Kreis Hildesheim - Ein Drittel aller pflegenden Angehörigen fühlt sich überfordert, das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Sozialverbandes VdK. Sein Fazit: „Die häusliche Pflege ist am Limit.“ An Grenzen stößt zum Beispiel auch die Hildesheimerin Monika S. (Name geändert) in diesen Tagen immer wieder. Sie kümmert sich um die Pflege beider Schwiegereltern.
Das kriegen wir irgendwie mit Ersparnissen hin. Viele können das nicht.
„Möglich ist das überhaupt nur, weil ich Homeoffice mit flexibler Gleitzeit machen kann“, erzählt sie. Und weil die Familie relativ gut situiert ist, wie sie sagt. Der Pflegebedarf kam plötzlich, einen Pflegegrad hatten weder Schwiegermutter noch Schwiegervater. Die Folge: Die Familie zahlt vorübergehend 2500 Euro im Monat aus eigener Tasche. „Das kriegen wir irgendwie mit Ersparnissen hin“, sagt die Hildesheimerin und weiß: „Viele können das nicht.“
70 Prozent werden ambulant betreut
Doch das System arbeitet schwerfällig, einen Pflegegrad gibt es nicht von heute auf morgen. Laut Statistik (die aktuellsten Zahlen vom Land stammen aus dem Jahr 2019) haben im Kreis Hildesheim 17 500 Menschen Anspruch auf Pflegeleistungen. „70 Prozent von ihnen werden ambulant versorgt“, berichtet Manuel Stender, der in der Kreisverwaltung die Hilfen für Seniorinnen und Senioren koordiniert.
Die Zahl der Pflegebedürftigen, die von Angehörigen betreut werden, dürfte deutlich höher sein. Viele tauchen in den Statistiken nicht auf. Denn die Umfrage des Sozialverbandes hat ergeben, dass viele die Leistungen, die ihnen zustehen, gar nicht abrufen – je nach Pflegeleistung seien das zwischen 62 und 93 Prozent, bundesweit summiert sich das allein bei den drei wichtigsten Hilfsangeboten auf 12 Milliarden Euro im Jahr.
Schwierige Suche nach Kurzzeitpflege
Wobei mancher Angehörige auch bei der Suche nach Hilfe verzweifelt – zum Beispiel nach einer Kurzzeitpflege. Monika S. berichtet: Ihr Schwiegervater wird mit Krebs im Endstadium kurzfristig aus dem Krankenhaus entlassen. Bettlägerig. Nach Hause kann er nicht. Seine Frau, schwer demenzkrank, kommt mit täglicher Tagespflege und Unterstützung eines Pflegedienstes gerade so zurecht. Und weil die Schwiegertochter an manchen Tagen bis zu fünfmal bei ihr vorbeischaut und schon mal eine Stunde bleibt, bis die Seniorin eine Scheibe Brot aufgegessen hat.
Um solche Probleme zu lösen, geht die ganze Freizeit drauf.
Mit der Kurzzeitpflege klappte es in Alfeld. Durch einen glücklichen Zufall, wie Monika S. erzählt. Doch das Angebot ist auf wenige Wochen im Jahr begrenzt. Wie es dann weitergeht? Die pflegende Schwiegertochter weiß es nicht. Was sie am stärksten belastet: „Dass alles nicht planbar und in der Schwebe ist. Die Hilfe übernimmt man ja gern. Aber diese Lauferei, dieser Aufwand.“ Und jeden Tag ergeben sich neue Hürden. Wenn zum Beispiel weder Klinik noch Notarzt Rezepte ausstellen oder Medikamente mitgeben dürfen und dann auch noch der Hausarzt im Urlaub ist. „Um solche Probleme zu lösen, geht die ganze Freizeit drauf.“
Hoffnung auf neue Landesförderung
Die Kurzzeitpflege – oder eher: der extreme Mangel an Plätzen – ist auch nach den Erfahrungen von Helga Kassebom vom Pflegestützpunkt des Landkreises Hildesheim ein zentrales Problem. Patientinnen und Patienten werden heutzutage oft schnell und kurzfristig aus dem Krankenhaus entlassen. Gerade Ältere sind dann oft nicht oder noch nicht wieder in der Lage, zu Hause zurecht zu kommen. In solchen Fällen schnell eine Kurzzeitpflege zu finden, ist extrem schwierig. „Das ist für Heime nicht attraktiv“, weiß Kassebom und setzt große Hoffnung auf eine neue Landes-Förderung, die seit Dezember im Niedersächsischen Pflegegesetz verankert ist. Demnach bekommen Heime, die Plätze für Kurzzeitpflege freihalten, Geld. Doch Stender erwartet, dass die neue Regelung frühestens im Herbst zu einer Entspannung führt.
Rufen sie drei Tage vor dem Urlaub noch mal an. Vielleicht klappt es dann.
