Sarstedt - Die größten Hochwasser-Probleme im Landkreis Hildesheim gibt es am Sonntagvormittag zunehmend in Sarstedt. Dort kommen jetzt die Flutwellen von Innerste und Leine an. Weil die Leine so hoch steht, kann die Innerste an der Mündung bei Ruthe nicht gut abfließen. Eine Straße ist bereits gesperrt, eine weitere teilweise, an mehreren Stellen im Stadtgebiet kämpfen die Feuerwehr und andere Einsatzkräfte gegen drohende Überschwemmungen.
„Dann wären sie von der Außenwelt abgeschnitten“
Die Straße zwischen Heisede und Ruthe ist seit dem Morgen gesperrt. Im Bereich der ICE-Trasse fließt Wasser von der Innerste über die Fahrbahn und breitet sich auf den Feldern auf der anderen Straßenseite aus. Inzwischen haben sich die Wassermassen Millimeter für Millimeter auch auf die Fahrbahn der Straße zwischen Sarstedt und Ruthe geschoben. Am Nachmittag musste die Straße dann halbseitig gesperrt werden.
„Die Straße wollen wir aber wenn irgendwie möglich offenhalten“, sagt Stadtbrandmeister und Einsatzleiter Jens Klug. „Denn sonst wären Ruthe und Schliekum quasi von der Außenwelt abgeschnitten.“
Dickebast läuft voll
Klug dirigiert vom Feuerwehrhaus Im Kirchenfelde permanent rund 150 Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, Bauhof und anderen Organisationen. Sein Handy klingelt im Minutentakt, ständig hat er verschiedene Pegelstände im Blick, trifft mit der neben ihm sitzenden Bürgermeisterin Heike Brennecke eine Entscheidung nach der anderen.
So, als ein Transporter-Fahrer des THW hereinkommt und meldet: „Ich habe Sandsäcke! Wohin damit?“ Klug schickt ihn zur Straße Auf der Bleiche nahe der Innerste. Dort ist die Feuerwehr Harsum im Einsatz, um die nahen Wohnhäuser vor einer Überschwemmung zu schützen. Einsatzkräfte haben dort den Schutz durch eine mobile Schutzwand mit Sandsäcken verstärkt. Überhaupt sind Feuerwehr- und THW-Kräfte aus dem ganzen Kreisgebiet in Sarstedt im Eibsatz, das Deutsche Rote Kreuz kümmert sich um die Versorgung mit Essen und Getränken.
Die Innerste bereitet den Verantwortlichen in der Kernstadt am meisten Sorgen. Unter den Brücken am Holztor und am Nordring ist nicht mehr viel Luft. Das Überlaufbecken Dickebast läuft von Süden her voll. Ein vom THW bereitgestellter mobiler Pegel weist dort einen Wasserstand von 1,27 Metern aus, Tendenz weiter steigend.
Am Samstagabend hat die Feuerwehr an der nahen Straßen Vor den Furchen eine mobile Hochwasserschutzwand installiert – eine richtige Entscheidung. Am Sonntag reicht das Wasser dort bereits heran.
Ruthe wird zur Insel
Am Nordring pumpt die Feuerwehr dennoch noch mehr Wasser in die ohnehin schon volle Innerste. Laut Klug geht es darum, das Rückhaltebecken im Gewerbegebiet Im Kirchenfelde am Überlaufen zu hindern – denn das würde mit Feuerwehrhaus und Bauhof kritische Infrastruktur der Stadt gefährden, wie der Stadtbrandmeister betont.
Ruthe, oft im Zentrum von Überschwemmungen, ist inzwischen weitgehend eine Insel – mit den Straßen nach Sarstedt und Schliekum als letzten Landverbindungen. Wie sehr die Innerste an der Mündung zurückgestaut wird, zeigt sich vor dem Dorf: Über die Felder fließt das Innerstewasser dort bereits in Richtung Leine, schießt mit hohem Tempo durch einen Durchlass unter der Straße. Auch dort ist kaum noch Luft. Die Felder können längst kein Wasser mehr aufnehmen, weil die Böden vollkommen gesättigt sind – das Flusswasser fließt einfach darüber hinweg.
Sorge vor nächsten Tagen
An immer mehr Stellen im Stadtgebiet sind Sandsäcke vor Häusern zu sehen. Viele Bürger nutzen die Möglichkeit, sich am Teinkamp selbst Sandsäcke zu befüllen und diese mit nach Hause zu nehmen. Bis 14 Uhr will die Feuerwehr das Angebot aufrechterhalten. Ausgeweitet wird das Angebot des Bürgertelefons: Auch an den beiden Weihnachtstagen ist es unter der Nummer 0 50 66/805-100 erreichbar, bisher war dies nur für Heiligabend vorgesehen.
Tatsächlich blickt Stadtbrandmeister Jen Klug sorgenvoll auf die Feiertage. „Es ist weiter Dauerregen angesagt, im Harz wie auch hier“, stellt er fest. „Wenn die Lage so bleibt wie jetzt, kommen wir mit einem blauen Auge davon – aber sicher ist das nicht.“
Das Hochwasser in Sarstedt war auch Thema in den Gottesdiensten der evangelischen St.-Nicolai-Kirche am Heiligabend. Pastor Matthias Fricke-Zieseniß nannte in seinen Fürbitten jeweils die Einsatzkräfte und eventuelle Hochwasser-Betroffene.
Die HAZ informiert fortlaufend im Liveticker über das Hochwasser in der Region.



