Lost Place

Düsteres Munitionsdepot aus dem kalten Krieg: Blick hinter Bunkermauern im Kreis Hildesheim

Wöhle - Verlassene Gemäuer, zerfallene Fabriken, Häuser, die die Natur verschlungen hat: Das sind Lost Places, die auch im Raum Hildesheim existieren. Die HAZ gibt exklusive Einblicke: Diesmal in ein früheres Munitionsdepot der britischen Armee. (mit Video)

Ein Blick in einen der Bunker, der als Stall genutzt wird. Foto: Werner Kaiser

Wöhle - 1991. Hubschrauber knattern über Wöhle in der Luft. Es sind britische Militär-Helikopter. Kleine und große. Im Wald herrscht Hochbetrieb. Tag und Nacht. Am Munitionsdepot der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs herrscht starker Lastwagenverkehr. Ortsbürgermeister Martin Ritter ist sich ganz sicher: Von Wöhle aus wird Munition für den Golf-Krieg im Irak herangeschafft. Artilleriegranaten etwa. Das Depot wurde im kalten Krieg errichtet, 1991 aber entbrennt tatsächlich ein Waffengang in der Golf-Region.

33 Jahre später sieht sich Ritter einmal mehr das längst verlassene Gelände an. „1991 war hier der Teufel los. Das war schon reichlich, diese Transporte“, erinnert sich der 75-Jährige an das Szenario auf dem 54.000 Quadratmeter großen Areal.

Nur ganz selten Kontakt

In Kontakt mit den britischen Soldaten kommen die Wöhler jedoch nur ganz selten. Das Mun-Depot ist ein von der Außenwelt abgeschlossener Ort. Wird mit scharfen Hunden streng bewacht. Ein Zaun mit Stacheldraht umgibt es ringsum. Dann, im Herbst 1993, endet dieses Kapitel der Geschichte eines düsteren Orts. Die Briten holen den Union Jack ein – und ziehen aus der Region Hildesheim ab.

„Die haben alles blitzblank hinterlassen. Militär eben“, berichtet Ritter, der an diesem für einen Sommer kühlen Tag zusammen mit dem Schäfer Karlheinz Völler einen Rundgang unternimmt. Dem gehört das Gelände mit den zehn, gut fünf Meter hohen Bunkern, über das nach Abzug der Briten die Bundesvermögensverwaltung ihre Hand hielt.

In den 1990-er Jahren kauften zwei Bremer Investoren die Anlage. Sie wollten dort Musikfestivals veranstalten, doch diese Pläne zerschlugen sich. Für einen sechsstelligen Betrag erwarb 1999 Völler die eigenartige Immobilie. Die war völlig zugemüllt – und der neue Besitzer musste erst einmal für Ordnung sorgen.

„Ich räume hier bis heute auf“

„Ich räume hier bis heute auf“, sagt der Mann mit dem fränkischen Akzent angesichts des weitläufige Geländes, das mittlerweile recht gepflegt aussieht. Der agile 76-Jährige brachte per Lastwagen Unmengen an Abfall zur Müll-Deponie. Den hatten die vielen Menschen hinterlassen, die einfach in das Gelände eingedrungen waren und zwischen den mit Graffiti beschmierten Bunkern gehaust hatten.

Sie feierten dort, manche veranstalten sogar Schießübungen. „Wenn ich hier graben würde, dann würde ich ganz bestimmt wieder auf Schnapsflaschen stoßen. Ich habe unheimlich viele entsorgt“, sagt Völler. Auch ausgebrannte Fahrzeuge standen einst zwischen den Gebäuden aus Stahlbeton.

Inzwischen bedeckt viel Gras die Dächer der Bunker mit deren 50 bis 70 Zentimeter dicken Wänden und mehr als zwei Tonnen schweren Stahltoren. Seltsame Türmchen auf den Dächern der Anlage fallen den Betrachtern ins Auge. Diese „Kamine“ dienten der Belüftung.

Völler achtet drauf, dass die Natur die Fläche nicht nach und nach zuwuchert. „Meine Schafe sind hier die Rasenmäher. 50 habe ich noch“, sagt Völler.

Der zeigt seinem Besuch auch das Innere der kahlen Depoträume. In einem der Bunker bringt er während der kalten Jahreszeit Schafe unter, auch acht Schwalbennester gibt es dort. Die Schafe sind derzeit an vielen Stellen auf der Fläche anzutreffen.

Einige dösen im Gras am Waldrand, andere haben die Dächer der Anlagen erklommen, neugierig blicken ein schwarzes und ein graues Schaf auf die Ankömmlinge in ihrer Nähe. „Na Mädels – alles gut?“, spricht Völler die Tiere an. Wie auf Knopfdruck blöken diese.

