Nordstemmen - Am Sonntag ist es wieder so weit: Dann steigt Hans-Ulrich Gerth nach dem Aufstehen auf den Turm der St. Johannis-Kirche in Nordstemmen und sorgt dafür, dass die Uhr des Gotteshauses richtig geht. Am Wochenende beginnt nämlich die Sommerzeit – und die Uhr an der Nordstemmer Kirche läuft noch mit echter Handarbeit.
Von unten betrachtet sieht das goldene Zifferblatt an der Kirche im Kirchbrink vergleichsweise klein aus. Man würde jedenfalls nicht erahnen, dass im Inneren des Turms ein mehrere Meter langer Holzkasten mit Zahnrädern, Stahlseilen und Pendel dafür sorgt, dass die Uhr richtig geht. Wobei das nicht ganz stimmt: Eigentlich sorgen auch Hans-Ulrich Gerth, Erwin Deutschle und Thomas Griese dafür, dass die Nordstemmer Kirchturmuhr die korrekte Zeit anzeigt. Die drei Männer engagieren sich in der Kirchengemeinde, Griese ist im Kirchenvorstand. „Wir sind die Uhrenwächter“, sagt er und lacht. Wenn nicht gerade Zeitumstellung ist, müssen die drei Männer einmal pro Woche in den Turm und die Uhr wieder aufziehen. „Damit wechseln wir uns ab und wenn mal einer im Urlaub ist, sagen wir den anderen Bescheid“, sagt Deutschle.
Drei Gewichte halten die Uhr am Laufen
Um die Uhr aufzuziehen, kurbeln die Männer drei Gewichte neben dem Getriebe der Uhr nach oben. Wie schwer die sind, können sie nicht genau sagen. „Ich könnte die aber nicht alleine hochheben“, sagt Gerth, „so 80 bis 120 Kilogramm werden die wiegen.“ Die Gewichte sind mit drei Spulen verbunden, je einer für den Stunden- und den Minutenzeiger sowie einer für das Viertelstundenmaß, das auch dafür sorgt, dass die Glocke alle 15 Minuten läutet. Einmal nach oben gekurbelt, benötigen die Gewichte etwa sieben Tage, bis sie wieder am Boden angekommen sind. So lange läuft die Uhr. Kurbelt man sie dann nicht wieder nach oben, bleibt die Uhr stehen. „Das war das letzte Mal vor etwa einem Vierteljahr der Fall. Da hat mich der Pastor am Sonntagnachmittag angerufen und mir gesagt, dass irgendwas mit der Uhr nicht stimmt“, berichtet Deutschle. Er habe die Gewichte dann genau zu der Uhrzeit wieder hochgekurbelt, zu der die Uhr stehen geblieben war – und dann das Pendel angestoßen. „So erspart man sich die Feinarbeit am Ziffernblatt. Man muss schließlich auch darauf achten, dass die Viertelstunde genau richtig eingestellt ist.“
Hinter der Spule für den Stundenzeiger befindet sich eine verkleinerte Darstellung des Zifferblatts am Kirchturm. Wenn die Uhr mal stehen geblieben oder Zeitumstellung ist, kann man mit einem Maulschlüssel ein Gewinde lösen und den Stundenzeiger verstellen. Der Holzkasten mit dem Getriebe steht im Turm etwa 15 Meter von der Uhr entfernt, im Stockwerk unter den Uhren von St. Johannis. Die Zeit, die Hans-Ulrich Gerth hier am Sonntag einstellt, wird über mehrere Stahlseile und Stangen dann mechanisch an den Stundenzeiger der Turmuhr übertragen. Am Sonntag sorgt Gerth dafür, dass der Zeiger sich eine Stunde nach vorne dreht. Und im Oktober, wenn die Winterzeit beginnt, hält er die Uhr einfach für eine Stunde an.
Das Getriebe stammt von einem Elzer Familienbetrieb
Das Getriebe der Uhr stammt vom Betrieb Furtwängler und Söhne aus Elze, der auch die Orgel der St. Johannis-Kirche gefertigt hat. 1879 steht an dem gusseisernen Rahmen, in dem sich die Zahnräder, Spulen und das Pendel befinden. Seitdem dürfte sie durchgängig in Betrieb sein, schätzen die Männer. Und wenn es nach ihnen geht, kann das noch lange so weitergehen. „Wir möchten die mechanische Uhr gerne behalten“, sagt Griese. „Und das Ganze zu elektrifizieren, wäre auch ganz schön teuer.“

