Gronau - Eine Hand in einer Hand – das hilft manchmal mehr als Tausend Worte. Die tröstende Kraft der Berührungen kennen Birgit Rieche und Gabriele Langer gut. Die beiden Rentnerinnen gehören zu den Grünen Damen, dem ehrenamtlichen Besuchsdienst am Johanniter-Krankenhaus in Gronau. „Eine Patientin hat meine Hand gar nicht mehr losgelassen“, erzählt Rieche. „Ich musste mich dann vorsichtig aus ihrem Griff herausschleichen.“ Immer mehr Patientinnen und Patienten, gerade die Älteren, seien von Einsamkeit geplagt, haben die beiden Frauen beobachtet.
„Ich möchte ihnen Zeit schenken“, sagt Rieche. Um menschlichen Wärme zu spenden, setzt sie sich manchmal sogar kurz auf die Bettkante. So, wie es auch ein Angehöriger tun würde. Für das Pflegepersonal wäre das ein Tabu. Doch bei der Arbeit der Ehrenamtlichen darf sogar die Keimfreiheit für einen Moment nur die zweite Geige spielen. Schließlich geht es hier um die Seele.
„Ohne Besuchsdienst würde vieles ausfallen“
Auffangen, was die Pflegerinnen und Pfleger im hektischen Alltag zwischen Personalmangel und immer umfangreicheren Dokumentationspflichten nicht mehr leisten können – das übernehmen in Gronau, wie auch an anderen Krankenhäusern, die Ehrenamtlichen. „Der Besuchsdienst ist eine Möglichkeit, den Patientinnen und Patienten zu zeigen, dass sie hier als Menschen gesehen werden“, sagt Krankenhaus-Sprecherin Elke Tafel. „Ohne den Besuchsdienst würde wegen des Drucks im Gesundheitssystem vieles ausfallen. Es muss immer alles sehr schnell gehen – aber Hektik und Nächstenliebe passen nicht gut zusammen.“
In der Regel zweimal im Monat sind Rieche, Langer und die anderen Damen jeweils für einige Stunden im Krankenhaus unterwegs. Im Berufsleben war Rieche selbst Pflegerin am Johanniter-Krankenhaus. Langer arbeitete bei der Pflegekasse des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Im Alter möchten sie nun weiterhin etwas Sinnvolles tun und Nächstenliebe leben – dieses Verlangen trieb sie ins Ehrenamt. Seit 2004 gibt es den Besuchsdienst in Gronau – Rieche ist seit zwölf, Langer seit sieben Jahren mit dabei.
Schwere Themen, kleine Anliegen
Bei welchem Patient oder welcher Patientin ein Besuch helfen könnte, darauf weist die Grünen Damen meist das Pflegepersonal hin: „Die Schwestern sagen dann: Zu dem könntest du mal hingehen – der könnte etwas Zuwendung gebrauchen“, sagt Rieche. Lange fügt hinzu: „Und es gibt ja auch viele, die gar keinen Besuch kriegen.“ In solche Fällen klopfen sie vorsichtig an, die ehrenamtlichen Besucherinnen. Werden sie hereingebeten, versuchen sie ein Gespräch anzubahnen – vorsichtig, mit ruhiger Stimme und Smalltalk. Möchte der Patient nicht reden, gehen sie wieder. Geht das Gespräch tiefer, hören sie zu.
Da sein und einen Raum geben für die schweren Gedanken, zumindest das. Mehr können sie bei existenziellen Fragen rund um Krankheit, Tod und Verlust nicht tun. Oft geht es um die Angst, ins Pflegeheim zu müssen – um Kinder, die sich nicht kümmern – um die Sorge, nie wieder gesund zu werden. Wie lange die Gespräche dauern, ist ganz unterschiedlich. „Wenn mich jemand wirklich braucht“, betont Rieche, „dann nehme ich mir so lange Zeit, wie es nur irgendwie geht“. Was die Grünen Damen hören, behalten sie für sich: Sie sind an die Schweigepflicht gebunden. Und das ist auch gut so: Mancher Gesprächspartner nutzt die Gelegenheit, Dinge loszuwerden, die er mit seinen Angehörigen nicht besprechen würde.
