Hoheneggelsen - Eine Gruppe ehemaliger Mitarbeiter des Seniorendomizils Hoheneggelsen erhebt schwere Vorwürfe gegen den Betreiber des Hauses und die Heimleitung. Im Haus werde nicht nur am Essen gespart, auch die hygienische Versorgung der Bewohner sei nicht mehr gut – aus Personalmangel. Aus diesem Grunde soll es sogar zu einem schweren Unfall im Haus gekommen sein. Die Gesellschaft Seniorendomizil Hoheneggelsen lässt diese Verdächtigungen über ihren Anwalt Uwe Rohe entschieden zurückweisen.
Bis vor Kurzem waren die Mitarbeiter, die sich an die HAZ wendeten, im Seniorendomizil beschäftigt. Sie berichten, dass sie gehofft hätten, den Heimbetrieb auch durch die stürmische Zeiten der vergangenen zwei Jahre führen zu können. Diese Zeiten begannen mit dem Zerwürfnis zwischen dem Eigentümer der Immobilie, Uwe Kuhnle, und dem Heimbetreiber, Marc Kollmeier. Wegen massiver Mängel im Haus kürzte Kollmeier die Miete so weit, bis er schließlich gar nichts mehr an den Vermieter überwies. Die Angelegenheit landete vor Gericht, das verfügte die Räumung des Hauses. Die Kollmeiers legten Revision ein, blieben im Haus und engagierten den Liquidator Roland Hecker, der das Unternehmen abwickeln soll (die HAZ berichtete). In dieser Woche wird das Oberlandesgericht Celle über die Berufung entscheiden.
Es steht Wort gegen Wort
Von einst 212 Bewohnern leben mittlerweile nur noch 54 im Haus. Das Ziel des Unternehmens sei auch weiterhin die Fortsetzung des Betriebes, so der Heim-Anwalt.
Die beschriebenen Sparmaßnahmen habe es im Haus nicht gegeben, so Anwalt Rohe. Hier steht Wort gegen Wort. Die Mitarbeiter kritisieren, im Mai des vergangenen Jahres habe die Heimleitung erklärt, dass das Geld für die Bepflanzung der Blumenkübel auf dem parkähnlichen Gelände gekürzt werde. Schon vorher sei das Küchenpersonal angewiesen worden, die Wurstauswahl für das Frühstück einzuschränken. Das Küchenpersonal soll zudem die Order bekommen haben, den festgesetzten Versorgungssatz von 4,80 Euro pro Bewohner am Tag zu unterschreiten. Die Gesellschaft bestreitet das.
Fehlt Zeit für Körperpflege?
Immer mehr Personal habe das Haus verlassen, sei körperlich und seelisch erschöpft gewesen. Viele Personen hätten sich in ärztliche Behandlung begeben müssen. Derzeit sorgten nur noch zwei Reinigungskräfte mit je 30 Stunden für Sauberkeit im Haus. Wollmäuse und dreckige Böden seien keine Ausnahme mehr. Auch die Bewohner würden zunehmend ungepflegter, weil dem Personal die Zeit für die Körperpflege fehle, erklären die Mitarbeiter. Dabei wollen die Ehemaligen ihren Kollegen keine Vorwürfe machen. Die Arbeit sei schlicht nicht zu schaffen. Bei etwaigen Pflegemängeln hätte die Heimaufsicht längst entsprechende heimaufsichtsrechtliche Maßnahmen angeordnet, erwidert Rohe auf die Vorwürfe. Auch den Verdacht der mangelnden Sauberkeit weist er entschieden zurück.
Ende des vergangenen Jahres gab es einen dramatischen Zwischenfall im Haus: Eine Bewohnerin sei bei der Versorgung gefallen und habe sich beide Oberschenkel gebrochen. Die ehemaligen Mitarbeiter sehen die Schuld darin, dass ein Pfleger die Seniorin, die nur von zwei Pflegekräften aus dem Bett gehoben werden durfte, allein versorgte. Wie die Mitarbeiter berichten, sei die demente Frau später ins Krankenhaus gebracht worden. Die Staatsanwaltschaft Hildesheim bestätigt, dass wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung gegen einen Arzt und eine Pflegekraft aus Hoheneggelsen ermittelt wird. Offen bleibt, ob dieser Unfall durch die behauptete Personalknappheit oder das falsche Engagement des Pflegers verursacht wurde.
Belastung nicht mehr ausgehalten
Die Belegschaft bewertet es den Ex-Mitarbeitern zufolge als negativ, dass die Särge mit verstorbenen Heimbewohnern angeblich nicht mehr wie früher Standard vom Seiteneingang des Abschiedsraums diskret in den Leichenwagen getragen würden, sondern durch den Haupteingang, vorbei an anderen Mitbewohnern. Dass dies überhaupt erfolge, so der Heim-Anwalt, entspreche den Wünschen der Bewohner. Viele wollten auf ihrem letzten Weg durch den Haupteingang hinausgetragen werden, durch den sie hereingekommen sind. Dies geschehe in einzelnen Fällen.
Sie hätten gekündigt, weil sie die Belastung in der Einrichtung nicht mehr aushalten konnten, sagen die Mitarbeiter, die das Gespräch mit der HAZ suchten. Und sie seien nicht die einzigen. Einige von ihnen hätten postwendend auf ihre Kündigung die fristlose Aufhebung des Arbeitsvertrages von ihrem ehemaligen Arbeitgeber erhalten. Der Hohenggelser Arbeitsrechtler Martin Hundertmark-Himstedt bestätigt das. Er vertrat einige Pflegekräfte gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht – und gewann.
„Haltlose und überzogene Unterstellungen“
Dieser Vorwurf der fristlosen Kündigungen als Reaktion auf die Eigenkündigungen ist laut Anwalt der Heimbetreibergesellschaft ebenfalls aus der Luft gegriffen. „Etwaige Kündigungen – ob außerordentlich oder ordentlich – werden von unserer Mandantin nur bei begründetem Anlass ausgesprochen“, schreibt der Rechtsanwalt. Nach Ansicht der Heimbetreiber handelt es sich bei den genannten Vorwürfen dagegen insgesamt um „völlig haltlose und überzogene Unterstellungen, die offensichtlich einzig und allein auf enttäuschte Erwartungen einzelner ehemaliger Mitarbeiter beruhen und durch nichts belegt sind“. Die ehemaligen Mitarbeiter bestreiten ein Rache-Motiv vehement. Es gehe ihnen um das Wohl der Bewohner.
Während die Fachkräfte jederzeit eine neue Stelle im Kreis fänden, sehe es für die Bewohner düster aus, bemerkt Hundertmark-Himstedt. „Es gibt hier im Umkreis doch kaum freie Heimplätze“, sagt er. Im vergangenen Jahr ist das Haus in Hoheneggelsen vom medizinischen Dienst noch mit der Note 1,2 bewertet worden. Die Bewohner zahlen weiterhin den vollen Satz für ihre Heimplätze.
Heimaufsicht prüft Maßnahmen
Das Heim soll laut Aussage von Rohe fortgeführt werden. Eine unreflektierte Berichterstattung über das Heim könne Mitarbeiter und Bewohner verunsichern und die Fortsetzung des Betriebes ernsthaft gefährden, erklärt der Jurist des Heimbetriebes abschließend in seinem Schreiben an die HAZ.
Die Heimaufsicht habe die Personalsituation im Seniorenheim Hoheneggelsen regelmäßig im Blick und prüfe aktuell konkrete Maßnahmen, heißt es aus dem Kreishaus zum Thema.
