Drispenstedt - Aus der Entfernung sieht es so aus, als würden Spielzeugwände brechen. Als brächte Walter Bender mit seinem Arbeitsgerät ein Puppenhäuschen zum Einsturz. Dabei fallen mit jedem Schnappen seiner vorn am Bagger angebrachten Schere tonnenschwere Betonteile zu Boden. Der Sarstedter ist Mitarbeiter des Lehrter Abrissunternehmens A&S Betondemontage, das zur Detmering Unternehmensgruppe gehört. Die gbg Wohnungsbaugesellschaft Hildesheim AG hat die Firma damit beauftragt, die alte Drispenstedter Ladenzeile dem Erdboden gleichzumachen und den Schutt anschließend zu recyceln. Bis November sollen alle sichtbaren Bauteile weg sein. „Anschließend geht es in die Erde“, sagt Frank Stoll, Bauleiter des Abrissunternehmens.
Der Giesener und seine Mitarbeiter arbeiten auf einer der größten Baustellen, die Drispenstedt seit Jahrzehnten gesehen haben dürfte. Die gbg lässt an der Ehrlicherstraße die 50 Jahre alte Ladenzeile abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Für rund 42 Millionen Euro sollen zwischen der Jordan- und der Hermann-Seeland-Straße neue Geschäfte, Wohnungen und eine Tiefgarage entstehen. Bis 2026 soll alles fertig sein. „Wir sind bisher hochzufrieden, es bewegt sich alles im Rahmen“, sagt gbg-Sprecher Frank Satow.
Es haben sich zwar bereits Menschen über die jahrelange Großbaustelle vor ihrer Tür beschwert. Aber andererseits bietet Drispenstedts größter Vermieter inzwischen einen Lieferdienst an, um die Versorgung gerade älterer Mieter zu gewährleisten. Und die Aussicht auf eine schicke Ladenzeile mit vielen neuen Geschäften wie Rossmann, Edeka und erstmals einer Eisdiele dürfte ohnehin viele Menschen aus der Umgebung versöhnlich stimmen. Doch ehe das erste Eis serviert wird und die Geschäfte zum ersten Mal öffnen, müssen nicht nur Abriss-Spezialist Stoll und seine Kollegen noch eine Menge erledigen.
Kaum Gebäude aus dieser Zeit sind ohne Asbest
Bei Vorabuntersuchungen waren auch Bauteile aufgefallen, die Asbest enthielten. „Es gibt kaum Gebäude aus dieser Zeit, in der das nicht der Fall ist“, sagt Stoll. Asbestschindeln unterhalb des Dachs konnten komplett abgenommen werden. Allerdings gab es innen auch Wände, in denen der Putz den gefährlichen Stoff enthielt. „Wir mussten ihn aufwendig abfräsen“, berichtet Stoll. Die Bereiche seien gesichert gewesen, die Luft während der Arbeit abgesaugt worden, die Kollegen hätten in Spezialmonturen gearbeitet.
Dort, wo früher die Passanten durch die Ladenzeile schlenderten, stehen am Montag mehrere Container. Baggerfahrer Bender füllt sie nach und nach mit verschiedenen Materialien. In einem landet Metall, in einem Holz, in einem weiteren Mineralwolle, PVC und andere Kunststoffe. Metalle, die noch in den großen Betonstücken stecken, werden zusammen mit dem Rest auf den firmeneigenen Recyclinghof gebracht. Starke Magnete ziehen sie nach dem Zerkleinern des Materials aus dem Schutt.
Bauleiter Stoll macht den Job seit 33 Jahren
Baggerfahrer Bender schneidet irgendwann eine komplette Zimmerwand entzwei. Das darüberliegende Dach der Wohnung sinkt in sich zusammen. „Walter ist unser wichtigster Mann hier auf der Baustelle“, sagt Bauleiter Stoll. Warum das so ist, kann man sehen, wenn der Baggerführer millimetergenau arbeitet. Wenn er mit einem riesigen Greifer nach vergleichsweise kleinem Material fasst und es in die einzelnen Container wirft. „Er könnte mir damit eine Zigarette aus dem Mund nehmen, ohne mich zu berühren“, sagt Stoll, der den Job seit 33 Jahren macht. „Aber ich rauche schon lange nicht mehr.“



