Polizei ermittelt

Dieser Hildesheimer schlug den bewaffneten Tankstellen-Räuber in die Flucht – mit bloßen Händen

Hildesheim - Ein bewaffneter Mann wollte am Dienstagabend eine Tankstelle in Hildesheim ausrauben. Doch ein Mitarbeiter ging dazwischen und schlug den Räuber in die Flucht. Was er und seine Kollegen am Tag danach berichten.

Sebastian Duda kann den Räuber in die Flucht schlagen. Foto: Joscha Röhrkasse

Hildesheim - Noch keinen Monat arbeitet Sebastian Duda in der Aral-Tankstelle an der Marienburger Straße, und schon hat ihm der Chef einen ausgegeben. „Einen Jackie“, sagt der 32-Jährige, stolz lächelnd. Auf seinem Kopf sitzt an diesem Mittwoch eine Cap mit Playstation-Emblem, er ist ja nicht im Dienst, den Hoody mit Aral-Logo trägt er trotzdem – vielleicht nur für das Pressefoto – die Hände stecken in den Hosentaschen seiner Fransenjeans, nur die Daumen gucken raus – beide sind mit Heftpflastern umwickelt. „Die Polizei meinte, ich soll damit ins Krankenhaus. Es musste aber nicht genäht werden“, sagt Duda schulterzuckend.

Er war eigentlich gar nicht mehr im Dienst, als am Dienstagabend gegen 21.25 Uhr ein maskierter Mann die Tankstelle betrat und auf Höhe der Kaffeemaschine ein Messer zog. „Das war schlimm“, berichtet Anna-Maria Meyer. „Ich stand gerade hinter der Lotto-Kasse und habe die Abrechnung gemacht, dann kam er rein.“ Im ersten Moment habe sie den Mann für einen Kunden gehalten, sagt die 27-Jährige. „Im nächsten Moment sagte er dann aber: ’Gib mir das Geld!’ Da hatte er das Messer schon in der Hand.“ Beim Näherkommen habe er seine Forderung wiederholt: „Gib mir das Geld!“ Und schlagartig realisierte Anna-Maria Meyer, in welcher Situation sie sich plötzlich befand. „Ich war überfordert, habe ihn nur angesehen, und dann wollte er mir das Messer an den Hals halten.“

Im Kampf gingen Flaschen zu Bruch

Aber soweit kam es nicht, denn plötzlich kam Sebastian Duda hinter dem Tresen hervorgeschossen. „Uns wurde eigentlich gesagt, dass wir bei einem Überfall das Geld rausgeben, den Alarmknopf drücken und uns nicht in Gefahr bringen sollen“, sagt Duda. „Aber als der das Messer in Richtung ihrer Kehle bewegt hat, habe ich nur noch Rot gesehen.“ Kampfsporterfahrung habe er nicht. Doch vor einiger Zeit hat Duda ein halbes Jahr lang für eine Sicherheitsfirma gearbeitet, die sich auf Gebäudeschutz spezialisiert hatte. Dort habe man ihm den ein oder anderen Griff gezeigt. „Und ich habe geglaubt, ich könnte den Griff noch, um das Messer abzuwehren.“ Er wirft einen kurzen Blick auf seine bandagierten Daumen und zuckt wieder mit den Schultern. „Hat leider nicht geklappt“, sagt er und muss grinsen.

Mit beiden Händen hat Duda in die Klinge gegriffen. Es kam zum Handgemenge. „Ich bin in Tränen ausgebrochen“, berichtet Anna-Maria Meyer. „Ich dachte, ich sterbe, als ich das Messer gesehen habe.“ Im Kampf mit Duda krachte der Räuber in ein Spirituosenregal hinter der Kasse, zwei Glasflaschen gingen zu Bruch. „Und dann hat er die Beine in die Hand genommen und ist in Richtung Tonkuhle abgehauen“, berichtet Duda. Er selbst ist sofort zur Tür rüber, hat sie verriegelt. Dann haben Duda und Meyer die Polizei verständigt. Die Beamtinnen und Beamten fahndeten mit mehreren Streifenwagen nach dem Räuber – jedoch ohne Erfolg.

Täter noch nicht gefasst

„Als der Täter zur Tür raus ist, stand ich immer noch unter Schock“, berichtet Anna-Maria Meyer. Auch am nächsten Tag geht es ihr immer noch schlecht. Die Ereignisse vom Abend zuvor spulen sich immer wieder in ihrem Kopf ab. „Es waren höchstens zwei Minuten, aber es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit.“ Damit sie sich von dem Schock in Ruhe erholen kann, hat sie ihr Arzt für eine Woche krankgeschrieben. Den Einsatz ihres Kollegen nennt Meyer „top“. „Wirklich, zehn von zehn Punkten. Wäre ich alleine gewesen, ich hätte nicht gewusst, was ich hätte tun sollen.“ Etwas kritischer sieht es der Kollege Andre Völzke. „An sich fand ich das dumm“, sagt er. „Auch mutig“, räumt er ein. Aber: „Es hätte auch anders ausgehen können.“ Das weiß auch Sebastian Duda. Trotzdem würde er in einer ähnlichen Situation wohl vergleichbar handeln, sagt er. „Doof genug bin ich“, sagt er und lächelt mit einem Ausdruck, in dem sich Stolz und Bescheidenheit vermischen.

Von dem Täter fehlt bislang jede Spur, auch weitere Zeuginnen oder Zeugen in der Tankstelle gab es nicht. Die Polizei bittet deshalb um Hinweise zu dem Unbekannten. Er soll eine schwarze Jacke und dunkle Hose getragen haben. Sein Teint und seine Augen sollen dunkel gewesen sein, und er soll hochdeutsch gesprochen haben. Duda und Meyer zufolge war der Räuber etwa 1,80 Meter groß und 20 bis 30 Jahre alt. Gegen den Unbekannten wird wegen versuchter räuberischer Erpressung ermittelt. Wer etwas beobachtet hat oder Hinweise zu dem Täter geben kann, möge sich auf der Polizei-Dienststelle unter der Telefonnummer 05121/939-115 melden.

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