Hildesheim - Es ist ein wiederkehrendes Phänomen: Bahnt sich irgendwo ein Unglück an, sind sofort Menschen mit Handys und Kameras da, um es aufzuzeichnen. Dabei offenbaren sie den eigenen Voyeurismus, im weitaus schlimmeren Fall aber behindern sie Einsatzkräfte und Retter bei der Arbeit. Auch in den vergangenen Tagen, als in Hildesheim und im Landkreis die Innerste, die Lamme und andere Gewässer durch den Dauerregen über die Ufer traten, waren die Schaulustigen sofort zur Stelle.
„Wir haben das vor allem zu Beginn des Hochwassers sehr stark beobachtet“, sagt Florian Kröhl, Sprecher der Hildesheimer Feuerwehr. „An der Innerste etwa, auf der Brücke an der Lucienvörder Straße und der Großen Venedig, waren sehr viele Menschen, die das Wasser und die Einsatzkräfte fotografiert haben.“ Denen aber war die Situation gar nicht neu: Schon beim Hochwasser 2017 stand das Verhalten einiger Menschen als ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung bei den Nachbesprechungen: Probleme habe es vor allem durch Schaulustige gegeben, die die Feuerwehrleute oder das Technische Hilfswerk behindert hätten, resümierten die Einsatzkräfte damals. Unter anderem seien Absperrungen nicht beachtet und Einsatzleiter von der Arbeit abgehalten worden.
„Ich fahre seit 40 Jahren hier lang“
Überhaupt sind Polizei und andere Einsatzkräfte mitunter dadurch mehr als nötig beschäftigt, weil Anweisungen oder Absperrungen ignoriert werden. Konkretes Beispiel: Nordstemmen. Hier waren wegen des Hochwassers die Kreisstraße 505 an der Leinebrücke in Richtung Adensen und die Landesstraße 410 zwischen Burgstemmen und Poppenburg über Weihnachten nicht befahrbar.
Laut Gemeindebrandmeister Jan Riechelmann haben aber mehrfach Autofahrer die Straßensperrungen ignoriert und versucht, die überfluteten Straßen zu befahren. „Dann hört man Aussagen wie: ‚Ich fahre da seit 40 Jahren lang’“, sagt Riechelmann. „Aber wenn Hochwasser ist, kann man da halt mal nicht langfahren“, betont er. So ein Verhalten sei nicht nur riskant, es binde im Ernstfall auch Einsatzkräfte der Feuerwehr, die eigentlich an anderer Stelle gebraucht würden.
Auch die Talsperren zogen Menschen magisch an
Über die lokalen Hochwasser-Hotspots hinaus blieben auch die Talsperren ein Zielort Schaulustiger – die waren und sind so voll wie selten. Zu Weihnachten war im Harz die Okertalsperre vollgelaufen und der automatische Notüberlauf geöffnet worden. In einer großen Fontäne ergoss sich das überschüssige Wasser in den Fluss. Hunderte beobachteten an der Talsperre das Geschehen.
Auch am Donnerstag informiert die HAZ fortlaufend im Liveticker über das Hochwasser in der Region.
