Toiletten-Debatte

Bald nur noch Kartenzahlung in Hildesheims öffentlichen WCs – viele Vorteile oder „Diskriminierung“?

Hildesheim - Weil es in der Vergangenheit öfter zu Vandalismus und Ausfällen der Münzautomaten kam, sollen die öffentlichen Toiletten im Stadtgebiet bald nur noch mit Kartenzahlung funktionieren. Das Für und Wider der neuen Lösung.

Die öffentlichen Toiletten am Hohnsensee können mitunter zu einem gefragten Ort werden, denn hier und in den umliegenden Anlagen am Ehrlicher Park sind nicht nur an den Wochenenden viele Familien, Spaziergänger, Jogger und Radfahrer unterwegs. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Wer in Hildesheim ein öffentliches WC aufsuchen will, hat dafür bislang 50 Cent bezahlt. In bar. Man warf sie ein, und klick, ging die Tür auf. Doch die Tage der herkömmlichen Münzautomaten sind gezählt. Stattdessen sollen die Anlagen demnächst auf Kartenzahlung umgestellt werden – mit der Anlange auf der Lilie soll es losgehen.

Den Grund für die Umstellung nennt die Gemeinnützige Baugesellschaft (gbg) als von der Stadt beauftragte Betreiberin der Anlagen. Unter anderem habe es Fälle von Vandalismus und Ausfälle durch Störungen gegeben. „Aufgrund des dringenden Handlungsbedarfs werden wir einen Austausch auf ein vandalismussicheres Zugangssystem mit kontaktloser Bezahlfunktion vornehmen“, so gbg-Sprecher Frank Satow.

Die Mechanik der Automaten wurde oft beschädigt

Die angesprochenen Störungen würden häufig durch das Einwerfen falscher Münzen oder kleinerer Gegenstände wie Kronkorken entstehen. „Die Mechanik der Münzautomaten ist durch diese Einflüsse teilweise so stark beschädigt worden, dass ein zuverlässiger Betrieb aus technischer Sicht nicht mehr gewährleistet werden kann“, sagt Satow. „Für diese Münzautomaten sind zudem so gut wie keine Ersatzteile mehr zur erhalten, so dass wir diese Anlagentechnik nicht weiter zuverlässig betreiben können.“

Das moderne System biete zahlreiche Vorteile: Anti-Vandalismus-Schutz durch spezielles Glas, Sprachinteraktion für Blinde und Sehbehinderte und eine mehrsprachige Anzeigefähigkeit, sichere Transaktionen mit kontaktloser Zahlung, eine Echtzeitüberwachung per Fernwartung und kontinuierlich aktualisierte Informationen. „Das Bezahlsystem ist mit Debit- und Kreditkarten, Durchzugs-, Kontakt- und kontaktlosen Karten sowie Apple Pay nutzbar“, so Satow. Die genauen Termine der Umrüstung würden derzeit mit den Firmen noch abgestimmt. „Die Arbeiten beginnen zeitnah“, sagt Frank Satow.

Diskriminierend für Menschen älteren Semesters

Es sind Pläne, die der Hildesheimer Seniorenbeirat durchaus kritisch betrachtet: „Ältere, gebrechliche und schwerbehinderte Menschen, die keinen Umgang mit Zahlungsverfahren per Karte haben, werden nicht nur benachteiligt, sondern in höchstem Maße diskriminiert“, so die Einschätzung des Beiratsvorsitzenden Thomas Meyer-Hermann. Es bestehe die Gefahr, dass einigen Bevölkerungsgruppen der Zugang zur Nutzung öffentlicher Toiletten komplett verwehrt bleibe. Ein Beispiel, so Meyer-Hermann, seien Kinder und Jugendliche, die als nicht-geschäftsfähige Personen keine Kontokarten besitzen. Auch Menschen, die unter Betreuung stehen, sind oft ohne Bankkarten unterwegs, an sie geben Kreditinstitute nur Bargeld aus.

Für Meyer-Hermann steht gar die Überlegung im Raum, ob die geplante Regelung einen Verstoß gegen das Grundgesetz darstellen könnte, etwa gegen die Wahrung der Menschenwürde, wie sie in Artikel 1 festgelegt ist. Jedermann müsse das Recht zum ungehinderten Besuch einer Toilette haben – da stelle eine Kartenzahlung eine Hürde dar.

