle drei sind gleichzeitig um 7.30 Uhr vom Parkplatz am Bad Salzdetfurther Bikepark gestartet. Ihr Ziel: der HAZ-Parkplatz in der Hildesheimer Innenstadt. Und los geht die Fahrt.
7.30 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: Noch ein kurzer Blick auf dem Parkplatz am Bikepark auf Google Maps, die App empfiehlt zwei Strecken: über die Autobahn 7 (38 Minuten) oder über die offizielle Umleitungsstrecke (eine Minute länger). Beide Strecken sind 20 Kilometer lang. Mein Schleichweg ist gar nicht dabei. Ich bin trotzdem zuversichtlich, als Erster ans Ziel zu kommen.
7.34 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: Hoffentlich ist das kein schlechtes Vorzeichen. Da habe ich mich freiwillig für den Umweg über Sibbesse und Diekholzen gemeldet, weil ich das morgendliche Gegurke über Heinde als Bad Salzdetfurtherin zu Genüge kenne und nun das: Schon bis zum Abzweig nach Östrum muss ich an vier roten Ampeln halten. Das geht ja gut los.
7.38 Uhr: Thomas Wedig, offizielle Umleitung: Stau in Heinde, die Autoschlange reicht bis zum Ortsschild. Das war zu erwarten. Überrascht bin ich eher, dass es bis dorthin so flott voran ging, vor allem in Groß Düngen. So schnell wie heute bin ich wahrscheinlich noch nie über die Bundesstraßenkreuzung gekommen – selbst zu Zeiten, als die B 243 noch baustellenfrei war.
7.38 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: Ich fahre direkt hinter meinem Kollegen Thomas Wedig. Kurz vor Heinde beginnt der Stau. Allerdings hatte ich es mir viel schlimmer vorgestellt. Vor allem, weil ich den Stau schon gesehen hatte, als ich zu unserem Treffpunkt in Bad Salzdetfurth gefahren war. Da wirkte der Stau noch größer, als er nun tatsächlich ist. Sechs Minuten mehr Fahrzeit in Heinde, meldet Google Maps. Und tatsächlich stehen wir kaum, sondern es geht recht zügig voran. Gerade am Anfang der Sperrung gab es massive Beschwerden über die Staus in Heinde, wofür viele auch die Ampelschaltung verantwortlich gemacht haben. Die war ursprünglich so, dass sowohl die Autofahrer aus Richtung Groß Düngen kommend als auch diejenigen aus Listringen und Wendhausen gleichzeitig eine Grünphase hatten. Der Verkehr staute sich daher bis nach Groß Düngen zurück. Doch inzwischen hat die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr nachgebessert. Jetzt hat jede Richtung separat für etwa 20 Sekunden eine eigene Grünphase, wie Behördensprecher Martin Klose erklärt: „Die Linksabbieger in Richtung Itzum können nunmehr ungehindert abbiegen. Die temporären Stauereignisse sollten folglich zurückgegangen sein.“
7.39 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: Wo meine Kollegen jetzt wohl sind? Tatsächlich mache ich auf den Strecken, die die Männer jetzt gerade fahren, ganz unterschiedliche Erfahrungen – zu quasi gleichen Fahrtzeiten. Mitunter entscheiden nur wenige Minuten bei der Abfahrt darüber, ob und wie lange man bei Groß Düngen und Heinde im Stau steht. In Richtung Sibbesse läuft der Verkehr staufrei. Allerdings schließe ich am Ende von Breinum auf einen großen Lastwagen auf. So viel zum Thema freie Fahrt. Nun muss ich auch außerhalb der geschlossenen Ortschaften mächtig auf die Bremse treten. An ein Überholen ist nicht zu denken. Und überhaupt: In Breinum und Almstedt parken viele Autos am Fahrbahnrand, immer wieder muss ich anhalten, um den entgegenkommenden Verkehr durchzulassen.
7.45 Uhr: Thomas Wedig, offizielle Umleitung: Nun schleiche ich seit einigen Minuten im Stop-and-Go-Modus durch Heinde. „I want to fly away“ singt Lenny Kravitz im Radio. Das will ich auch, Fliegen wäre eine gute Alternative. An der provisorischen Ampel im Ort teilt sich die Pendlerkarawane. Die meisten biegen nach links in Richtung Itzum ab, so scheint es, ich fahre geradeaus weiter auf der offiziellen Umleitungsstrecke. Schräg gegenüber will gerade ein Auto aus dem Lindenkamp, einer Nebenstraße, auf die Ortsdurchfahrt abbiegen. Der Fahrer lehnt auf dem Lenkrad und rechnet anscheinend gar nicht mehr damit, dass ihm das an diesem Tag noch gelingen könnte.
