Alfeld/Winzenburg - Wenn ein größeres Unternehmen Insolvenz anmeldet, hat das meist weitreichende Folgen – für Beteiligte, und manchmal auch für solche, die es nur indirekt sind. Im Landkreis Hildesheim hat jetzt die TEBO Sozialimmobilienbau GmbH (Tebo) Insolvenz beantragt. Das hat das Amtsgericht Charlottenburg am Montag bekanntgegeben.
Die Tebo ist Eigentümerin des Seniorenparks Winzenburg, wo derzeit 49 Bewohnerinnen und Bewohner leben. Ihr gehört aber auch das Seniorenheim an der Hildesheimer Straße 72 in Alfeld. Das – ein Millionenprojekt – wird seit Jahren saniert, eine alte Villa auf dem Grundstück wurde im Frühjahr abgerissen, ein Neubau mit gut 50 Bewohnerplätzen ist geplant, für das Bestandsgebäude mit seinen 31 fertigen Zimmern gibt es nach HAZ-Information bereits Einzugsvereinbarungen, das Pflegepersonal steht in den Startlöchern.
Was wird aus den Bewohnern in Winzenburg?
Aber kann der Betrieb in der Alfelder Einrichtung jetzt trotz des Insolvenzantrags wirklich noch aufgenommen werden? Und was ist mit den ausstehenden Bauarbeiten? Werden die irgendwann fortgesetzt? Noch wichtiger: Was bedeutet die beantragte Insolvenz für die Arbeits- und Bewohnerplätze in Winzenburg? Beide Einrichtungen werden durch die Seniorenpark Winzenburg GmbH betrieben, eine hundertprozentige Tochter der Tebo.
Offenbar hatten sich innerhalb der Belegschaft bereits Gerüchte verbreitet, wonach die berufliche Zukunft in den Einrichtungen plötzlich auf der Kippe steht und Löhne womöglich bald nicht mehr ausgezahlt werden könnten.
Die Spitze einer langen Reihe düsterer Vorzeichen
Das bevorstehende Insolvenzverfahren bildet unterdessen die Spitze einer langen Reihe düsterer Vorzeichen, die dem wirtschaftlichen Sturzflug der Tebo in Alfeld und Winzenburg vorausgegangen war. Anfangs hatte die Firma für die Sanierungen beider Immobilien ein Investitionsvolumen von 14,5 Millionen Euro anberaumt – das war 2019. Ein knappes Jahr später rechnete man bereits mit 17 Millionen Euro. Wieder zwei Jahre später lag die Investitionssumme dann bei mehr als 20 Millionen Euro.
Mit den steigenden Kosten rückte auch der Betriebsstart in der Alfelder Einrichtung immer weiter nach hinten. Zunächst hieß es, man wolle die ersten Bewohner schon im Herbst 2021 einziehen lassen. Dann kam es zum Baustopp. Gerüchte, wonach die an der Sanierung beteiligten Handwerksbetriebe nicht oder zumindest nicht fristgerecht bezahlt würden, machten in Alfeld die Runde. Offen darüber sprechen wollte bislang keines der mutmaßlich betroffenen Gewerke. Damals äußerte sich nur einer öffentlich zu den Schwierigkeiten auf der Baustelle: Richard Bernd Tenner, der sich selbst als Projektentwickler bezeichnete, und später die damalige Geschäftsführerin der Tebo, Ulrike Borsch, heiratete.
Neuer Geschäftsführer räumt Versäumnisse ein
Tenner sprach im April vorigen Jahres öffentlich von einem „Immobilienkrieg“, den er zu gewinnen gedenke, und lobte die ortsansässigen Firmen, die an den Bauarbeiten in Alfeld mitwirkten „über den grünen Klee“. Von Zweifeln am Gelingen des Projekts keine Spur, von möglichen Versäumnissen keine Rede.
