Vor dem Drittliga-Derby

Die Hildesheimer Handball-WG: Ein Söhrer und ein Einträchtler leben unter einem Dach

Hildesheim - Eintracht Hildesheims Jan Jochens und Christoph Holletzek von den Sportfreunden Söhre wohnen seit einem halben Jahr zusammen: Ein Stoffball spielt bei ihnen eine große Rolle, der Kaffee ebenfalls – und natürlich das Handball-Derby am Freitagabend.

Hildesheim - „Mit Kaffee ist das bei uns so eine spezielle Sache“, sagt Jan Jochens. Neben ihm steht Christoph Holletzek an der Kaffee-Mühle. Die Mühle zerkleinert die Bohnen. Das gemahlene Pulver rutscht in den Siebträger – schon wird die Maschine angestellt, und der Espresso läuft durch. Es duftet herb.

Wenn Jochens und Holletzek in der gemeinsamen Wohnung in der Küche stehen, dann ist Kaffee durchaus ein Thema. „Dieser Kaffee hier ist vom Gardasee, der hat im Urlaub so gut geschmeckt, da habe ich gleich welchen bestellt“, so Holletzek. Ein viel bestimmenderes Thema in der WG ist aber der Handball – wie sollte es auch anders sein bei der besonderen Wohn-Konstellation. Denn Jochens läuft für den HC Eintracht Hildesheim auf, Holletzek für die Sportfreunde Söhre. Beide in der 3. Liga Nord-West. Am Freitag (19.30 Uhr, Volksbank-Arena) kommt es zum Duell der Mitbewohner – dem Lokalderby zwischen Söhre und Eintracht.

Die Sache mit dem Kaffee

In Sachen Kaffee sind beide gut aufgestellt. Neben einer Siebträger-Maschine befindet sich in der Küche auch eine French-Press- und eine Bialetti-Kanne. Jochens erklärt: „Holle (Spitzname von Christoph Holletzek, Anm. d. Red.) hat in Sachen Kaffee-Verständnis aber klar die Nase vorn.“

Dafür hat Jochens auf dem Spielfeld Vorteile. Der Torwart der Hildesheimer führt mit seinem Team die 3. Liga Nord-West verlustpunktfrei an und gewann auch das Derby-Hinspiel Anfang September gegen die Söhrer (32:25) – die damals allerdings noch ohne Holletzek spielten.

Zusammen gewohnt haben sie da aber schon. „Ich verfolgte das Derby in der Halle von der Tribüne aus“, erinnert sich Linksaußen Holletzek, der kurz darauf zu den Sportfreunden gewechselt ist.

Ich habe bei meinem alten Verein in Coburg gemerkt, dass ich nicht mehr allein leben möchte. Aber ich wollte auch keine Zweck-WG

Jan Jochens, HC Eintracht

Jan Jochens ist im vergangenen Sommer vom Zweitligisten HSC 2000 Coburg nach Hildesheim gekommen, bezog Ende Juni eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadtmitte. Dagegen ist Holletzek waschechter Domstädter. „Ich habe aber in Kiel studiert und auch Handball gespielt“, so der 22-Jährige. Holletzek lief oben im Norden für die A-Jugend des THW Kiel auf, dann für den TSV Altenholz und später für DHK Flensborg in Liga drei.

In Kiel und Altenholz lernte er Philipp Wäger kennen, der wiederum seit 2022 für Hildesheim unter Vertrag steht. Über den Rückraumspieler der Eintracht entstand der Kontakt zu Jochens, der für seine Stadtmitte-Wohnung noch einen Mitbewohner suchte. „Ich habe bei meinem alten Verein in Coburg gemerkt, dass ich nicht mehr allein leben möchte“, so Jochens. „Aber ich wollte auch nichts überstürzen und keine Zweck-WG.“

Pre-Master bei Bosch

Als er von Wäger erfuhr, dass ein Handballer in Hildesheim eine Bleibe suchte, entstand schnell der Kontakt. „Ich habe Holle Videos geschickt und kurz darauf persönlich kennengelernt“, so der Torwart.

Holletzek ist seit Sommer wieder in seiner alten Heimat, da er bei Bosch einen Pre-Master macht – eine Vorbereitung auf das Master-Studium. Er hat bereits den Bachelor in BWL in der Tasche. Und es passt zwischen den beiden. „Handballer verstehen sich eigentlich immer“, sagt Holletzek und schmunzelt.

