Dingelbe - Wie verhalten sich Schweine, wenn sie Auslauf haben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Katharina Witte in Dingelbe. Die 26-Jährige studiert Landwirtschaft an der Hochschule in Osnabrück und hat sich das Thema für ihre Bachelor-Arbeit ausgesucht. Die Studentin setzt dabei nicht auf Theorie, sondern Praxis. Aus diesem Grund halten sie und ihr Freund Heinrich-Vincent Leinemann (29) seit drei Wochen Freilandschweine – die einzigen im Landkreis Hildesheim. Wenn Verbraucher bereit sind, für das Fleisch von Dingelber Freilandschweinen mehr Geld zu bezahlen, soll daraus ein weiteres Standbein des landwirtschaftlichen Betriebes werden.
Heinrich-Vincent Leinemann ist Ackerbauer. Mit Tierhaltung hatten weder er noch seine Eltern Marlis und Heinrich Leinemann, die den Hof vor ihm führten, bisher etwas am Hut. Doch nun ist Heinrich-Vincent Leinemann durch seine Freundin Katharina Witte aufs Schwein gekommen und ganz begeistert. Das Paar hat den alten Pferdestall an der großen Scheune am Ortsausgang von Dingelbe zum Schweinestall umgebaut. 2,5 Quadratmeter Platz pro Schwein im Innenbereich, 9 Quadratmeter draußen. In der konventionellen Haltung hat ein Mastschwein 0,75 Quadratmeter Platz für sich im Stall. „Ich will die konventionelle Haltung nicht kritisieren“, stellt Katharina Witte klar. Doch sie räumt auch ein, wenn sie sie ihre 20 Piétrain-Duroc-Schweine in Bewegung sieht, macht sie das glücklich.
Vor drei Wochen sind die Schweine als Ferkel von einem Hof in Rheda-Wiedenbrück in die Gemeinde Schellerten gekommen. Die Genehmigung, die Tiere draußen zu halten, sei kein Problem gewesen. Die Gemeinde Schellerten gab ihre Zustimmung und das Veterinäramt ebenfalls. Mit zwei Zäunen ist der Freilauf gesichert, um sicherzustellen, dass die Schweine keinen Kontakt mit Wildschweinen bekommen, die eventuell ASP-infiziert (Afrikanische Schweinepest) sein könnten. Etwas hinter dem äußeren Zaun steht ein Hochsitz. Von dort beobachtet Katharina Witte ihre Schweine für ihre Studien.
Die zwölf Wochen alten Tiere liegen morgens um 10 Uhr noch friedlich schlafend im Stall. Es wird gegrunzt, gestreckt, gegähnt. Dann steht das erste Schwein auf, weil es bemerkt, dass Heinrich-Vincent Leinemann und Katharina Witte in der Nähe sind. Die Tiere sind ziemlich neugierig. Nach und nach wacht die ganze Gemeinschaft auf. Einige gehen hinaus in die Sonne, stecken ihren Rüssel in die Erde und wühlen darin. Andere gehen in eine Ecke und machen dort ihr Geschäft. Das hat Katharina Witte schon ausgemacht: Haben Schweine den Platz, teilen sie die Fläche in verschiedene Bereiche ein. In Dingelbe gibt es drei Klos, Plätze zum Schlafen, Spielen, Sonnen und natürlich zum Fressen.
Ein großer Wasserbottich im Außenbereich hat gleich mehrere Funktionen. Einige Schweine trinken daraus, andere nehmen ein Vollbad, halten den Rüssel unter Wasser und machen Blubberblasen. Schnell haben sich die 20 Tiere an ihr neues Leben gewöhnt, ihre ersten Lebenswochen verbrachten sie in einem Stall mit Spaltenboden.
Katharina Witte kennt die verschiedenen Formen der Tierhaltung. Eigentlich wollte sie Tierpflegerin in einem Zoo oder Tierarzthelferin werden. „Doch es gab keine Ausbildungsplätze und außerdem kommt man in den Berufen wenig weiter“, sagt sie. Also machte sie ein Berufsgrundbildungsjahr in der Landwirtschaft und merkte: Das ist es. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Landwirtin, besuchte die einjährige Fachschule in Hameln und anschließend die zweijährige Fachschule in Hannover. Dort lernte sie Heinrich-Vincent Leinemann kennen. Nachdem sie ihre Hochschulreife erlangt hatte, immatrikulierte sie sich in Osnabrück und zog das Studium in fünf Semestern durch. Die Wohnung in der Hochschulstadt ist mittlerweile gekündigt, mit ihrem Freund lebt Witte in Dingelbe.
Im Rahmen ihrer Ausbildung absolvierte die Studentin unter anderem ein Praktikum bei der Großschlachterei Tönnies. „Die sind schon sehr bemüht, damit es den Schweinen dort gut geht“, erzählt sie. So bekämen die Tiere Ruhezeit vorm Schlachten, grünes Licht und Pianomusik zur Beruhigung. Tierschutzverstöße von Betrieben würden von Tönnies als Lieferanten gesperrt.
Vor Weihnachten werden erste Tiere geschlachtet
Auch die Dingelber Schweine werden nicht ewig leben. Die ersten Tiere sollen vor Weihnachten geschlachtet werden. „Wo, das steht noch nicht fest, aber bestenfalls regional“, sagt Heinrich-Vincent Leinemann. Und dann komme es auf die Verbraucher an, ob die denn auch bereit sind, für Fleisch von Freilandschweinen mehr zu bezahlen als für Tiere aus konventioneller Haltungsform. Bio, sind die Dingelber Schweine übrigens nicht.
Spielsachen im Auslauf
Die Borsten der Piétrain-Duroc-Schweine leuchten nahezu golden in der Sonne. Berührungsängste haben die Sauen und Eber nicht. Neugrierig gehen sie auf die Menschen im Freilauf zu, ziehen am Hosenbein oder lassen sich ausgiebig streicheln. Ein Ball, Stroh und Baumstümpfe sind ihre Spielsachen und dann sind da die Artgenossen, mit den getobt, gebadet oder geschmust wird.
„Früher habe ich so gut wie nie eine Pause gemacht“, sagt Heinrich-Vincent Leinemann. Nun ertappt er sich öfter, wie er den Schweinen zusieht. „Da kommt man richtig runter“, sagt er und krault einem Tier den Kopf. Die Möglichkeit, die Schweine zu beobachten, wollen Leinemann und Witte auch anderen Menschen geben. Sie laden zum Schauen ein, auch Kindergartengruppen haben sich schon angemeldet. „Wir wollen öffentlich sein, die Leute sollen wissen, wo das Fleisch herkommt“, sagt Katharina Witte.
Praktisches Thema
Damit sich die Schweine ungestört fühlen, zieht sich die Studentin auf den Hochsitz zurück. Dort macht sie sich ihre Notizen, sammelt Daten, beobachtet die Gewohnheiten ihrer Schützlinge. „Die Hochschule in Osnabrück ist sehr praxisorientiert“, berichtet Witte. Aber dass ein praktisches Thema für eine Bachelor-Arbeit so schnell in die Tat umgesetzt wird, dass brachte selbst die Lehrenden zum Staunen.
Kontakt:
Interessenten, die die Schweine anschauen oder sich als potenzielle Kunden vormerken lassen wollen, können Katharina Witte unter 0157/83527383 oder per Mail erreichen.



