Sechs Folgen

Dieser Podcast aus Hildesheim hat es in sich: Polarexpedition ins Verderben – doch eine Frau überlebt

Hildesheim - Wahnwitzige, oft tödliche Expeditionen sind ihr Spezialgebiet: In ihrem Podcast nehmen Tore und Ole Klein ihre Hörer und Hörerinnen mit in wilde und fremde Welten. Eine neue Serie stellt alles Bisherige in den Schatten.

Podcast-Brüder Klein Ole und Tore Klein bringen einen neuen Podcast heraus: zu Ada Blackjack, eine Inupiat-Näherin, die fast als Teenagerin auf eine Expedition in die Arktis zog. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Tore und Ole Klein lieben „Geschichten von Leuten, die losgezogen sind, als die Landkarte größtenteils noch weiß war“. In die eisigen Welten am Nord- und Südpol, ins Dickicht des Dschungels, in die unwirtlichen Weite der Wüste. Die beiden Hildesheimer teilen ihre Leidenschaft gerne: Ihr Podcast „wild&fremd“, 2021 gestartet, wird mittlerweile 50.000-mal pro Monat gestreamt und heruntergeladen. Mehr als 100 Folgen haben sie schon fertiggestellt. Eine neue Serie, die gerade gestartet ist, hat das Zeug, alles Bisherige in den Schatten zu stellen: „ADA – Niemandsland“.

„Es ist mal wieder Zeit für eine Mini-Serie, für ’ne große Geschichte zwischen den ganzen kleinen, die wir in unserem Podcast erzählen“, sagt Tore Klein im Prolog der ersten Folge und fügt hinzu: „Eigentlich wollten wir das gar nicht.“ Doch dann stießen sie auf die Geschichte von Ada Blackjack, einer Inupiat, also einer Ureinwohnerin Alaskas. Als Näherin und Köchin begleitete sie vor 100 Jahren vier Männer auf die arktische Insel Wrangel – und kam als einzige lebend zurück.

1000 handgeschriebene Seiten

Die beiden Brüder aus Hildesheim legen sowieso Wert auf historische Genauigkeit; diesmal faszinierte sie „die wahre Geschichte eines wirklich unglaublichen Abenteuers“ so sehr, dass sie monatelang recherchierten. Aus Archiven in Kanada und den USA besorgten sie sich Scans der Tagebücher von Ada Blackjack und dem Co-Leiter der Expedition, Lorne Knight, und übersetzten sie ins Deutsche. Fast 1000 Seiten handgeschriebene, teils unveröffentlichte Berichte und Briefe werteten sie aus, sprachen mit Expertinnen und Experten.

Und sie schlossen sich schließlich zwei Wochen lang in ihrem winzigen Dachstudio an der Steinbergstraße ein, um viereinhalb Podcast-Stunden – verteilt auf sechs Folgen – zu produzieren. Denn die Brüder reden nicht nur. Interviews sind zwischengeschnitten, und passagenweise klingt ihr Podcast wie ein aufwändig gemachtes Hörspiel, voller Geräusche und Musik.

Soundtrack selbst komponiert

Tore, 26, hat an Klavier und Computer einen eigenen Soundtrack zu den Folgen komponiert und aufgenommen. Ole, 24, steuert das Sounddesign bei – die Schritte im Schnee, das Lagerfeuer. Die meisten Geräusche bastelt er selbst, nur selten bedient er sich bei Klangbibliotheken im Internet: „Manche Sounds sind einfach nicht machbar. Zum Beispiel: Zwei Eisberge prallen aufeinander.“ Doch im Mittelpunkt steht die Geschichte. „Wir versuchen, so nah wie möglich an den Menschen zu erzählen und den Dingen auf den Grund zu gehen“, sagt Tore Klein. „Warum machen die Menschen das?“

Ganz oft lautet die Antwort schlicht: wegen des Geldes. An der Wrangel-Expedition soll eigentlich eine ganze Inupiat-Gruppe teilnehmen. Sie entscheiden sich im letzten Moment dagegen, nur die 23-jährige Ada Blackjack geht 1921 mit an Bord, weil sie Geld braucht für ihr Kind, das an Tuberkulose leidet. Das Unternehmen, das eigentlich beweisen soll, dass man in der Arktis problemlos leben könne, endet im Desaster.

Eigentlich sollen Ada und die vier Männer nach einem Jahr wieder abgeholt werden, doch das Schiff kommt nicht. Drei Männer versuchen, übers Packeis zu Fuß nach Russland zu gelangen. Einer, Lorne Knight, hat Skorbut und bleibt mit Ada im Lager zurück. Blackjack pflegt ihn, geht auf die Jagd, näht Kleidung aus Pelzen und kämpft ums Überleben.

Wie es weitergeht? Dazu muss man den Podcast hören. Ada schafft es jedenfalls und wird nach ihrer Rückkehr von der Presse zur weiblichen Robinson Crusoe stilisiert. Doch sie schweigt und redet mit niemanden über ihre Erlebnisse. Nur ihre Tagebücher legen Zeugnis ab von dem, was auf Wrangel passiert ist.

Profis am Werk

Und die sind nun Grundlage des Podcasts. Die Tagebuch-Passagen der Ada Blackjack hat Lilja Stephan eingesprochen, die in Hildesheim studiert, zugleich aber als professionelle Sprecherin arbeitet. Das haben Ole und Tore Klein auch bisher schon so gehalten: Die besonders wichtigen Sprech-Parts überlassen sie Profis. Zum Teil haben sie den Kontakt über das Internet hergestellt, aber auch Daniel Wernecke und Michaela Allendorf vom tfn haben den Podcasts schon ihre Stimmen geliehen.

Bleibt dann finanziell überhaupt etwas übrig? „Wir zahlen uns noch nichts aus, aber die Kosten sind gedeckt“, sagt Tore Klein. Mittlerweile haben sie ein bisschen Werbung, vor allem aber helfen freiwillige Fan-Beiträge, die über die Plattform „Steady“ hereinkommen. So bleibt „wild&fremd“ vor allem ein Hobby – eigentlich studieren Tore und Ole Audiokommunikation beziehungsweise BWL.

Nominiert für deutschen Podcast-Preis

Dennoch werden ihre Audios immer professioneller. Demnächst haben sie die Chance, den Deutschen Podcast-Preis zu gewinnen. Die Hildesheimer sind in der Kategorie „Bester Independent Podcast“ nominiert, die Entscheidung fällt am 4. Juli. Bis dahin kann man sich schon einmal in die Geschichte von Ada Blackjack und der Wrangel-Expedition vertiefen. Das Finale geht am 21. Juli online.

Der Podcast „wild&fremd“ ist auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und Youtube zu finden und kostenfrei. Neue Folgen zu „Ada“ erscheinen immer samstags um 23.59 Uhr. Außerdem sendet Radio Tonkuhle alle zwei Wochen Podcasts der Klein-Brüder, immer am ersten und dritten Samstag im Monat.

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