Inzwischen räumt ein neuer Geschäftsführer der Tebo aber solche offen ein. Uwe Bläsing hat die Geschäftsleitung am 27. April dieses Jahres von Ulrike Tenner, ehemals Borsch, übernommen. Er war es auch, der nun den Insolvenzantrag stellte. Während die Mitarbeitenden in Winzenburg ihr Geld immer pünktlich bekommen hätten, sei das bei den Vertragspartnern der Tebo, also den Handwerkern auf der Baustelle in Alfeld, anders gewesen.
Eine Menge offener Fragen
Trotz des Insolvenzantrags sollen ihm zufolge in den nächsten Tagen die ersten Bewohner in das Alfelder Heim einziehen. Die Heimaufsicht des Landkreises Hildesheim habe den Betrieb genehmigt. Auch den Sorgen von Bewohnerinnen, Bewohnern und Angestellten der Einrichtung in Winzenburg will Bläsing schnell einen Riegel vorschieben. Die Seniorenpark Winzenburg GmbH sei zwar eine hundertprozentige Tochter der Tebo, aber eben eine eigene Gesellschaft. „Das wird strikt voneinander getrennt“, sagt Bläsing. Das bestätigt auch der vorläufige Insolvenzverwalter Prof. Dr. Torsten Martini aus Berlin. „Rein rechtlich ist die Tebo pleite und die Tochter-Gesellschaft nicht“, sagt er.
Bläsing unterstreicht, dass das angestrebte Insolvenzverfahren derzeit nur das Ziel verfolge, die Geschäfte der Eigentümergesellschaft weiterzuführen. Ob das gelingt, muss sich zeigen. Es bleiben eine Menge offener Fragen: Wie genau kam es zur Insolvenz? Werden die am Bau beteiligten Gewerke ihr Geld noch bekommen? Wie hoch sind die Schulden der Tebo in Summe? Sind Geschäftsentscheidungen von strafrechtlicher Relevanz getroffen worden? Und wenn ja, von wem?
Kein Kontakt mehr zur ehemaligen Geschäftsführerin
Fragen, auf die Bläsing bislang kaum Antworten hat. Nicht zuletzt, weil er aktuell noch damit beschäftigt ist, sich ein klares Bild der internen Geschäftslage zu machen. Eine ordentliche Übergabe habe es nicht gegeben, die Kommunikation zu seiner Vorgängerin sei „vollständig abgebrochen“. Bläsing schwingt sich damit als Kapitän an Bord des Schiffes, als es bereits zu sinken droht. Die Aktivitäten seiner Vorgängerin und ihres öffentlichkeitsaffinen Ehemannes bleiben vorerst undurchsichtig. Beide waren für Rückfragen der HAZ nicht zu erreichen.
Dabei hatte sich Bernd Tenner von Beginn an öffentlich zu dem Projekt an der Hildesheimer Straße geäußert, war mitunter sogar als Investor aufgetreten. In geschäftsführender Funktion hatte er für die TEBO aber nie offiziell verantwortlich gezeichnet. Dafür war die Nähe zur Geschäftsführerin aber schon vor ihrer Heirat offenkundig. Tebo – das steht angeblich für Tenner und Borsch.
Architekt aus Hannover soll nie bezahlt worden sein
Zurzeit läuft zudem ein Zivilverfahren am Landgericht Hildesheim gegen die Tebo und weitere Beklagte. Klage eingereicht hatte ein Architekt aus Hannover. Er war nach eigenen Angaben seinerzeit von den Eigentümern der beiden Heime in Alfeld und Winzenbug beauftragt worden, ihren Verkauf in die Wege zu leiten. Die versprochene Provision in Höhe von 183.500 Euro sei ihm jedoch nie ausgezahlt worden. Neben der Tebo und besagter Eigentümer-Gesellschaft (bürgerlichen Rechts) wird auch Bernd Tenner persönlich als Beklagter in dem Prozess geführt. Der Gerichtsbeschluss sollte ursprünglich am Freitag ergehen, steht aber noch aus. Wegen der Insolvenz sei die Tebo jetzt ohnehin aus dem Verfahren raus, sagt Bläsing. Was das für den Kläger und die anderen Verfahrensbeteiligten bedeutet, wird sich zeigen müssen.