Kartenzahlung gehört in Deutschland zum Alltag

Die gbg sieht in der Umstellung keine solchen Schwierigkeiten. „Unsererseits gibt es keine Befürchtungen“, sagt Satow. „Die Kartenzahlung im Allgemeinen hat sich auch bei den älteren Mitmenschen etabliert und gehört mittlerweile nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland zum Alltag.“

Insgesamt werden immer weniger Produkte und Dienstleistungen von Kundinnen und Kunden in Scheinen und Münzen bezahlt. Das trifft in Deutschland derzeit auf lediglich 51 Prozent aller Einkäufe zu, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bundesbank aus dem Jahr 2023 mit 5700 Befragten. 2020 hatte der Bargeldanteil noch bei 60 Prozent gelegen, im Jahr 2017 bei 74 Prozent. Und damit gehört Deutschland im europaweiten Vergleich sogar zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Barzahlungen. Hingegen wird das Smartphone als Zahlungsmittel beliebter.

In München bringt die SPD einen Antrag ein

Allerdings: nicht bei allen. Studien zeigen ebenfalls, dass Menschen hierzulande im Schnitt umso mehr Bargeld bei sich haben, je älter sie sind. Dass das zur Einschränkung bei der Nutzung öffentlicher Toiletten führen kann, erlebt man nicht nur in Hildesheim. In München etwa ersuchte die SPD die Stadtverwaltung um eine alternative Regelung am Hauptbahnhof, wo das WC nur nach Kartenzahlung zu nutzen ist. In dem Antrag heißt es: „Die Anlage kann nur von Menschen genutzt werden, die über eine EC- oder Kreditkarte verfügen, weil es keine Möglichkeit für eine Barzahlung gibt. Das ist vor allem für Kinder und Jugendliche, Senioren oder Menschen mit geringem Einkommen schwierig, die keine Karte haben. Die Toilettennutzung aber sollte jedem offenstehen.“

Deshalb solle die dortige Stadtverwaltung bei der Deutschen Bahn darauf hinwirken, dass die Toilettenanlage mit Bargeld-Bezahlfunktion nachgerüstet wird. Außerdem solle bei der Errichtung neuer öffentlicher Toiletten in München zwingend vorgeschrieben werden, dass es neben Karten- auch die Möglichkeit zur Barzahlung gibt.

Wenn es nach Meyer-Hermann ginge, wäre bei der WC-Frage die Lösung: gar keine Zahlung, weder bar noch per Karte. „Wir befürworten eine komplett kostenlose Toilettennutzung“, so der Vorsitzende.

Die Gastronomie könnte Teil der Lösung sein

Ein weiteres Problem: In der Innenstadt gibt es ohnehin nur wenige öffentliche WCs, was sich besonders deutlich rund um den Bahnhof und im Bernwardviertel bemerkbar macht. Für Reisende oder Passanten in der Stadt gibt es hier kaum eine Möglichkeit, zur Toilette zu gehen – nicht selten suchen sie Hauseingänge oder Parkplätze auf, um sich zu erleichtern. Schließlich gab der Seniorenbeirat den Anstoß zu einer Idee, die nun umgesetzt wird: Wieso bindet man nicht Gastronomien ein, die ohnehin für ihre Gäste WCs vorhalten müssen, und vereinbart, die Toiletten gegen eine von der Stadt gezahlte Aufwandsentschädigung auch zur öffentlichen Nutzung anzubieten?

Auch hier gibt es ein Vorbild aus anderen Städten: das Prinzip der „netten Toilette“. Sich diesem System anzuschließen, hat Vorteile. Etwa den, das jeder Besucher einer Stadt über eine App sofort erkennen kann, wo sich das nächste öffentliche WC beziehungsweise das entsprechende Angebot einer Gastronomie befindet. Der Nachteil: Der Beitritt kostet die teilnehmenden Kommunen eine Gebühr.

Im Bernward-Viertel gibt es nun trotzdem einen Anlaufpunkt. In einem „Feldversuch“, wie Meyer-Hermann es nennt, ist das Café Hilde am Angoulêmeplatz zur ersten am Projekt beteiligten Adresse geworden. Was es noch braucht, ist ein Hinweis am Café wie ein Schild oder ein Aufkleber, der es für Passanten als Ziel bei dringendem Bedürfnis kennzeichnet. Der solle noch angebracht werden, versichern Stadt und Seniorenbeirat.

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