Grasdorf - Dass Grasdorf so gepflegt aussieht, mag manchen Durchreisenden erstaunen. Einheimische aber wissen, dass das Erscheinungsbild des Dorfes in der Gemeine Holle kein Hexenwerk ist. Eine Gruppe älterer Herren sorgt seit 20 Jahren dafür. Jeden Dienstag treffen sie sich zum Arbeitseinsatz. Die Männer nennen sich Rentnerband, sie greifen zu Heckenschere und Laubbesen, nicht zu Instrumenten – obwohl sie durchaus auch musikalisch sind.
Dienstagmorgen, 9 Uhr. Brigadier Hans-Adolf Knopp erklärt den Bandmitgliedern, wo sie an diesem Tag tätig werden. An der Reihe ist der Bereich Hildesheimer- und Peiner Straße. Hecken müssen gekürzt, Rosen geschnitten, Laub muss gefegt und Rasen gemäht werden. Eine Regel der Rentnerband besagt: Was der Brigadier anordnet, wird gemacht – ohne Moserei. Eine Zweite: Wer über 80 Jahre alt ist, arbeitet freischwebend, kann sich seine Aufgaben selbst aussuchen. Eine dritte: Jeder macht, was er kann und nicht mehr.
Kein Regen bei der Arbeit
Um 11 Uhr ziehen am Himmel dicke schwarzen Wolken auf, Regen droht. „Ach was, das regnet nicht“, sagt Knopp. Es regne nie, wenn die Rentner im Einsatz seien. „Das liegt daran, dass ein Pfarrer dabei ist“, sagt Pfarrer Joachim Piontek mit der Schaufel in der Hand und lacht.
Im Februar 2003 ist die Grasdorfer Rentnerband gegründet worden. Hans-Adolf Knopp war damals 58 Jahre alt und Ortsbürgermeister. Er erinnert sich ganz genau, wie es dazu kam: „Auf jeder Ortsratssitzung war das Erscheinungsbild des Ortes Thema. „Das wächst etwas auf den Gehweg“, „Die Beete sehen schlimm aus“ oder „Auf dem Weg ist eine Stolperfalle“ – solche Anmerkungen gab es bei der Einwohnerfragestunde immer wieder, teils sehr aggressiv vorgetragen, wie sich Knopp erinnert. Weil das Thema in den Sitzungen so beherrschend war, kam Ortsratsmitglied Hans-Günther Bode (SPD) die Idee, es den Hackenstedtern gleich zu tun. Dort gab es eine Gruppe von Rentnern, die sich der Pflege des Ortes annahmen.
In Grasdorf fanden sich fünf Rentner zum Anpacken. Wann immer es ging, war Hans-Adolf Knopp dabei, er war zu dem Zeitpunkt noch berufstätig. Zunächst brachten die Mitglieder Gartengeräte aus dem eigenen Bestand mit zur Arbeit. Mittlerweile stellt der Holler Bauhof alle Gerätschaften und Maschinen, die die Gruppe zur Pflege benötigt. Seit 2006 ist Rentner Knopp ständiges Mitglied der Gruppe, die „hierarchisch-autoritär strukturiert“ sei. Was das bedeutet? Es gibt einen Chef, den Brigadier, und dem ist zu folgen. „Aber jeder, dem etwas auffällt, kann das natürlich äußern“, sagt Knopp und lächelt.
„Selbsthilfegruppe für ältere Männer“
Die Arbeitsdisziplin ist das eine, die Beständigkeit dieser Gruppe das andere. „Wir sind so etwas wie eine Selbsthilfegruppe für ältere Männer“, sagt Knopp. In der Gruppe wird gearbeitet, klar. Aber auch viel geredet. Hat einer Probleme, die er loswerden will oder benötigt er Hilfe, die Rentnerkollegen sind da. Wie Anfang des Jahres für Kurt Ewert, als dessen Verkaufsbude auf dem Parkplatz bei Astenbeck abgebrannt war. „Wir haben es gut, weil wir uns haben“, habe es einer aus der Gruppe mal auf den Punkt gebracht. Der Erfolg dieser Institution aus Knopps Sicht: „Gegenseitige Anerkennung in der Gruppe und eine Arbeit, die öffentlich wahrgenommen, das ist der Kitt, der uns zusammenhält.“
Erinnerung an verstorbene Mitglieder
In einer kleinen Laube neben Riechers Hof in der Hildesheimer Straße haben die Rentner in einem Holzhaus ihr Domizil. An einer Wand hängen Fotos der mittlerweile verstorbenen Mitglieder, die auf diese Weise irgendwie immer noch dabei sind. Nachwuchssorgen haben die Grasdorfer übrigens keine. Es gibt immer Interessenten, aber nicht jeder kann einfach so Gruppenmitglied werden. Dreimal dürfen die Neuen mitarbeiten, dann entscheidet die Gruppe, ob er bleiben darf. Wurde schon einmal jemand abgelehnt? „Offiziell nicht“, sagt Knopp und schmunzelt. Frauen seien unter den Bewerbern bisher nicht gewesen.
Feierabend mit Ü
12 Uhr, ein Rentner nach dem andern steuert das Holzhäuschen an. Alle in einheitlichen Arbeitsklamotten, die sie als Rentnerband kennzeichnen. Schluss für heute. „Jetzt ein Killepitsch“, sagt Jochen Piontek und öffnet den Schrank. Die Flasche ist weg. Heinz Husemann weiß, wo sie zu finden ist. In einem Nebengebäude hat er sie in den Kühlschrank gestellt. Er schlurft los, um sie zu holen. Regen setzt ein, als er zurückkommt. Die Männer gießen sich einen Kräuterschnaps ein und Hans-Adolf Knopp stimmt ein „Üüüü“ an, gibt den Ton vor. Die Männer stimmen ein, singen zur Melodie des Gefangenenchores von Verdi: „Überall auf der Welt scheint die Sonne“. „Prost! Alte Schamanenweisheit, keine Droge ohne Ritual“, sagt Knopp. Singen können sie, die meisten Rentner sind auch Mitglieder in der örtlichen Chorgemeinschaft. In erster Linie aber sind sie: die Grasdorfer Rentnerband.

