Hildesheim - Es ist später Nachmittag, der 28-jährige Jonas Moll wandert gerade am Friedrich-Ebert-Stadion vorbei. Sein Ziel: das B&B-Hotel in Nähe des Hildesheimer Bahnhofs. Irgendwo zwischen Sibbesse und Diekholzen muss es an diesem Tag passiert sein – er konnte nicht mehr. Sein Vater hatte aufgegeben, Moll seine Kopfhörer längst verloren, alles tat ihm weh, und nun hinterließ das stundenlange Wandern über den Asphalt mit zwölf Kilogramm Gepäck auf dem Rücken Spuren. Frust. Vielleicht auch Überforderung. Er weinte, holte sein Handy heraus. Geteiltes Leid. Moll machte eine Instagram-Story.
Der „Content-Creator“ aus Berlin nimmt diesen Fußmarsch freiwillig auf sich und lässt seine rund zwei Millionen Follower auf Instagram und TikTok daran teilhaben – nicht nur durch den Landkreis Hildesheim, durch ganz Deutschland. Start war in Pieding, einen Katzensprung von Österreich entfernt, dem Geburtsort seiner Großmutter. Sie war die Inspiration für das Projekt. Sie litt an Krebs. „Wahrscheinlich jeder hat diese Krankheit in seinem Umfeld mal miterlebt“, sagt Moll dazu. Ihm geht es bei dieser Aktion vor allem um krebskranke Kinder. „Als Kind eine Krebs-Diagnose zu bekommen, ist einer der größten Schicksalsschläge, die ich mir vorstellen kann. Deswegen geht der Großteil der Spenden an die Kinderkrebsforschung.“ Woher die Spenden kommen? Für jeden Follower auf seinem Instagram Account spendet er fünf Cent selbst. Zusätzlich gibt es einen Onlinespendenaufruf, der derzeit ungefähr 33.000 Euro eingesammelt hat. Alles, während Moll durch die Republik wandert.
„Er sagte, dass ich einen Dachschaden habe.“
Ursprünglich sollte er von einem Camping-Van begleitet werden. Werbung für den Hersteller, Schlafgelegenheit für ihn. Doch die Kooperation mit der Firma platzte zwei Tage vor dem Start im Mai. Also besorgte Moll noch flugs ein Zelt und einen großen Rucksack in München. Und dann los.
Vorher trainiert hat er nicht, aber schon als Kind ging er mit seinen Eltern wandern, auf dem Tafelberg in Südafrika und in den Alpen. Sein Vater Peter Moll begleitet ihn mit seiner Hündin Di’o ein Stück durch Hildesheim. Er sei selbst einmal mit dem Fahrrad quer durch die USA gefahren, erklärt der 63-Jährige im Gespräch mit der Redaktion. „Erinnert mich an meine Zeit“, hat er gesagt, als sein Sohn ihm einst vom ambitionierten Spendenlauf erzählte. „Er hat aber auch gesagt, dass ich einen Dachschaden habe“, räumt Jonas Moll lachend ein.
Eine spontane Entscheidung
Eine spontane Idee direkt umzusetzen, sei nicht ungewöhnlich für ihn. Moll studierte in Hongkong International Business, als ein Foto von ihm viral ging: Seine Freunde und er vor einem Wasserfall auf den Philippinen. „Seitdem fasziniert Social Media mich.“ Die Zahlen stiegen schnell, er gründete eine Agentur mit einem Geschäftspartner, betreute die Kanäle großer Unternehmen, wendete sein Wissen aus dem Studium an. Dann: Planwechsel. Er verkaufte die Firma, konzentrierte sich auf Travel Content – Reise-Inhalte. Wohltätige Zwecke hat er hier und da mal unterstützt. Aber so etwas wie den Marsch durch Deutschland, das macht er zum ersten Mal.
„Wenn ich morgens losgehe, dann laufe ich mich die erste halbe Stunde ein. Dann geht’s mehrere Stunden gut, die letzten zwei muss ich oft durchbeißen.“ Seit 33 Tagen ist er nun unterwegs. In der Zeit hat er sich zu einem Profi für Blasen an den Füßen entwickelt. „Ich könnte Aufsätze über dieses Thema schreiben“, witzelt er. Während seiner Tour musste er sich schon mit einem verknacksten Knöchel herumquälen, seit einiger Zeit mit einem lästigen Gerstenkorn am Auge. „Viele Leute kennen mich nur als den Typen mit dem Gerstenkorn. Das Ding kriegt mehr Aufmerksamkeit als alles andere“, sagt er lachend.
Seine Taktik: Durchbeißen
Wer ein Stück mit ihm läuft, merkt schnell, wie sehr Moll an seine Grenzen kommt. Oft spricht er vom Durchhalten. „Mein absoluter Tiefpunkt war, als ich allein in einem bayrischen Wald bei Hochwasser steckte. Drei Kilometer in jede Richtung war nichts, wo ich mich hätte unterstellen können. Es war auch kein dichter Wald, also bekam ich einfach literweise Wasser ab und konnte nur weiterlaufen. Da fühlte ich mich gefangen und musste wirklich kämpfen. Ich hatte Angst um meine Geräte, Angst, dass ich mich verlaufe. Da habe ich auch meine Kopfhörer verloren.“ Seitdem, ganz ohne Musik, verbringt er viel Zeit mit seinen Gedanken.
In anstrengenden Momenten ruft er sich ins Gewissen, wofür er diesen Weg läuft. „Der Zuspruch, den ich online kriege, spornt mich zusätzlich an.“ In der Uniklinik Göttingen hat er eine 14-Jährige besucht, die vor kurzem die Diagnose Rückenmarkkrebs bekam. „Meine Leiden sind mit so etwas nicht zu vergleichen. Ich will Aufmerksamkeit schaffen für Menschen, denen es schlecht geht. Wenn mich jemand laufen sieht oder über meine Profile im Internet stolpert, dann wünsche ich mir genau das. Niemand hat es leicht, viele Menschen müssen sich durchbeißen.“
Mit Herzlichkeit durch Deutschland
Auch Herzlichkeit begleitet ihn. Er wurde schon zu Kaffee und Kuchen eingeladen, durfte in einem fremden Garten zelten, kriegte Wasser geschenkt. „Man bekommt ein anderes Gefühl für Deutschland, wenn man einmal quer durchlatscht. Auch in zerrütteten Zeiten wie diesen sind die Menschen doch nah beieinander.“
Sein Ziel ist Flensburg, dort will er Anfang Juli ankommen. Immerhin: Ab Hildesheim wird das Gelände flacher, „darauf freue ich mich schon“, sagt er und verabschiedet sich höflich. Dann geht er weiter die Steuerwalder Straße hinauf. Neben ihm Vater und Hund, vor ihm gut 350 Kilometer. Irgendwo in diese Richtung muss Hannover sein.

