Zeitenwende beim Zulieferer

E-Mobilität: Riesen-Investitionen und immer mehr Arbeitsplätze im Hildesheimer Bosch-Werk

Hildesheim - Noch vor wenigen Jahren schrumpfte die Belegschaft in der klassischen Produktion. Doch der Wind hat sich komplett gedreht: Inzwischen stehen im Werk hochmoderne Fertigungsanlagen – und Bosch will die Produktion in Hildesheim noch ausweiten.

Hildesheim - Immer wieder blitzt der Laserstrahl bläulich auf, in schneller Folge. Schneller, als das Auge folgen kann. Nach wenigen Sekunden wird das runde, etwa 20 Zentimeter durchmessende Bauteil in der großen Fertigungsstraße weitergeschoben zum nächsten Arbeitsschritt. 296 Kupferdrähte wurden hier gerade verschweißt. Und weiter geht die automatische Fahrt. Große Zahnräder drehen sich, kleine Metallstifte zucken hervor und zurück, überall dreht, stampft, blinkt und surrt es.

Später werden mehrere Meter hohe Roboter, teilweise auf Schienen unterwegs, einander die Teile anreichen. Einer presst die Rotorwelle hinein, der nächste schickt das Teil zur Kühlung, ein anderer wuchtet die Rotorwelle aus, damit alles hundertprozentig passt. Wieder nähert sich ein Elektromotor der Fertigstellung.

SEG-Frust ist lange vorbei

Wer einige Jahre nicht auf dem Bosch-Gelände im Hildesheimer Wald war und vor allem nicht in der Halle 401, traut seinen Augen kaum. Das Gebäude steht voll mit einerseits riesigen, andererseits aber bis ins kleinste Detail ausgetüftelten Produktionslinien. Das meiste, was hier steht, ist gerade zwei Jahre alt. Bosch hat einen dreistelligen Millionenbetrag in Hildesheim investiert, das erwähnt Werkleiter Falko Fischer erst auf Nachfrage und mehr nebenbei. Und obwohl so viel automatisch läuft, ist die Halle auch voller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Laden brummt.

Was in Halle 401 zu sehen ist, ist ein Comeback. Eine Renaissance. Fast schon eine Wiederauferstehung, mit der noch vor wenigen Jahren selbst die wenigsten Boschler gerechnet hätten. Im Gegenteil: Es herrschte Frust im Werk. Die Starter- und Generatorenproduktion verlor immer mehr an Belegschaft und Bedeutung und wurde schließlich an einen chinesischen Konzern verkauft, der daraus die Firma SEG Automotive machte.

„Die Bosse in Stuttgart interessieren sich nur noch für alles, was einen USB-Anschluss hat“, schimpften langjährige Mitarbeiter damals auf Kundgebungen. Und blickten missmutig hinüber zu dem markanten Bosch-Hochhaus, in dem die Entwickler des Geschäftsbereichs Car Multimedia Fahrassistenz-Systeme und Navigations-Software ausklügeln und am autonomen Fahren feilen. Dieser Bereich stand für die Zukunft, der Rest erschien manchem fast wie ein historisches Anhängsel.

Belegschaft wächst

Car Multimedia heißt inzwischen nicht mehr so und ist in einem neuen, größeren Bosch-Bereich aufgegangen. Für die Zukunft steht dieser immer noch. Aber das alte Werk tut das nun auch wieder. „Im vergangenen Jahr haben wir 100 Stellen im technischen Bereich und 50 in der Verwaltung zusätzlich besetzt“, berichtet Personalchef Olaf Rohde. Knapp 1500 Beschäftigte hat das Werk inzwischen wieder, Hunderte mehr als noch vor einigen Jahren. „In diesem Jahr vergrößern wir die Belegschaft noch einmal um rund 50 Personen“, ergänzt Rohde.

Ironie der Geschichte: Vor gut zwei Jahren strichen die neuen Eigentümer von SEG Hunderte Arbeitsplätze in Hildesheim. Die meisten Betroffenen hatten vertragsgemäß das Recht auf eine Rückkehr zu Bosch. Das Unternehmen wirkte zunächst ratlos: Wohin mit den Rückkehrern – wo man doch selbst eher weiter Personal in der Produktion abbauen wollte? Doch davon ist keine Rede mehr. Inzwischen sind die Bosch-Verantwortlichen sogar dankbar für die unverhoffte Rückkehr ihrer alten Fachkräfte, die sie bei der Aufstockung des Personals in der Fertigung von E-Motoren sehr gut brauchen können. Personalchef Rohde lächelt, als er das schildert: „Ganz ehrlich, das alles hätte ich vor zwei Jahren auch noch nicht für möglich gehalten.“

