Hildesheim - Wenn Hans-Joachim Kaune morgens früh um 6 Uhr zur Tonkuhle auf der Marienburger Höhe aufbricht, um seine Runden durchs Wasser zu ziehen, sammelt er zuerst Müll ein. „Müll aller Art“, sagt er und zählt auf: Getränkedosen, Flaschen, Chipstüten, Kronkorken und auch Scherben: „Die sind besonders ärgerlich, weil ich dort gerne barfuß unterwegs bin.“
Die Tonkuhle dient einigen Zeitgenossen auch als Müllgrube. Kaune hat dort schon Fahrräder, elektrische Zahnbürsten und Anfang des Jahres auch eine mit Öl gefüllte Spraydose gefunden: „Die war gottseidank aber dicht.“
Beliebtester Treffpunkt
In diesem Jahr hat sich die Tonkuhle zu einem der beliebtesten Treffpunkte vor allem für junge Leute an warmen Sommerabenden und -nächten entwickelt. Immer wieder mit der Folge, dass die Polizei anrücken muss, um die Treffen großer Gruppen aufzulösen. Anwohner melden häufig Lärmbelästigungen.
Uns werden auch viele Feiern in Privatgärten oder auf Balkons gemeldet
Nicht der Hohnsen, die Steingrube oder das Bermuda-Dreieck in der Friesenstraße sind nach dem Lockdown Ziel zahlreicher Einsätze, bestätigt Polizeisprecherin Kristin Möller und relativiert gleich wieder etwas: „Ja, uns werden auch viele Feiern in Privatgärten oder auf Balkons als lärmend gemeldet.“ Aber eben auch die Anlage rund um die Tonkuhle, wo zum Teil Hunderte zusammenkommen. Und deswegen hat die Polizei diesen Bereich derzeit besonders in ihr Visier genommen.
Im Visier der Polizei
Stippvisite am Freitagabend gegen 20.30 Uhr vor Ort: Schon oberhalb am Parkplatz vor dem Studentenwohnheim Blauer Kamp hört man Stimmengewirr und etwas Musik aus Abspielgeräten. Auf dem Rasengelände, das sich am westlichen Rand der Tonkuhle ausbreitet, sitzen etliche Gruppen junger Leute zusammen – allerdings mit weitem Abstand voneinander. Aber es treffen sich auch Pärchen, die den Abend zu zweit genießen wollen. Eine Frau sitzt versunken mit einem Buch am Hang. Neben ihr übt sich ihr Hund in Geduld.
Vier junge Männer mit einem fast geleerten Sechserpack Bier gehen den kleinen Rundpfad entlang. Sie kicken eine leere Plastikflasche vor sich her. Nach kurzer Zeit erlischt ihr Interesse am Spiel, die Flasche bleibt liegen, die Pappe vom Sixpack fällt wie unabsichtlich einem der Jungen aus der Hand. Sie gehen weiter.
Junge Frau sammelt Müll auf
Kurze Zeit später steht eine junge Frau in der Nähe auf, schnappt sich Pappe und Flasche und bringt beides in einen der Mülleimer in der Nähe. „Das mache ich häufiger“, erzählt die 21-jährige Juli, „dann sieht man, dass jemand aufräumt, vielleicht machen das andere dann auch“.
Vorbild sein statt zu schimpfen
Und tatsächlich taucht kurz darauf jemand mit mehreren prall gefüllten Stoffbeuteln und einer Plastikeinkaufstasche auf. Er dreht an diesem Abend seine Sammelrunde, eine Greifzange hat er auch dabei.
Etwas abseits haben sich drei junge Frauen niedergelassen und malen auf postkartengroßen Leinwänden die Tonkuhlenidylle. Jana Reitmayer lernt am TfN Kulissenmalerei, sie hat Hanna Drünert und Gilda Hosang zufällt hier am See gesehen und sich gleich zu ihr gesellt. Gemeinsam Zeichnen und Malen ist eben schöner. Die Tonkuhle ist eben ein Treffpunkt und für den Stadtteil ein Naherholungsgebiet – mit Spaßfaktor.
Müll und Lärm sind die Grenze
Müll und Lärm sind dabei die Grenzlinien, die das Verhältnis zwischen Besuchern und Anliegern trüben. Langsam wird es an diesem Abend dunkel, die Musik vom Anfang ist oberhalb auf dem Parkplatz vor dem Studentenwohnheim immer noch zu hören.
Doch kaum biegt man in die Stichstraße Blauer Kamp ein, verstummt sie, wird der Schall verschluckt. An einem Haus rattern die Jalousien runter, Fernsehbilder flackern in anderen Wohnungen. Jemand parkt seinen Wagen ein.
Wir haben an jedem warmen Abend zahllose Anrufe wegen Lärmbelästigung
Für die Polizei wird diese Freitagnacht der Bereich Tonkuhle kein erneuter Einsatzort. „Wir haben an jedem warmen Abend zahllose Anrufe wegen Lärmbelästigung im ganzen Stadtgebiet“, sagt ein diensthabender Beamte am Samstagvormittag auf Anfrage der HAZ. Aber die Tonkuhle taucht dieses Mal in seinem Berichtsheft nicht auf.

