Hildesheim - Wenn die Nacht unvergesslich gewesen ist, dann hält DJ Locke für einen Augenblick inne. Die letzten Partygäste trollen sich nach Hause, draußen wird es schon langsam wieder hell. Die Tanzfläche ist leer, sein Job getan. Er hat abgeliefert und die Leute abgeholt, wie er sagt. Nach und nach zieht er dann die Stecker seiner Musikanlage, rollt die Kabel wieder auf und baut die Boxen ab. Hat er doch für die richtige Stimmung gesorgt, die Spaßgesellschaft auf der Tanzfläche regelrecht in Wallung gebracht. Wieder einmal.
Das sind Momente, für die DJ Locke, alias Bernd Scheele, bekannt ist. Seit Jahrzehnten treibt er in und um Hildesheim die Menschen in die bewegte gute Laune. Doch nun hat der bekannte Glatzkopf einen Entschluss gefasst. Er will kürzertreten. „Ja, wenn die Sechs davorsteht, können doch schon mal kleinere oder auch größere Gesundheitsproblemchen kommen“, sagt er und lacht. Weiter ins Detail gehen möchte er da nicht. Aber es ist ihm ernst. Nee, das sei jetzt auch kein radikaler Abschied, wenngleich er im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen und vor allem auf Anraten seines Arztes schon die gewohnten öffentlichen Partys absagen musste.
Seit mehr als 40 Jahren ist der gelernte Reisekaufmann im Partygeschäft unterwegs. So richtig Fahrt hat seine DJ-Karriere aufgenommen, als ihn 1997 der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Wolf-Günter Wiesel vom Aufsichtsrat Hannover 96 fragte, ob er nicht bei der Weihnachtsfeier des damaligen Regionalligisten auflegen wollte. „Bei meinem Herzensverein Hannover 96 – keine Frage.“ Es war die Zeit mit Spielern wie Linke, Sievers, Ernst, selbst Hecking zählte noch dazu. In der U21 lauerten seinerzeit Addo, Asamoah oder Kehl auf ihre Profi-Einsätze, zählt Scheele sofort auf. „Ein tolles Erlebnis“, sinniert er und verschweigt nicht, dass Hannover 96 nach dieser Weihnachtsfeier prompt in die zweite Liga aufgestiegen war. Hatte wohl nur der nötige Schwung gefehlt.
Von Papillon bis Beatclub Boxer
Scheele selbst machte sich neben seinem eigentlichen Beruf in der folgenden Zeit nun auch in und um Hildesheim in den einschlägigen Adressen immer mehr als DJ einen Namen: im Linde in Ochtersum, im Papillon in Bad Salzdetfurth sowie in Hildesheim im Tilbury/Village oder im Sportschützen-Klubhaus – und natürlich im seinerzeit legendären Beatclub Boxer in Klein Förste. Die Discjockeys hatten damals gute Beziehungen zum NDR und kamen daher schon früh an die angesagten Scheiben aus Großbritannien. So waren etwa die Songs vom legendären „Sticky Fingers“-Album der Rolling Stones in Klein Förste schon ganz früh zu hören. „Und später immer die neuesten Real Disco Classics.“ Das erzählt man heute noch – nicht ohne Stolz.
So richtig reizvoll hat DJ Locke aber auch immer gefunden, wenn nicht nur Musik vom Plattenteller, sondern auch Live-Events und Moderationen auf dem Programm standen. Das Brauhaus rockte er mit Wolfgang Petry, bei Dost nahm er es mit der Spider Murphy Gang auf. „Ich musste mit Sänger Günther Sigl vor dem Auftritt erst mal die eigene Obstler-Kreation probieren, damit ich besser einheizen kann“, erinnert sich der Hildesheimer. Heiß ging es dann auch zu, so erinnert er sich.
Auf locker 1500 bis 2000 Gäste brachten es seinerzeit Events in der Andreas-Passage, wenn Tanz in den Mai mit DJ Locke angesagt war. Zum 25-jährigen Geburtstag der Passage im Jahr 2008 gab sich dort sogar die Hautevolee der Neuen Deutschen Welle mit Markus, UKW, Geier Sturzflug und Fräulein Menke die Ehre. Die Andreas-Passage – einfach nur brechend voll.
Heimlicher Dirigent für die Tanzfläche
Wenn über den Köpfen die bunten Scheinwerfer kreisen, im Bauch die Bässe wummern, es auf der Tanzfläche immer enger wird, dann läuft der Abend. „Ein guter DJ muss sein Publikum lesen können, die Stimmung steuern – einfach nur eine Playlist abzuspielen, das wäre viel zu wenig“, verrät Bernd Scheele. Als heimlicher Dirigent guckt er zwischen Plattenteller und Dancefloor hin und her, hat dabei an einem Ohr schon den Kopfhörer, um in den nächsten Titel reinzuhören, der gleich abgeht. Um ihn herum singen die Leute ausgelassen mit, klatschen und stampfen.
DJ Locke sieht sich selbst aber nicht als Turntable-Künstler mit Techno- und Elektro-Wumms. „Hut ab vor diesen tollen Kollegen.“ Doch er selbst versteht sich eher als ein DJ vom alten Schlag, mit ihm steht und fällt die Party mit der Auswahl der Musik – und vor allem mit der Verbindung zu seinem Publikum. Ob nun bei Kultpartys am Rosenmontag im Deseo, 80er/90er-Flashback im Cube, den Après-Ski-Partys am Noah oder mit FFN-Morgenmän Fränky bei den Wein- und Genusstagen in Achtum – wenn die Tanzfläche voll ist, dann schlägt das Herz des Hildesheimer DJs auf Hochtouren.
Er pulsiert nochmal im Gute-Laune-Takt
Und wie könnte es bei ihm anders sein: Noch mal antreten als DJ will Bernd Scheele auf jeden Fall am 12. Juni beim Zeltfest Boxer Revival in Klein Förste. Das steht schon für ihn fest: „Vielleicht ein Stündchen oder so.“ Noch mal diese besondere Atmosphäre inhalieren, wenn auf der Tanzfläche nach und nach die Stimmung abhebt, die Luft vibriert. Dann ist er wieder in seinem Element – die Füße auf dem Boden, die Hände an den Reglern und er selbst pulsiert im Gute-Laune-Takt. Für eine unvergessliche Nacht.



