Hildesheim - Für seinen Ruhestand nach dem großen Jubiläumsjahr von Stadt und Bistum 2015 hatte er sich viel vorgenommen, wollte etwa das Tagebuch des Ratsherrn Joachim Oppermann edieren. Über zwei Jahrzehnte hatte der gebürtige Hesse die Zimelien im Haus der Landschaft gehütet, dann ließ eine Krankheit wissenschaftliche Arbeit immer schwerer werden. Am 24. März ist Herbert Reyer im Alter von 76 Jahren gestorben.
Als er 1992 nach Hildesheim kam, war seine Dienststelle noch als Stadtamt 42 Stadtarchiv und Stadtbibliothek organisiert, Reyer managte den Umbau zum Fachbereich, wurde zum Leitenden Archivdirektor befördert. Seine drängendste Aufgabe war die eklatante Raumnot. Den Mietvertrag für die neuen Bibliotheksflächen in der Judenstraße wollte Oberstadtdirektor Buerstedde nicht durchwinken. Genial Reyers Einfall, den Nachfolger beim Antrittsbesuch über eine Barriere von Kisten und Kartons im Lesesaal klettern zu lassen – eindrücklicher konnte man den Verwaltungschef nicht von der Dramatik der Lage überzeugen, Konrad Deufel unterschrieb sofort.
Reyers war auch Rotarier
Auch inhaltlich setzte der von Hans Patze promovierte Historiker Akzente, verwandelte „Alt-Hildesheim“ in das „Hildesheimer Jahrbuch“, betreute Schriftenreihen und veröffentlichte viele Aufsätze, vor allem über die Vielfalt jüdischen Lebens vor der NS-Schreckensherrschaft. Mit seiner „Kleinen Geschichte der Stadt Hildesheim“ wollte er „sich hartnäckig haltenden Legenden“ wie der aus seiner Sicht abwegigen Bezeichnung „Tempelhaus“ entgegentreten, ein Leser konterte: „Sie sollen unsere Mythen hüten, nicht abräumen!“
Herbert Reyers Engagement reichte weit über das eigene Berufsfeld hinaus, er war Rotarier, sorgte für Lyrik im Clubleben und regte die Geschenke der beiden Bronzemodelle nach dem Merian-Stich von 1641 sowie von St. Michaelis an. Als passionierter Wandervogel und Freund der Antike folgte er römischen Spuren an Limes und Hadrianswall. Er prägte über zwei Jahrzehnte die Arbeit des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins, war im Freundeskreis der jüdischen Gemeinde sowie im Vorstand des Landschaftsverbandes aktiv, ihren Lehrbeauftragten ernannte die Universität Hildesheim zum Honorarprofessor.
Die Musikschule war ihm wichtig
Eine echte Herzensangelegenheit war Herbert Reyers Einsatz für die Musikschule, die er in finanziell und organisatorisch turbulenten Zeiten im Zusammenspiel mit Lore Auerbach, Edgar B. Pusch und Karl-Heinz Strube in ruhiges Fahrwasser lotsen konnte. Unter seiner Ägide gelang der Umzug einer der größten Einrichtungen dieser Art in Niedersachsen aus den beengten Räumen der Villa Lindemann an der Bahnhofsallee in die frühere Waterloo-Kaserne in der Oststadt. Auf seine guten Kontakte zum Ehepaar Ilse und Gerd Leester geht die Gründung der Leester Musikschul-Stiftung zurück, deren Vorsitz Herbert Reyer später übernahm. Er hinterlässt seine Ehefrau Roswitha, zwei Töchter und vier Enkel.