7.48 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: An der Behelfsampel in Heinde trennen sich die Wege von meinem Kollegen Thomas Wedig und mir. Ich biege nach links Richtung Itzum ab. Behördensprecher Klose hat recht. Zumindest an diesem Morgen geht das ziemlich unkompliziert. Durch das Abbiegen verlasse ich die empfohlene Umleitungsstrecke. Direkt nach der Ampel ist es dann auch vorbei mit dem Stau, und ich habe wieder freie Fahrt.
7.50 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: Kurz vorm roten Berg biegt der Lastwagen vor mir in Richtung Gronau ab. Glück gehabt. Das hätte mich sonst sicherlich noch einige Minuten zusätzlich gekostet. Jetzt kann ich problemlos durch die Serpentinen rauschen. Immer mit einem Blick auf die Tachoanzeige, denn hier wird vor Radarüberwachung gewarnt.
7.52 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: Vor der Scharfen Ecke in Itzum staut es sich noch mal ein bisschen. Die Autos müssen an der Abzweigung zur Marienburger Straße Vorfahrt gewähren und dementsprechend warten, bis eine Lücke im Verkehr ist. Ein langer Stau ist das aber nicht. Nach kurzer Zeit komme ich zur Abzweigung und bin dann auch recht schnell auf der Straße Richtung Marienburger Höhe.
7.53 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: In Diekholzen überkommen mich Zweifel, ob ich mit dem Weg die richtige Entscheidung getroffen habe. Hier stehen noch an mehreren Stellen Hinweisschilder, auf denen behauptet wird, man komme nicht nach Hildesheim durch. Mal schauen, was geht.
7.56 Uhr: Thomas Wedig, offizielle Umleitung: Auf der B6 zwischen Wendhausen und Hildesheim ist wenig Verkehr. Vor mir fährt ein Lastwagen, den ich auf der geraden Strecke gut überholen könnte. Hätte ich in Heinde mehr Zeit verloren, würde ich das sicherlich tun. Heute lasse ich es, kein Stress.
7.58 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: Ich bin erleichtert. Die Umleitungsschilder in Diekholzen sind veraltet. Freie Fahrt bis zur Hagebau-Kreuzung und weiter auf die Bundesstraße bis zur Abfahrt Hohnsensee.
8 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: Ich bin gut durch die Marienburger Straße gekommen. Man könnte fast meinen, es wären schon Ferien. Die Ampeln sind an diesem Morgen zwar offenbar grundsätzlich rot für mich. Aber davon abgesehen, komme ich wirklich gut durch.
8.01 Uhr: Thomas Wedig, offizielle Umleitung: In Hildesheim halte ich auf der Goslarschen Landstraße nach meinem Kollegen Sebastian Knoppik Ausschau. Der könnte mit seinem Auto jetzt von der Marienburger Höhe auf die Trogstrecke einbiegen. Aber wahrscheinlich ist er längst durch, denke ich, sein Schleichweg ist doch bestimmt die schnellste Strecke.
8.05 Uhr: Thomas Wedig, offizielle Umleitung: Ich fahre auf unseren Firmenparkplatz an der Osterstraße und bin überrascht: Die Autos der Kollegin und des Kollegen stehen noch nicht dort. Ich bin tatsächlich Erster – und das, obwohl ich ziemlich gemächlich gefahren bin – und die offizielle Umleitung über die B6 außerhalb unseres kleinen Tests ganz bestimmt nicht gewählt hätte ...
8.06 Uhr: Sebastian Knoppik, Schleichweg: Nanu, die Absperrkette am Firmenparkplatz ist schon abgenommen. Dabei war ich mir ziemlich sicher, dass der Schleichweg dafür sorgt, dass ich als Erster ankomme. Doch da habe ich die Rechnung ohne Thomas Wedig gemacht, beziehungsweise ohne die von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr empfohlene Umleitungsstrecke. Die war zumindest an diesem Morgen tatsächlich die schnellste Strecke.
8.13 Uhr: Ulrike Kohrs, Umweg: Naja, ich hatte es schon geahnt: Ich komme als Letzte am Ziel an. Aber der Umweg war auch in der Tat ein solcher: Gute acht Kilometer habe ich mehr auf dem Tacho als die beiden Kollegen. Die Fahrt war dafür weitestgehend entspannt und mit Blick auf eine schöne Landschaft. Aber für jeden Tag? Nein. Morgen fahre ich wieder andersherum.

