Sarstedt/Hohenhameln - Sie haben bereits viel Aufmerksamkeit in Sarstedt erregt, gerade beim Wochenmarkt am Freitag: Drei weiße Briefkästen für Arzt-Rezepte, einer davon markant angebracht an der sogenannten Apotheken-Uhr am Ostende der Fußgängerzone.
Dort können Menschen nach einem Arztbesuch ihre Rezepte einwerfen, die Medikamente werden am nächsten Tag kostenlos nach Hause geliefert. So kündigt es die St.-Laurentius-Apotheke in Hohenhameln, die hinter dem Angebot steht, an Unter der Marke „Meine Landapotheke“ hat sie gemeinsam mit drei weiteren Apotheken im Landkreis Peine, hinter denen größtenteils die gleiche Betreiberin steht, ein Boten-System etabliert.
„Jeden Tag Schlangen“
Die Briefkästen sollen dabei nicht nur ein Angebot an potenzielle Kunden sein, sondern auch Vorboten. Denn die Hohenhamelner wollen in Sarstedt ebenfalls eine Apotheke eröffnen, kündigt Jörg Brüstle an. Er ist kaufmännischer Leiter in der Apotheken-Gruppe seiner Frau, die auch das „Meine Landapotheke“-Netz im Kreis Peine gegründet hat. Zwei sehr markante Standorte außerhalb der Innenstadt hat er ins Auge gefasst. Welcher es wird, könnte sich in wenigen Wochen entscheiden. In beiden Fällen wären aber so große Umbauten nötig, dass eine Eröffnung erst im nächsten Jahr möglich wird.
„In Sarstedt gab es vor einigen Jahren noch vier Apotheken, jetzt nur noch zwei“, erklärt Brüstle. „Man sieht jeden Tag die Schlangen davor – und die sind nicht wegen der Corona-Abstände so lang, sondern weil der Bedarf so groß ist.“ Dass sein Vorstoß die hiesigen Strukturen bedroht, glaubt Brüstle deshalb nicht, sagt er.
Altenheim als Großkunde
In Sarstedt arbeitet er unter anderem mit dem Unternehmer Björn Erhard zusammen. Der hat die Stellen für die drei Briefkästen kostenlos zur Verfügung gestellt. „Die Apotheken-Uhr gehört mir, die habe ich gekauft“, betont er. Hinzu kommen Standorte an der Hildesheimer Straße und der Holztorstraße. Das Angebot aus Hohenhameln sei gerade in der Corona-Krise ideal: „Hier können zum Beispiel Senioren kontaktlos ihre Rezepte einreichen und später ihre Medikamente in Empfang nehmen.“
Erhard war es auch, der Brüstle Anfang vergangenen Jahres das Entree in Sarstedt verschaffte. Damals ging es darum, für das Altenheim Heilig-Geist Schutzmasken zu beschaffen, als die noch überall knapp waren. Brüstle konnte helfen. Seit Monaten beliefert die Hohenhamelner Apotheke das Heim nun generell mit Medikamenten und Medizinprodukten, wie Brüstle erklärt. Das mache auch eine kostenlose Lieferung an andere Kunden in Sarstedt möglich: „Wir fahren sowieso viermal die Woche hierher.“
„Keine Rezeptsammelstelle“
Ein Aspekt, der noch wichtig werden könnte, wenn es darum geht, ob die St.-Laurentius-Apotheke überhaupt Rezept-Briefkästen in Sarstedt aufhängen darf. „Das ist derzeit bei der Apothekerkammer Niedersachsen in Klärung“, sagt der Hildesheimer Bezirksapotheker Niels Buthe auf HAZ-Anfrage. Die Kammer selbst will sich am Montag äußern.
Dabei geht es um zwei Fragen: Sind die Briefkästen „Rezeptsammelstellen“ oder Briefkästen eines Versandhandels für Apotheken-Produkte? Ersteres wäre nämlich verboten. Solche Sammelstellen werden nur in „abgelegenen Orten“ genehmigt, bei denen die nächste Apotheke mindestens sechs Kilometer entfernt ist. „Rezeptsammelstellen wären hier illegal, keine Frage“, sagt Jörg Brüstle. „Aber das sind auch keine.“
Das Urteil aus Leipzig
Vielmehr habe die St.-Laurentius-Apotheke die Erlaubnis, einen Versandhandel zu betreiben. Die Rezept-Briefkästen gehörten rechtlich „dem Versandhandel der St.-Laurentius-Apotheke“. Brüstle beruft sich auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig aus dem Vorjahr, wonach Apotheken „in ihrem Einzugsbereich“ solche Briefkästen installieren dürften.
Dies, so die Richter, sei nichts anderes, als wenn jemand sein Rezept per Brief an eine Online-Apotheke schicke. „Der Unterschied ist, dass wir in der Region Steuern zahlen und Doc Morris in den Niederlanden“, merkt Brüstle an.
Sarstedt im „Einzugsbereich“?
Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Apothekerkammer Niedersachsen das genauso sieht. Dabei geht es zum einen darum, ob die Kammer die Kästen als „Rezeptsammelstellen“ betrachtet – dann müssten sie wieder weg – oder ob sie Brüstles Definition mit dem Versandhandel folgt. In diesem Fall ist aber die Frage offen, ob die Kammer bereit ist, Sarstedt noch als „Einzugsbereich“ einer Apotheke aus Hohenhameln zu betrachten.
Brüstle zeigt sich da optimistisch: „Der Begriff Einzugsbereich ist nicht genau definiert, von Hohenhameln nach Sarstedt ist es auch nicht weit.“ Vor allem aber verweist er auf die Geschäftsbeziehung zum Heilig-Geist-Altenheim: „Wir haben seit Monaten einen Großkunden hier, den wir täglich anfahren, von daher ist das durchaus unser Einzugsbereich.“
Ob die Apothekerkammer das nun genauso sieht oder nicht – an den Plänen der Hohenhamelner für eine weitere Apotheke in Sarstedt soll das nichts ändern.