Manche grasen auch friedlich an einem Bunker, der so anders aussieht als die anderen Exemplare. Praktisch wie frisch restauriert. Es wirkt fast so, als seien die Soldaten erst vor ein paar Tagen abgezogen. Aber wie kommt das? „Ich habe einen Freund, der ist Militär-Freak. Der hat schon einen kleinen Spleen“, erzählt Völler. Also habe dieser das Bauwerk in Schuss gebracht und gründlich aufpoliert. Dunkelgrün ist es gestrichen, sogar die britische Nationalflagge prangt an der Außenseite. „Der hat hier seine Landrover abgestellt“, sagt Völler, der nun Ortsbürgermeister Ritter vearbschiedet. Der hat einen Termin und muss weg.

Ein Stück Zuhause

Für die Reporter von der HAZ nimmt sich der 72-Jährige weiter Zeit. „Ich würde das hier niemals hergeben. Auch meine Söhne nicht. Ich fühle mich pudelwohl“, betont Völler. Auch seine Frau Marion sieht diesen Ort, der auf andere durchaus ziemlich unheimlich wirkt, als ein Stück Zuhause an. Dann und wann übernachten beide in einem alten Wachhaus, das am vergitterten Tor am Haupteingang des Mun-Depots steht.

Dieses hat Völler im vergangenen Jahr renoviert. Es ist aber noch einiges zu tun. Das Wasser im Badezimmer fließt noch nicht wie gewünscht – doch allmählich richten sich die Völlers hier häuslich ein; in erster Linie aber leben sie schon seit langer Zeit in Bettmar.

Sechs Hunde bewachen Areal

Der 72-Jährige ist froh, dass es im Mun-Depot inzwischen keinen Vandalismus mehr gibt. Der Landmaschinen-Schmiedemeister, der erst später nach dem Vorbild seiner drei Onkel Schäfer wurde, hat den Zaun um den Bereich repariert. Aber vor allem sorgen tierische Helfer dafür, dass sich kein Unbefugter den Bauwerken nähert.

Sechs schwarze Hunde bewachen das Gelände. Zudem verjagen sie die Füchse. An diesem Tag liegen die Hütehunde im Gras in der Nähe – gut 50 Meter von Völler und seinen Besuchern entfernt. Die Tiere haben die Gruppe ständig im Visier.

Völler würde das Mun-Depot sehr gern im größeren Stil wieder beleben. Ein mit stabilen Straßen und Kanalisation erschlossener Bereich, der verschiedenen Zwecken dienen könnte. Eine Fotovoltaikanlage wollte er schon vor Jahren errichten, doch dies habe der damalige und mittlerweile verstorbene Umweltdezernent Helfrie Basse aus formalen Gründen abgelehnt.

„Damals hieß es: Es gibt keine Privilegierung dafür.“ Aber der Schäfer will dieses Idee nicht aufgeben. „Man könnte mit dieser Fotovoltaikanlage ganz Wöhle mit Strom versorgen.“

Künftig Windräder?

Was Völler auch vorschwebt, sind Windräder. Doch auch mit diesem Vorhaben kommt er nicht so recht vom Fleck. „Still ruht der See“, sagt er.

Eine Renaturierung kommt auch nicht in Frage. „In den neunziger Jahren wurde dazu ein Gutachten erstellt“, blickt der 72-Jährige zurück. „Das Ergebnis war: Eine Renaturierung würde 40 Millionen Mark kosten. Heute wäre es wohl das Doppelte.“

„Abriss wäre immens teuer“

Auch die Ortsheimatpflegerin Gerda Meyer, die die Geschichte des Depots gut kennt, kann sich kaum vorstellen, dass sich das Bild im Wald gründlich ändert. „Ein Abriss der Anlagen wäre immens teuer“, berichtet auch sie am Telefon. Meyer kann sich noch daran erinnern, wie Überlegungen aufkamen, die Anlagen als Standort einer Pilzfarm zu nutzen. Doch daraus wurde ebenfalls nichts. Zumindest die Polizei nutzte das Gelände vorübergehend als Übungsort.

Im Jahr 2004 tummelte sich immerhin die Theaterszene auf der Fläche – das Stück „Heindi – ein Alptraum in der Börde“ lockte das Publikum an. Danach legte sich wieder Ruhe über die vergammelten Bunker. Das Mun-Depot mit seinen grauen Kolossen wird wohl noch etliche Jahre einfach so bleiben wie es ist.

Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.


Alle Folgen der Lost-Places-Serie

Von der Villa, die einst Bordell war – und einem Schwimmbecken mitten im Wald: Weitere Geschichten von Lost Places in der Region Hildesheim finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

  • Region
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.