Eime/Banteln - Eigentlich wollte Ida Weduwen nur ein paar Monate lang in der Zimmerei von Richard Kreth jobben, bevor ihr Studium der Umweltwissenschaften startete. Sicher, das Arbeiten mit Holz lag ihr, ihre große Schwester hatte auch eine Zimmerer-Ausbildung gemacht – doch für die Abiturientin ging es vor allem darum, etwas Geld zu verdienen. Zweieinhalb Jahre später ist die 23-Jährige aus Eime Niedersachsens beste Junggesellin in ihrem Beruf.
Überall auf der Baustelle
Ortstermin auf einer Baustelle. Über mehrere Wochen ist die komplette Firma Kreth mit einer Scheune in Hemmendorf beschäftigt. Ein Großprojekt für das kleine Unternehmen, aber kein untypisches: Die Dachkonstruktion einer alten Scheune soll so ertüchtigt werden, dass das Gebäude ohne die bisherigen Stützpfeiler auskommt, so dass mehr Fläche zum Manövrieren und Lagern zur Verfügung steht. Auch gilt es, das alte, etwas schiefe Dach zu begradigen.
Ida Weduwen hockt mal oben auf dem Gerüst und bohrt ein Loch in einen Balken, bald steht sie unten an der Kreissäge und schneidet Holzstücke zu. Meist allein: „Weil sie eine Frau ist, bieten ihr Kollegen oder Bauherren öfter mal Hilfe an – das lehnt sie dann meist recht bestimmt ab. Sie kriegt das auch so hin“, sagt Chef Richard Kreth.
Ich arbeite gern draußen, ich arbeite gern im Team – und ich sehe gern am Ende des Tages, was ich geschafft habe.
Dass aus dem Übergangsjob in Kreths Zimmerei auch mehr werden könnte – dieser Gedanke kam Ida Weduwen recht bald: „Es hat mir unglaublich Spaß gemacht“, erzählt sie. „Ich arbeite gern draußen, ich arbeite gern im Team – und ich sehe gern am Ende des Tages, was ich geschafft habe.“ Auch die Worte einer Freundin, für die sie einmal ein Hochbett gebaut hatte, kamen ihr wieder in den Sinn: „Die meinte, ich hätte ein Händchen für Holz.“
Weduwen verzichtete auf ihren Studienplatz und nahm die durch den Schulabschluss auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung in Angriff. „Natürlich war es auch anstrengend, vor allem in der Phase, als ich für die Prüfung lernen musste, aber ich habe mich durchgearbeitet“, berichtet sie und betont: „Spaß gemacht hat es immer.“
Beste im Kammerbezirk
Spaß machten ihr und Chef Richard Kreth auch die Noten. „Ich hatte davor schon einen hervorragenden Lehrling, aber Ida hat das noch getoppt“, erzählt Kreth, der selbst im Prüfungsausschuss sitzt und schon viele Zimmerer-Azubis erlebt hat. „Sie ist wissbegierig, hinterfragt auch, denkt voraus, denkt mit, ist sehr verantwortungsvoll und sehr engagiert“, lobt der Meister.
Am Ende stand eine Abschlussnote von 1,1, und schnell stellte sich heraus, dass die 23-Jährige nicht nur die beste Zimmerin im Kreis Hildesheim, sondern die Beste im gesamten Bezirk der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen war. Als solche bekam sie die Einladung zum Landeswettbewerb der sechs Kammersieger.
Sie denkt mit und hinterfragt auch Anweisungen.
Sieben Stunden hatten die drei Männer und drei Frauen Zeit, das Modell eines Dachstuhls zu zeichnen und anzufertigen. Nur die Hälfte von ihnen wurde in der vorgegebenen Zeit fertig. „Ich hatte eine Punktlandung“, erzählt Ida Weduwen lachend. Und nicht nur das: Die Jury fand ihre Arbeit und ihre Zeichnungen am besten. Am Mittwoch wird sie in Celle geehrt, zusammen mit den Siegerinnen und Siegern aus anderen Gewerken. Ida Weduwen ist dabei die einzige Gewinnerin aus dem Kreis Hildesheim.
Für die Handwerkskammer ist die 23-Jährige ein Glücksfall. Repräsentiert sie doch gleich zwei Gruppen, die das Handwerk bei der immer schwierigeren Suche nach Nachwuchs für sich gewinnen möchte: Frauen und Abiturienten. Das Geschlecht ist dabei für Weduwen offenbar kein großes Thema: „Ich war bei Prüfungen und Lehrgängen eigentlich immer die einzige Frau“, erzählt sie eher beiläufig, sieht aber darüber hinaus offenbar wenig Anlass, das zu erörtern.
Nun zum Bundeswettbewerb
Zu Abitur und Handwerk fällt ihr hingegen einiges mehr ein. Die handwerkliche Ausbildung sei „ein hervorragendes Fundament“, da ist sie sich mit ihrem Chef Richard Kreth einig. Studieren könne sie nun immer noch, insofern habe sie nichts verloren, aber viel dazugelernt. Und das sei ihr wichtig: „Ich liebe es, meinen Horizont zu erweitern.“ Dabei denkt sie etwa an einen Ingenieurberuf, in dem sie auch Kenntnisse aus der Ausbildung nutzen und überdies vor allem im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit arbeiten kann.
Sehr viel näher liegt allerdings eine ganz andere Herausforderung: Mitte November steht in Erfurt der Bundeswettbewerb der jungen Zimmerer an, Ida Weduwen misst sich dort mit den anderen 15 Landessiegern. Eine Woche Vorbereitungskurs in Kassel hat die 23-Jährige schon hinter sich. Chef Richard Kreth sieht diese Aktivitäten seiner Mitarbeiterin mit Begeisterung: „Ich bin natürlich unglaublich stolz auf sie!“ Für Kreth sind Weduwens Erfolge auch eine Art Jubiläumsgeschenk: 25 Jahre lang führt er seinen Betrieb in diesem Jahr. „Und einen Landessieger hatte ich noch nie!“
Einen Bundessieger erst recht nicht. Es bleibt spannend, was Ida Weduwens „Übergangsjob“ noch für Auswirkungen haben wird.