Nö, wir haben vorher nur kurz gesaugt. So sieht es eigentlich immer aus

Christoph Holletzek, SF Söhre

Wenn es mal nicht um Kaffee geht, sitzt das Duo gern auf der Couch. Dann gibt es ein Ritual: Dabei kommt ein Stoff-Fußball ins Spiel, einer mit rotem Fleck von der unlängst gekochten Tomatensoße. Jan Jochens nimmt den Ball und wirft ihn zu Holletzek – derjenige, der ihn in der Hand hält, darf sprechen. „Wir reden beide gern und viel“, lacht Jochens. „Wir machen das dann manchmal wie in Kennenlern-Runden.“

Für zwei junge Männer Anfang 20 macht sowohl Jochens als auch Holletzek einen sehr reifen Eindruck. Die Wohnung ist aufgeräumt. Extra für den Besuch der Zeitung? „Nö, wir haben vorher nur kurz gesaugt. So sieht es eigentlich immer aus“, meint Holletzek. „Die Spülmaschine nimmt uns aber zum Glück viel Arbeit ab.“

Von Hildesheim nach Kiel

Beide mussten schon früh auf eigenen Beinen stehen. Torwart Jochens noch etwas früher, als er sich mit 14 dafür entschied, in Berlin auf das Sport-Internat zu gehen und sich dem Handball zu widmen. Holletzek zog es erst später aus der Heimat weg, doch auch er setzte früh auf die Karte Handball. Vom TuS Grün-Weiß Himmelsthür ging es in den Nachwuchs der TSV Hannover-Burgdorf – später weiter Richtung Kiel. Während Jochens Profi ist und neben dem Sport Psychologie studiert, hat bei Holletzek eher der berufliche Werdegang Vorrang. Auch deshalb sei er nach seinem Engagement bei DHK Flensborg wieder Richtung Heimat gekommen. Eigentlich wollte er zunächst Abstand vom Handball gewinnen. „Nach ein paar Monaten vermisst man es dann aber doch“, gesteht Holletzek. „Vor allem das menschliche, das Kabinenleben.“

So gleich der Sport ist, den beide treiben, so unterschiedlich ist die Herangehensweise der Vereine, in denen sie spielen. Eintracht Hildesheim will hoch in die 2. Liga, trainiert mitunter acht, neun Mal in der Woche. An manchen Tagen sogar zweimal. Die Söhrer Feierabend-Handballer hingegen üben im Normalfall drei Mal, in der jetzigen Derby-Woche sogar nur zweimal, weil am Freitag bereits Spieltag ist.

Eine alte Cat-Stevens-LP

Besonders donnerstags wird der Unterschied zwischen Eintracht und Söhre deutlich. Da können die Sportfreunde erst spät um 20 Uhr trainieren, weil die Halle vorher nicht frei ist. Derlei Einschränkungen gibt es bei den Einträchtlern nicht, sie haben die Volksbank-Arena meist für sich. „Jan hat seine zwei Einheiten am Donnerstag um 17 Uhr schon hinter sich, da mache ich gerade Feierabend bei Bosch“, sagt Holletzek. „Auf die Couch legen wäre dann schön, aber ich muss noch mal los.“ Wenn er vom Training in Diekholzen zurückkehrt, ist Jochens Tür in der WG oft schon zu – er schläft.

Falls er sich noch nicht in seinem Zimmer verzogen hat, hört er gern Musik. Aber nicht irgendwie, denn Jochens besitzt einen Plattenspieler. Ungewöhnlich für einen 23-Jährigen. „Wieso denn? Platten liegen doch wieder im Trend“, grinst er. Er kniet vor dem Gerät, auf dem Teller liegt eine alte Cat-Stevens-Scheibe, gepresst noch vom einstigen DDR-Musik-Label Amiga.

Das anstehende Derby wird für die Zwei in vielerlei Hinsicht besonders. Es ist zum einen das erste Aufeinandertreffen der Mitbewohner. „Wir haben zwar früher schon einmal gegeneinander gespielt, mit Altenholz und Potsdam“, sagt Holletzek. „Aber da kannten wir uns ja nicht wirklich.“ Quasi mit Einzug des Linksaußen ist das Derby immer wieder Thema. Beide können am Freitag auch ihre Freundinnen begrüßen. Holletzeks Partnerin Naya lebt in Hamburg, er hat sie beim Studieren in Kiel kennengelernt. Sie war schon öfter beim Handball.

Anders geht es da Jochens neuer Freundin Emely. Sie lebt in Berlin. „Emely kommt am Freitag“, sagt er, „das wird für uns besonders, denn sie hat noch nie ein Spiel live gesehen.“


Hier gibt es noch Tickets

Es wird voll werden am Freitagabend in der Volksbank-Arena – wie immer, wenn das Drittliga-Derby zwischen den Sportfreunden Söhre und dem HC Eintracht Hildesheim über die Bühne geht. Noch gibt es aber Tickets für das Handball-Event: über die Homepage sportfreunde-soehre.de (Bereich Ticketshop) oder in der Geschäftsstelle des HC Eintracht in Hildesheim (Pappelallee 1a). Es gibt noch Sitz- und Stehplatzkarten. Auch die Abendkasse wird am Freitag geöffnet. Die Partie beginnt um 19.30 Uhr.

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