Besonderes Programm

Die Begeisterung ist grenzenlos, und die Bravorufe wollen gar nicht aufhören bei diesem Konzert in Hildesheim

Hildesheim - Feingeist trifft Grobian, so lässt sich das Programm beim dritten Sinfoniekonzert zusammenfassen. Dirigent Florian Ziemen geht mit zwei unterschiedlichen Stilen ein Wagnis ein. Einer Frau fliegen am Ende die Herzen zu.

Die verwegene Kombination von Florian Ziemen, Generalmusikdirektor am Theater für Niedersachsen (tfn), geht beim Sinfoniekonzert in Hildesheim voll auf. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Es hätte so sein können, dass die Werkauswahl für das dritte Sinfoniekonzert des Theaters für Niedersachsen (tfn) sich allein kalendarisch erklärt: Ist doch der 27. Januar Mozarts Geburtstag und jährte sich im gerade vergangenen Jahr der Todestag Dmitri Schostakowitschs zum 50. Mal. Inhaltlich naheliegend ist sie aber eher nicht. Zu weit auseinander scheinen die Klangwelten der beiden Musikgrößen: Hier Feingeist – dort Grobian?

Dass er bei seiner Programmgestaltung bewusst auf Kontrastbildung gesetzt hatte, dass ihm die unmittelbare Gegenüberstellung von jeweils zwei Werken gerade dieser beiden Komponisten besonders spannend zu wirken versprach, das gestand tfn-Generalmusikdirektor Florian Ziemen im vorangestellten Konzertgespräch. Und, so viel vorab, er sollte damit Recht behalten.

Komplett ausverkauftes Haus

Erfreulich, wie viele Besucherinnen und Besucher den Weg durch Schnee und Eis gefunden hatten: Komplett ausverkauft war das Haus! Und erlebte einen Auftakt nach Maß: Mozarts Sinfonie Nr. 34 (C-Dur) erinnert in ihrem ersten Satz an eine feierlich-repräsentative Opernouvertüre. Die klang unter Ziemens forderndem Dirigat prächtig, mit gut disponierten Bläsern und wohldosierter Dynamik. Auch der gesangliche Charakter des zweiten Satzes war gut getroffen, mit ruhiger, aber fortwährend fließender Bewegung und mit durchweg ausgewogenem Klang. Dem folgte, in rasantem Tempo, der Kehraus des dritten. Die tfn-Philharmonie war, so schien es, mit guter Laune dabei.

Die ersten Klänge des nachfolgenden Stücks mögen manchen Zuhörer irritiert haben: Klingt das nicht nach einer Bachschen Fuge? Ja, das tut es! Und dies nicht nur, weil der Beginn der Kammersinfonie op. 110a von Schostakowitsch als Fugato, also mit nacheinander einsetzenden Stimmen, komponiert wurde. Das Thema spielt, ähnlich wie bei Bach das B-A-C-H, mit den in Töne umsetzbaren Buchstaben der deutschen Fassung des Komponistennamens: D-Es-C-H. Und brachte für manchen Zuhörenden die Musik in die Nähe des Vertrauten.

Es gibt auch ein Juwel der Tonkunst

Die erwarteten (oder befürchteten) klanglichen Schroffheiten traten erstmals im zweiten Satz auf, für dessen robuste Tongebung sich die Musiker nicht schonten. Dazu kontrastierte wirkungsvoll der ironisch beiläufig vorgetragene Walzer des dritten Satzes, gefolgt von erneut krassen Akkordschlägen im vierten, wo sie geradezu schmerzhaft wirkten – und manchen an eine Hinrichtung erinnert haben mögen. Am Schluss des Finales löste sich ganz allmählich die letzte Dissonanz „ersterbend“ auf. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Lange verharrte das Publikum, ehe sich seine Zustimmung in lebhaftem Beifall entlud.

Selbst für eingefleischte Klassikhörer bedeutet nicht jede der 41 Mozart-Sinfonien vertrautes Terrain. Wenn aber von einer frühen Sinfonie die Rede wäre, als von einer, die „die Spatzen von den Dächern pfeifen“, dann kann es sich nur um die 29. handeln, um KV 201 in A-Dur. Die ist nämlich nicht nur äußerst populär, sondern zugleich ein wahres Juwel der Tonkunst, ein Spitzenwerk des 18-Jährigen. Sie erfordert allerdings auch eine dementsprechend differenzierte und nuancenreiche Wiedergabe.

Es gibt noch eine Steigerung

Und damit konnten Florian Ziemen und seine Musiker dienen. Hervorzuheben sind die feinen dynamischen Übergänge und Abstufungen, die ihnen durchweg bravourös gelangen. Auch den Tempi und Satzcharakteren blieben sie nichts Nennenswertes schuldig; insgesamt bedeutete es die reine Wonne, ihnen aufmerksam und aufgeschlossen zuzuhören.

Ließ sich ein solch intensives musikalisches Erlebnis noch steigern? Wohl nicht, jedenfalls nicht wirklich in der gleichen Art Musik. Am ehesten wohl durch einen starken Kontrast. Und den boten nicht nur Dmitri Schostakowitsch und sein erstes Cellokonzert, sondern besonders auch Chiara Samatanga als dessen Solistin.

Viele Bravorufe

Die spielte das Werk nicht bloß, interpretierte nicht dieses für sich schon so wirkungsvolle Werk. Sie verkörperte es. Ihr Körper und der des Instrumentes schienen widerstandslos ineinander überzugehen. Von ihrem spitzenmäßigen instrumentalen Können zeugte besonders auch ihr Zugriff auf die Kadenz, die in diesem Werk einen ganzen (dritten) Satz ausmacht.

Chiara Samatanga begeisterte mit einer authentischen Wiedergabe, mit der sie sich, nicht spürbar absichtsvoll, das Publikum zu Füßen legte. Dessen Begeisterung schien grenzenlos. Nicht enden wollende Bravorufe und andere Beifallsbekundungen brachten das zum Ausdruck. Erst die von der Cellistin zugegebene Gigue aus Bachs sechster Suite für Cello solo ließ allmählich Ruhe einkehren.

Von Eckhard Albrecht

Weitere Termine

Am Dienstag, 3. Februar, spielt die tfn-Philharmonie das dritte Sinfoniekonzert noch einmal – allerdings in Itzehoe. Karten gibt es auf der Internetseite des tfn. Klassik-Fans kommen in Hildesheim dafür am Sonntag, 8. Februar, wieder auf ihre Kosten. Um 11 Uhr gibt die tfn-Philharmonie mit „Durch die Jahreszeiten“ das Familienkonzert der Spielzeit. Um 16 Uhr gibt es Schubert, Liszt und Schostakowitsch beim dritten Kammerkonzert der Spielzeit im thim.

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