Entspannung: Die wäre auch für viele überlastete pflegende Angehörige enorm wichtig. Doch wenn die jetzt eine Kurzzeitpflege für einen Urlaub im August suchen, bekommen sie laut Kassebom von den Einrichtungen meist eine Antwort wie diese: „Rufen sie drei Tage vor dem Urlaub noch mal an. Vielleicht klappt es dann.“
Zeitweise überhaupt keine Tagespflege während der Pandemie
Vielleicht aber auch nicht. Dabei weiß Kassebom von vielen Beratungsgesprächen: „Pflegende Angehörige brauchen vor allem eines: verlässliche Angebote.“ In der Hinsicht war auch die Pandemie für viele Familien eine ausgesprochen harte Zeit. Denn Tagespflege war zeitweise gar nicht möglich oder nur eingeschränkt in kleineren Gruppen. „Das war für viele eine große Belastung“, berichtet Kassebom. Für die Pflegebedürftigen wie für die Pflegenden. Irgendwie konnte der Wegfall der Tagespflege oft ausgeglichen werden, sei es durch Extra-Urlaub oder Homeoffice der Betreuenden. Doch die gerieten oft ans Limit, an Grenzen. Immerhin: „Die Probleme durch die Pandemie haben sich weitgehend entspannt“, zeigt sich Kassebom erleichtert.
Doch es bleibt schwierig genug. Und könnte in vielerlei Hinsicht einfacher sein, meint Monika S.: „Es gibt so viele Hürden“, sagt sie. Was sie sich wünscht? „Mehr Empathie in den Strukturen“, bringt sie es auf den Punkt. Flexiblere, verlässlichere Hilfe, weniger Bürokratie, unter der nicht nur Pflegeeinrichtungen leiden, sondern auch die private Pflege zu Hause. Die eine Stelle darf dieses verordnen, die andere jenes – aber jeweils nur unter bestimmten Bedingungen. Und die muss man erst mal kennen.
Appell: Entlastende Angebote annehmen
Mehr Flexibilität wünscht sich auch Pflegeexpertin Helga Kassebom in den Rahmenbedingungen. Zum Beispiel: die finanziellen Hilfen aus verschiedenen Töpfen in einem Budget vereinen. Das würde auch aus ihrer Sicht vieles übersichtlicher machen.
Ihr genereller Appell: „Entlastende Angebote annehmen! Es gibt durchaus viele andere Schultern, die die Belastung mittragen können.“ Das besagte Annehmen fällt nach ihren Erfahrungen besonders pflegenden Partnern schwer, im Alter besonders. Wenn Kinder ihre Eltern oder Schwiegereltern pflegten, seien sie eher dazu bereit, Hilfe anzunehmen. „Und das ist gut so“, betont Kassebom, „wenn es den Pflegenden nicht gut geht, können sie auch keine gute Pflege leisten.“
Beratung beim Landkreis:Kostenlos und neutral
Oft kommen ältere Paare mit gegenseitiger Unterstützung noch gerade so ohne Hilfe zu Hause über die Runden – bis wirklich ein ernsthafter Pflegefall eintritt, oft über Nacht, zum Beispiel durch einen Schlaganfall. Dann ist nicht selten innerhalb kürzester Zeit eine Menge zu organisieren. Überforderung ist dann für alle Beteiligten programmiert.
Da werden dann manche andere Angebote oft gar nicht erwähnt.
Der Pflegestützpunkt des Landkreises Hildesheim empfiehlt daher, sich rechtzeitig zu informieren und um einen Pflegegrad zu bemühen – nicht erst, wenn die Situation sich zuspitzt. Einen Pflegegrad hochzustufen, ist in der Regel einfacher und unkomplizierter, als ihn überhaupt erst einmal zu beantragen. Verschlechtert sich der Gesundheitszustand eines oder einer Pflegebedürftigen plötzlich, steht dann nach den Erfahrungen des Stützpunktes in den Gesprächen mit den Pflegekassen meist nur der akute Bedarf im Mittelpunkt, auf den kurzfristig mit Hilfen reagiert werden muss. „Da werden dann manche andere Angebote oft gar nicht erwähnt“, berichtet Helga Kassebom vom Pflegestützpunkt. Sie und ihre Kolleginnen versuchen indessen, in einer möglichst umfassenden und neutralen Beratung „den ganzen Strauß an Möglichkeiten“ aufzuzeigen, wie Kassebom es formuliert. Das sei oft auch schon sinnvoll, wenn ein erheblicher Pflegebedarf noch nicht besteht, sich aber schon andeutet.
Ein Termin zur Pflegeberatung kann beim Pflegestützpunkt Hildesheim unter den Nummern 0 51 21 / 309-16 01 oder -16 02 sowie per E-Mail oder beim Pflegestützpunkt Alfeld unter den Nummern 0 51 81 / 704-81 31 oder -81 32 sowie per E-Mail vereinbart werden. Die Stützpunkte vermitteln auch eine Wohnberatung nach dem Motto „Wir passen die Wohnung dem Menschen an und nicht den Menschen an die Wohnung“.
Im Internet gibt es viele Informationen rund um Pflege und eine Reihe von anderen Themen, die für ältere Menschen relevant sind, über das Senioren-Beratungsnetz. Dort werden auch viele regionale Beratungsangebote gebündelt.
Der Landkreis Hildesheim hat Infos für den Pflegefall in zwei verschiedenen Broschüren zusammengefasst, die im Kreishaus ausliegen: „Hilfe zur Pflege in häuslicher Umgebung“ und „Informationen für die stationäre Versorgung“ mit einer Liste von Alten- und Pflegeheimen in der Region.