EU spielt große Rolle

Möglich gemacht hat es die Elektromobilität. Die Zahl der E-Autos ist in den vergangenen Jahren in Deutschland und weltweit sprunghaft angestiegen und soll weiter zunehmen. Gerade auch in Europa. Die Euro-7-Norm der EU zwingt die Automobil-Hersteller fast schon, immer mehr E-Modelle auf den Markt zu bringen. Denn die EU bewertet den CO -Ausstoß über die gesamte Fahrzeugflotte. Ist der zu hoch, werden happige Strafen fällig. Elektroautos senken den sogenannten Flottenverbrauch, mit diesem Steuerungsinstrument treibt die EU den Wechsel von fossilen zu elektrischen Antrieben voran.

Das spielt Zulieferern wie Bosch in die Karten. Viele große Automobil-Hersteller wollten zunächst einfach Elektro-Motoren bauen, wie sie zuvor seit Jahrzehnten Verbrenner-Motoren konstruiert hatten. „Aber da fehlte vielfach die nötige Erfahrung über mehrere Generationen von Motoren – und die aufzuholen, kostet Zeit, die viele derzeit nicht haben.“ Bei Bosch hingegen gebe es schon lange eine breite Knowhow-Grundlage für den Umgang mit elektrischen Antrieben, gerade auch im Hildesheimer Werk –nicht zuletzt aus der Tradition der Starter und Generatoren heraus, aber auch durch frühere E-Motoren-Fertigung in kleinerem Maße.

Neue Investitionen

Das, verbunden mit einer Bereitschaft und Fähigkeit zu massiven Investitionen, kommt Bosch nun zugute. Das Unternehmen kann liefern, was viele Autokonzerne dringend brauchen. Weil es binnen zwei Jahren eine leere Halle mit modernen Fertigungsanlagen gefüllt hat und auch weitermachen will: In diesem Jahr wird noch einmal ein hoher zweistelliger Millionenbetrag ins Werk gesteckt.

„Ich liebe solche Herausforderungen“, sagt Falko Fischer, seit Oktober neuer Werkleiter von Bosch in Hildesheim. Der 52-jährige Rheinländer soll das Wachstum maßgeblich organisieren. Die Chancen sind groß, der Druck auch. Fischer wirkt wie jemand, der das genießt. Und er ist unberührt von dem Ärger, den es am Standort in den Vorjahren teilweise gab: „Ich erlebe hier ein hochmotiviertes Team, das Sachen möglich macht, die mancher vorher nicht für möglich gehalten hätte“, betont er. Und Personalchef Rohde stellt fest, dass es zwar nicht einfacher werde, qualifiziertes Personal zu finden. „Aber was hier passiert, ist sehr zukunftsträchtig, das überzeugt doch viele.“

Ich liebe solche Herausforderungen!

Falko Fischer, Werksleiter

Falko Fischer und seine Mitstreiter arbeiten längst an einem Konzept, die derzeit auf dem Werksgelände verstreuten Standorte enger zusammenzuführen und zusätzlichen Raum zu gewinnen, etwa in bisher vermieteten Hallen. „Das ist eine zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre“, sagt Fischer, der hofft, die Produktionskapazitäten noch um 50 Prozent ausweiten zu können.

Zugleich sollen sie auch an anderen Standorten weltweit ausgeweitet werden – aber nicht auf Kosten Hildesheims. Das soll ein Leitwerk bleiben. Und ohnehin werde jeder Beschäftigte und jede Maschine gebraucht: In drei bis vier Jahren drohe ein Engpass, die globale Nachfrage nach Motoren für E-Fahrzeuge könne dann die Herstellungskapazitäten übersteigen. Heißt: Das Comeback der Industrieproduktion im Hildesheimer Wald dürfte kein Strohfeuer sein, sondern ein dauerhaftes Phänomen.

Mehr Platz finden

Zumal es auch in Hildesheim längst nicht nur um Autos geht. Auch elektrische Antriebe für Transporter und Lastwagen bis 8,5 Tonnen werden hier entwickelt und produziert. Bosch hat vor allem den Lieferverkehr in Städten im Blick, der mithilfe von E-Antrieben emissionsärmer werden und mit weniger Lärmbelästigung einhergehen soll. „Auch hier herrscht Wachstum, das anhalten dürfte“, ist Falko Fischer überzeugt.

Er muss nur den Platz dafür finden. Halle 401 ist nämlich voll.

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