Manchmal sind die Fragen und Anliegen der Patientinnen und Patienten auch ganz praktischer, handfester Natur. Da sitzt ein älterer Herr nach einer Untersuchung vor seinem Tablett, sein Kaffee ist unterdessen längst kalt geworden. „Das kann ich nicht ertragen“, sagt Rieche. „Da gehe ich los und hole ihm eine frische, schön warme Tasse.“ Manch einer ist schon mit einem kleinen Botengang zum Kiosk glücklich zu machen. Beim nächsten Besuch organisiert eine der Grünen Damen vielleicht ein Telefonat mit den Angehörigen, weil sich ein Entlassungstermin verschoben hat. Auch einer Patientin die Lockenwickler ins Haar drehen würde sie, sagt Rieche schmunzelnd. „Früher war so etwas für uns als Pflegekräfte normal“, berichtet sie aus ihrem vergangenen Berufsleben. „Dann war dafür irgendwann keine Zeit mehr. Heute, im Besuchsdienst, kann ich sie mir wieder nehmen.“
Weitere Ehrenamtliche wären nötig
Belastend wird es für die Ehrenamtlichen nur manchmal – wenn etwa schwere Diagnosen junger Menschen im Raum stehen, eine ihnen bekannte Person vor ihnen liegt, wenn ein Patient, zu dem sich mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, immer weiter abbaut oder stirbt. Dann geben sich die Damen gegenseitig Halt. In ihren regelmäßigen Teamgesprächen ist auch Zeit und Gelegenheit zum Austausch über die eigenen Gefühle.
Allerdings werden sie immer weniger, die Grünen Damen von Gronau: Nur noch acht von ihnen sind derzeit aktiv. Sie werden ja nicht jünger – und wer berufstätig ist, hat für diese Aufgabe normalerweise keine Zeit. Ein Dienstplan, der auch wirklich jeden Tag eine ehrenamtliche Besucherin verzeichnet, lässt sich so nicht mehr schreiben. Deshalb ist das Team froh um jede Mithilfe, damit es den Gronauer Patientinnen und Patienten auch weiterhin nicht an tröstlichen Berührungen mangelt. Damit sie nicht irgendwann fehlen: die Hände, die sich in Hände legen.
Ehrenamt und Ausbildung:
Wer als Grüne Dame oder Grüner Herr beim ehrenamtlichen Besuchsdienst am Johanniter-Krankenhaus in Gronau mitmachen möchte, kann sich dort gerne melden: unter 05182 5830 oder info@johanniter-gronau.de. Dafür sind keine Ausbildung oder bestimmte Vorkenntnisse nötig.
Wer tiefer einsteigen will, kann das aber ebenfalls tun: Die Johanniter bieten ab Herbst 2026 eine kostenlose Ausbildung für ehrenamtliche Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger an. Gesucht werden Menschen ab 25 Jahren, die Patienten und Angehörige in schwierigen Lebenssituationen begleiten möchten. Die Qualifizierung läuft von September 2026 bis Mai 2027 und umfasst mehrere Seminar- und Wochenendtermine sowie ein Praktikum.
Die Einzeltage und der Informationsabend (24. Juni, 18 bis 21 Uhr) finden im Zentrum für Seelsorge und Beratung in Hannover statt, die Wochenendmodulele im Lutherheim in Springe. Inhalte sind unter anderem Gesprächsführung, der Umgang mit Nähe und Distanz sowie die Reflexion eigener Lebens- und Glaubenserfahrungen.
Die Ausbildung wird von den Johannitern vollständig finanziert und schließt mit einem Zertifikat ab. Ein Einsatz ist anschließend unter anderem im Johanniter-Krankenhaus Gronau möglich. Weitere Infos und Anmeldung unter viva.volkmann@johanniter-gmbh.de (Anmeldeschluss: 28. April).
