Ein Jahr Arbeit auf der Kippe

„Du musst jetzt einfach funktionieren“: Wie die Sperrung des Audimax einen Hildesheimer in Not brachte – und es doch ein gutes Ende gab

Hildesheim - Es war eine Schreckensnachricht für Alexander Polikowski: kein Audimax für seine English Drama Group. Ein Jahr Arbeit schien für die Katz. Wie sich trotzdem alles zum Guten gewendet hat.

Alexander Polikowski steckt seit Jahren viel Arbeit in die English Drama Group. Die Sperrung des Audimax hätte fast alles zunichte gemacht. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Seit einem Jahr plant und probt Alexander Polikowski – doch an einem Freitag stand auf einmal alles auf der Kippe. Der 39-Jährige leitet die English Drama Group, eine der traditionsreichsten Gruppen an der Universität Hildesheim. Jedes Jahr denken sich die Mitglieder aus, wie sie Theaterklassiker mit wenigen Mitteln, aber viel Leidenschaft und komplett in Englisch auf die Bühne bringen können. Womit sie immer planen konnten: mit dem Audimax. Aber genau das haben sie jetzt verloren – und dadurch schien ein Jahr Arbeit verloren.

Denn der größte Hörsaal der Universität ist gesperrt: Mängel am Brandschutz. Die Sanierung wird teuer und langwierig. Bis zu fünf Jahre steht der Raum wohl nicht zur Verfügung. Die Uni hat Vorlesungen in die Liebfrauen-Kirche verlegt, Tanzschulen und Veranstalter sind in die Halle 39 ausgewichen – für die EDG, wie sich die Gruppe abkürzt, alles keine Option. Polikowski, der seit seinem Studium mit dem Kurs verbunden ist, erinnert sich sehr genau, dass die Mail aus dem Uni-Präsidium an einem Freitag kam. Wie er reagiert hat, weiß er nicht mehr.

Da ließe sich mehr draus machen

„Ich glaube, für mich war schnell klar: Du musst jetzt einfach funktionieren“, überlegt er. Dieses Semester proben 21 Personen ein Stück, inspiriert von „Alice im Wunderland“. Mitglieder brachten Polikwoski auf die Idee, nachdem sie eine Inszenierung in Hannover gesehen hatten. „Die war gut, aber sehr minimalistisch“, erzählt Polikowski. Die Gruppe und er fanden: Da ließe sich mehr draus machen. Eine wunderliche Welt, wie sie die Leute aus anderen Theatern oder dem Kino kennen, wollten sie auf die Bühne bringen.

Also machten sich die Laien ans Werk. Sie suchten Kleidungsstücke für verrückte Kostüme. Eine Figur ist an den Hutmacher angelehnt und trägt mehrere Zylinder und Krawatten. Sie überlegten, wie eine Art magische Grinsekatze lebendig werden könnte. „Das Audimax ist mit wundervoller Lichttechnik ausgestattet“, findet Polikowski. Schwerter für die Soldaten der bösen Königin oder bewegliche Möbelstücke für eine Party suchte und bastelte die Gruppe zusammen.

Es blieb nur der Keller

Ausgerechnet dieser Einsatz bei Ausstattung und Bühnenbild drohte der EDG zum Verhängnis zu werden. „Uns war klar, dass wir an der Uni bleiben wollten. Der logistische Aufwand, das alles immer wieder zu transportieren, wäre zu groß gewesen“, erläutert Polikowski. Überlegungen, ins Theaterhaus oder ins Atelier Licht.N.Stein im Ratskeller zu ziehen, waren damit vom Tisch. Aber auch das Burgtheater auf der Domäne kam nicht in Frage.

An fünf Abenden zeigt die EDG das Ergebnis von einem Jahr Arbeit. Dazu kommt eine Generalprobe. Die Uni-eigene Bühne auf dem Kulturcampus brauchen aber die Kulturwissenschaften. Die EDG ist zwar ein Uni-Kurs, gehört aber zu den Sprachwissenschaften. So lange das Burgtheater im Semester zu blockieren, war nicht möglich. Es blieb also nur der Gang in den Keller. Denn unter dem Hörsaal 3 am Hauptcampus gibt es noch die Probebühne.

Alle Ideen haben sich umsetzen lassen

Die kannte Polikowski noch. Die EDG hat dort mal ein Justiz-Drama im Stile von „Die 12 Geschworenen“ aufgeführt. „Dabei sollte die Atmosphäre beengt und klaustrophobisch wirken.“ Aber wie soll darin ein Wunderland entstehen? Eine Geschichte vom Erwachsenwerden einer jungen Frau? Dazu noch vier eigens komponierte Songs ihre Wirkung entfalten? Es schien ein saurer Apfel zu sein, in den Polikowski würde beißen müssen. Aber es kam anders.

„Die Probebühne ist technisch aufgerüstet worden“, freut er sich. „All unsere Ideen haben sich umsetzen lassen.“ Vor allem die Lichttechnik lasse auf der Bühne entstehen, was im Kopf der Beteiligten ist. LED-Leuchtstreifen am Bühnenrand, Schwarzlicht, Feuerwerkseffekte. Dass das Publikum ganz nah an der Bühne sitzt, statt im weitläufigen Audimax auf eine erhöhte Bühne zu starren, mache außerdem die Details an den Kostümen viel leichter sichtbar, meint Polikowski.

Die Termine

Die Abstriche, die die EDG machen muss: Der Saal ist nicht so leicht zu finden, wie das Audimax. Menschen mit Gehhilfen oder Rollstuhl müssen außerdem einen Umweg gehen. „Aber das kriegen wir hin“, verspricht Polikowski.

Vorstellungen von „The Other Alice“ sind Dienstag bis Samstag, 1. bis 5. Juli. Karten gibt es im Vorverkauf von Montag, 30. Juni, bis Freitag, 4. Juli, jeweils von 12 bis 14 Uhr in der Mensa der Universität Hildesheim.

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