Bahnberg

Ehemalige Lungenklinik in Diekholzen: Welche Bebauung lässt der Naturschutz noch zu?

Diekholzen - Die Gemeinde Diekholzen hält daran fest, das Gelände der ehemaligen Lungenklinik zu bebauen. Aber die umfangreichen Umweltberichte, die jetzt veröffentlicht sind, deuten an: Bei der weiteren Planung sind neue Prioritäten gefragt. Die alten Gebäude rücken neu in den Fokus.

Das Gelände der ehemaligen Lungenklinik in Diekholzen liegt mittlerweile seit fast vier Jahren weitgehend brach. Foto: Thomas Wedig

Diekholzen - Die Gemeinde Diekholzen will trotz aufgekommener Naturschutzbedenken daran festhalten, das Gelände der ehemaligen Lungenklinik am Bahnberg als Wohngebiet zu nutzen – allerdings wohl in deutlich geringerem Umfang als zunächst geplant. Erste Pläne der Kreiswohnbau (kwg) hatten vor vier Jahren mehr als 50 Häuser vorgesehen. Dann nutzte die Gemeinde ihr Vorkaufsrecht und nahm die Planung selbst in die Hand. Der erste Entwurf eines Bebauungsplanes peilte nur noch 25 Bauplätze an und die Nutzung von zwei alten Klinikgebäuden. Dann kamen dem Projekt unerwartete Einsprüche der Naturschutzbehörde in die Quere: Plötzlich galt das Gelände als besonders bedeutend für die Tier- und Pflanzenwelt. Das hatten die Planer bis dahin nicht auf dem Schirm. Die Planung geriet ins Stocken, Fachleute mussten Flora und Fauna genauer unter die Lupe nehmen.

Mehr als 200 SeitenUmwelt-Gutachten

In der vergangenen Woche hat die Gemeinde Diekholzen nun auf Beschluss des nicht öffentlichen Verwaltungsausschusses die entsprechenden Gutachten veröffentlicht: Der sogenannte Umweltbericht umfasst knapp 80 Seiten, eine weitere Betrachtung mit Blick auf angrenzende Schutzgebiete mehr als 130 Seiten. Der von der Gemeinde beauftragte Planer Michael Keller hat außerdem mehr als 35 Stellungnahmen, größtenteils von Behörden, bewertet und abgewogen. Die erneute öffentliche Auslegung des geänderten Flächennutzungsplans (F-Plan) läutet den Endspurt dieses ersten Schrittes der Bauleitplanung ein. Der Bahnberg wird in großen Teilen als Wohngebiet ausgewiesen. Die Naturschutzbedenken haben allerdings dazu geführt, dass der Anteil der Grünflächen vergrößert wird.

Eine große Herausforderung wird nach dem F-Plan der nächste Schritt: Im Bebauungsplan muss konkreter und detaillierter festgelegt werden, wie die Bebauung letztlich aussehen soll. Der Trend geht nun offenbar dahin, die bestehenden Klinikgebäude stärker als zunächst geplant zu nutzen. Der erste Entwurf, den Ingenieur Keller im September 2019 vorstellte, sah noch den Abriss der meisten alten Gebäude vor. Das lag auch daran, dass sich damals kaum jemand für eine Nutzung des Bestands interessierte. Die Nachfrage hat sich geändert, mittlerweile gab es mehrere Anfragen – unter anderem von einem Sozialträger, der am Bahnberg unterschiedliche Wohnangebote verwirklichen will.

Der Waldrand bleibteine Problemzone

Problematisch ist die Nähe einiger Klinikgebäude zum Wald. Das Raumordnungsprogramm des Landkreises Hildesheim sieht eigentlich einen Mindestabstand von 35 Metern vor – der wird bei einigen Häusern aber nicht eingehalten. Das Thema steht am Donnerstag in einer Sitzung des Rates der Gemeinde Diekholzen auf der Tagesordnung. Er soll zustimmen, dass die Gemeinde beim Landkreis ein sogenanntes Zielabweichungsverfahren beantragt. Das soll zu der Genehmigung führen, bestehende Gebäude künftig auch dann weiter nutzen zu dürfen, wenn sie näher als 35 Meter am Wald stehen.

Generell sind die Ergebnisse der Gutachten längst nicht so einschneidend wie zwischenzeitlich befürchtet. Im Umweltbericht kommen die Fachleute zwar zu der Einschätzung, der Bahnberg sei ein „überdurchschnittlich bedeutendes Areal für die Tierwelt“. Allerdings auch nicht so bedeutend, dass eine Bebauung gänzlich ausgeschlossen wäre. Das Göttinger Fachbüro Corax, das mögliche Auswirkungen auf das EU-Vogelschutzgebiet Hildesheimer Wald und auf das benachbarte FFH-Gebiet an der Beuster untersuchte, kommt zu dem Schluss: „Eine erhebliche Beeinträchtigung beider Gebiete durch das geplante Vorhaben ist auszuschließen.“

Die Naturschutzbehörde des Landkreises Hildesheim bekräftigt allerdings, dass die Gemeinde Diekholzen sich nicht ausgerechnet auf den Flächen ausdehnen sollte, die für Tiere und Pflanzen am wertvollsten sind. Und selbst wenn die Gemeinde dort ihre Pläne weiterverfolgen würde, heißt es, würde das Areal wegen der Einschränkungen nicht den Bedarf der kommenden Jahre decken – zumal in der Gemeinde seit Jahren kein Baugebiet mehr erschlossen wurde.

Im März hat eine Erhebung ergeben, dass es als Alternative zu einem Neubaugebiet auch kaum Baulücken oder Leerstände gibt. So rücken plötzlich wieder andere Flächen in den Fokus, die eigentlich schon aus dem Blick geraten waren: Im Flächennutzungsplan sind noch Äcker im Nordosten (Krähenbergsfeld) und Osten (langes Feld) als mögliche Baugebiete ausgewiesen. Die wurden allerdings nie näher beplant, weil die Flächen zu weit weg vom Ortskern sind. Der Bahnberg ist auf der anderen Seite nah dran – und das ist ein Grund, warum die Gemeinde das Gelände bebauen will.

Brache wird für Tierweltimmer interessanter

Wenn sich dort etwas verändert, dann sollte es möglichst bald geschehen – das ist eine weitere Forderung aus dem Umweltbericht. Denn: Je länger das ehemalige Klink-Gelände brach liegt – und das tut es nun immerhin schon seit fast vier Jahren – desto stärker erobert sich die Natur auch die bebauten Teile zurück. Dadurch erhöhe sich der Wert der Fläche für Pflanzen und vor allem für Tiere „ganz erheblich“. Diese Entwicklung werde gefördert, wenn der Bewuchs über einen längeren Zeitraum nicht mehr gepflegt wird. Soll heißen: Mit jedem Monat, den das Klinikgelände weiter verwildert, wird es stärker von der Tier- und Pflanzenwelt vereinnahmt.

Der Rat der Gemeinde Diekholzen kommt am Donnerstag, 30. Juni, um 18 Uhr zu seiner öffentlichen Sitzung in der Aula der Grundschule Diekholzen zusammen.

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