Hildesheim - Ein lieber Freund von mir war ein paar Tage im Urlaub. In Mecklenburg-Vorpommern – noch vor der Landtagswahl. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls hatte besagter Mensch ein Glas Gurken als Mitbringsel im Gepäck. Von mir kann man vieles sagen: dass ich eine Menschen- und Tierfreundin bin, dass ich einiges nicht mag, wie Kapern oder weiße Bohnensuppe, aber vieles mag ich sehr, Gewürzgurken zum Beispiel.
Das Etikett ist toll
Nun, in diesem Fall mag ich nicht nur den Inhalt des Glases, auch das Etikett gefällt mir sehr gut. Da steht nämlich, dass die Gürkchen nach Original-DDR-Rezeptur eingelegt wurden. Doch was heißt das? Wurden die ohne Essig eingelegt, weil es den damals nicht verlässlich zu kaufen gab? Eine weitere Aufschrift lässt darauf schließen, dass ich mit meinem Verdacht nicht ganz falschliege und dass nur wenige Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik in den Genuss dieser Köstlichkeit gekommen sind. Denn auf einem roten Farbklecks steht: „Echte Bückware.“
Ist das zukunftsfähig?
Während ich meine zweite Gurke kaue, überlege ich, ob dieses Produkt zukunftsfähig ist. In der TV-Sendung Höhle der Löwen würde es wohl durchfallen, denn wer weiß denn schon noch, was es mit Bückware mal auf sich hatte? Wir leben in einer Zeit, in der es alles immer überall gibt. Selbst in der größten Einöde kann es sein, dass in der Ferne die Buchstaben eines Discounters leuchten, bei dem man vom Schlüppi bis zu Mixed Pickles alles bekommt. Bückware. Ich frage eine junge Kollegin (34), ob sie weiß, was das ist. Sie meint, dabei handele es sich vermutlich um die Produkte, die im Supermarktregal unten stehen und günstiger sind als die obenstehenden Markenprodukte. Als sie meine Erklärung hört, dass es sich dabei um ein sehr begehrtes, aber seltenes Produkt handelt, das in der DDR nur bevorzugte Kunden bekamen, sagt sie: „Krass“.
Ich bin bei meiner dritten Gurke angelangt und denke, die Gewürzgurkeneinleger mit DDR-Rezept müssen sich über kurz oder lang eine neue Werbestrategie einfallen lassen. Denn ich fürchte, einige DDR-typische Worte und Gerichte werden in Vergessenheit geraten – wenn sie es nicht schon sind. Wer weiß schon noch, dass ein DDR-Jägerschnitzel eine dicke Scheibe panierte und gebratene Jagdwurst war? Wie steht es um die Schlager-Süßtafel, die Zetti Knusperflocken, die Kettwurst oder die deftige Leberwurstbemme? Mit einem beherzten Biss in die vierte Gurke verabschiede ich mich an dieser Stelle und denke weiter nach. Mann, ist die lecker!
