Landwirtschaft

Von hier aus gehen Kartoffeln in die ganze Welt: Einblicke in eine bundesweit einzigartige Anlage in Garmissen

Garmissen - Eine faule Kartoffel kann das ganze Lager ruinieren. So etwas wäre eine Horror-Vorstellung für Kartoffel-Bauern. Die Landwirtsfamilie Riepl-Bauer aus Garmissen hat deswegen in computergesteuerte Technik investiert. (Mit Video)

Veronika Riepl-Bauer in der neuen Sortier- und Lagerhalle bei Garmissen. Foto: Chris Gossmann

Garmissen - Hi-Tech im Kartoffellager: Zwischen Garmissen und Oedelum hat die Landwirtsfamilie Riepl-Bauer aus Garmissen eine riesige Kartoffelhalle plus Nebengebäuden errichten lassen. In der Halle mit einer Deckenhöhe von zwölf Metern werden Kartoffeln sortiert und gelagert. Aber nicht irgendwelche Knollen. Die Riepl-Bauers bauen Pflanzkartoffeln an und vermarkten diese weltweit. Mit Hilfe modernster Technik werden die Kartoffeln künftig sortiert und gelagert.

Fünf Jahre geplant

Fünf Jahre dauerte die Planung des Projekts. Eigentlich zu lange für den Geschmack von Veronika Riepl-Bauer. Doch im Nachhinein sei es gar nicht so schlecht gewesen, das Projekt langsam zu entwickeln. So sah sich die Landwirtsfamilie Betriebe in den Niederlanden und im Norden Deutschlands an, um für den eigenen Betrieb die beste Lösung zu finden. Bei der kommenden Kartoffelernte soll sie nun – nach einem Probelauf im vergangenen Jahr – zum Einsatz kommen. Neben der Kartoffelhalle gibt es eine weitere für Fahrzeuge und einen Bürotrakt, in dem ein Gemeinschaftsraum mit Küche für das Personal eingerichtet ist. Neben Eckbank und Esstisch steht ein Kinderwagen, quasi ein Dienstwagen für Antonia, gerade einmal zwei Monate alt. Die 31-jährige Mutter flitzt mit dem Zweit-Kinderwagen auf dem Betriebshof hin und her. Obwohl es gerade noch ziemlich ruhig ist. Im Gemeinschaftsraum berichtet sie vom aufwändigen Geschäft mit den Pflanzkartoffeln, die der besonderen Pflege bedürfen.

So kommen in das Kühllager nur perfekte Kartoffeln ohne Schadstellen. „Die Kartoffel ist eine Diva“, sagt Veronika Riepl-Bauer und lacht. Schon im Anbau muss die Pflanze von Pilzen und Insektenbefall geschützt werden. „Je gesünder die Kartoffel, desto besser der Start nach der Pflanzung“, erklärt die Landwirtin. Und so fängt die Kontrolle schon auf dem Acker an. Mit einem Selektionsmobil fahren die Landwirte die Kartoffelreihen ab und schauen, ob alle Pflanzen gesund sind. Ist es eine nicht, wird sie gleich herausgerissen und entsorgt, damit andere nicht ebenfalls krank werden.

Nach der Ernte sind die Kartoffeln auch früher schon sortiert worden. Es gab verschieden Raster, durch die die Knollen nach Klasse gefallen sind. „Jetzt haben wir eine faszinierende Technik“, strahlt die Unternehmerin (Cultivation GbR), die das Projekt mit ihrem Mann Tobias Sievers stemmt. Ohne die Unterstützung der Familie mit Vater Sebastian Riepl-Bauer aber wäre das Vorhaben nicht zu stemmen gewesen, sagt Veronika Riepl-Bauer. So haben sie nun in ihre Zukunft investiert.

Holzkisten türmen sich

In der riesigen Halle türmen sich Holzkisten. Es duftet noch wie frisch gesägt. In der ersten Halle dann die Transportbänder und das Herzstück, die computergesteuerte optische Sortieranlage. Sie erkennt, nachdem die Kartoffeln gereinigt und gescannt wurden, ob die Feldfrüchte tadellos sind. 40 Bilder macht die Kamera von einer Kartoffel, um deren Qualität automatisch zu bewerten. Anschließend rollen die Knollen auf ein Band mit Rinnen und Klappen, die sich für die Sortierung öffnen. Vor dem Verpacken steht eine letzte Kontrolle durch einen Angestellten. Es folgt das automatische Abpacken, Wiegen und Verladen. Das neue System spart Personal. Ein wichtiger Punkt für die Landwirte, denn immer weniger Menschen wollen in der Landwirtschaft arbeiten.

Gleichzeitig sind die Produkte aber gefragt. Bis 2018 produzierten auch die Riepl-Bauers Pommes-Kartoffeln für McDonalds. „Mein Vater hat das 40 Jahre lang gemacht“, berichtet Riepl-Bauer. Angefangen hatte er mit drei Hektar Land. Nun werden beinahe 70 Hektar (700.000 Quadratmeter) beackert. „Wir haben einen großen Flächenpool mit zum Teil gepachteten Flächen“, so die Landwirtin. 4000 Tonnen Kartoffeln werden geerntet und müssen auch eingelagert werden. Von der Sortierhalle geht es durch ein Tor in die Lagerhalle. Über dem Tor hängt ein großes Holzkreuz, das der Vater von Tobias Sievers geschreinert hat. „Es soll ja auch ein Segen darauf sein“, sagt die Veronika Riepl-Bauer und lächelt. Auch in der Lagerhalle gibt es Technik, hauptsächlich für die Kühlung und die Belüftung. Die Familie aus Garmissen hat viel Geld in die Hand genommen, um sich derart aufzustellen. Die Anlage sei bisher einmalig in Deutschland. „Wir glauben, es war richtig, diesen Weg zu gehen, zumal wir keinen Mitarbeiterstamm haben“, sagt die Landwirtin. Immerhin arbeiten sieben Mitarbeiter in verschiedenen Bereichen im Betrieb.

Feier zur Einweihung

Im Frühjahr feierten die Riepl-Bauers Einweihung, damit Fachleute, Kollegen und die Menschen im Dorf sehen konnten, was sich da am Ortsrand getan hat. „Die Menschen erleben ja, dass mehr Lastwagen durch den Ort fahren“, sagt Riepl-Bauer. Die Feier nutzten auch zahlreiche Berufskollegen, um sich die neue Technik anzusehen.

Unter ihnen Judith von Hermanni aus Dingelbe. Die Landwirtin baut mit Landwirt Christoph Plake seit Anfang des Jahres ebenfalls eine große Lagerhalle auf ihrem Grundstück, um die Pflanzkartoffeln unter besten Bedingungen lagern zu können. „Die Lagerung nimmt viel Platz in Anspruch“, erklärt die Landwirtin. Denn auf einem Haufen wie etwa Pommeskartoffeln dürfen die Pflanzkartoffeln nicht aufbewahrt werden. 20 mal 60 Meter groß ist die Halle in Dingelbe, die von der Konrad-Adenauer-Straße aus zu sehen ist. Technisch ist von Hermanni allerdings nicht so ausgerüstet wie die Kollegen aus Garmissen. „Das ist schon eine Nummer größer. Da habe ich echt Respekt vor“, sagt Judith von Hermanni.

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