Hildesheim - Es ist ein wahr gewordener Traum für Dirk Meißner und seine Familie: An der Itzumer Hauptstraße liegt ihr Haus, das sie 2010 hier gebaut haben. Wobei die Adresse fast irreführend ist: Nicht die Hauptstraße bestimmt die Umgebung des Hauses, sondern der weite, unverbaute Blick ins Land hinter der Domäne, die Wiesen um Innerste und Louisgraben. „Genau das macht unser Traumhaus immer wieder zum Alptraumhaus“, sagt Meißner.
Nämlich immer dann, wenn das Wasser aus den Flüssen oder dem Grund kommt. Es kam schon oft. 2014, 2017 und auch jetzt. „Obwohl wir inzwischen ja drauf eingerichtet sind“, betont Meißner, der gemeinsam mit seiner Frau ein Büro für Steuerberatung betreibt. „Wir haben wohl alles zum Schutz unseres Hauses getan, was in Eigenregie machbar ist.“ Was er allerdings vermisse, seien ausreichende Maßnahmen von Stadt und Land, sagt er mit sorgevollem Blick auf den Sportplatz hinter seinem Haus: ein einziger See. Vom Fußballtor guckt nur noch die obere Hälfte heraus, der untere Teil ist im Wasser versunken.
Ein Zelt im Garten, um das Hab und Gut zu retten
Die dreiköpfige Familie hat hier schon Situationen erlebt, die andere vielleicht längst zum Auszug bewogen hätten. Als 2017 der gesamte Wohnbereich im Erdgeschoss samt Küche unter Wasser stand, stellten Meißner und seine Frau Claudia erhöht ein großes Zelt im Garten auf, um so ihr Hab und Gut ins halbwegs Trockene zu bringen. „Daraufhin hat uns ein Schreiben der Stadt erreicht, dass das unzulässig sei“, sagt Meißner halb fassungslos, halb amüsiert. Mit einer Zahlung von bis zu 2690 Euro sei er dabei, wenn er das Zelt nicht unverzüglich abbaue und zudem erkläre, wieso er es überhaupt aufgebaut habe.
Das immerhin konnte Meißner. Mehr als 60.000 Euro hat die Familie seitdem in die Hand genommen und in den Schutz des Hauses vor dem Wasser investiert: Von Fenstern und Türen halten Schotten die Flut zurück. „Maßgefertigt“, wie Meißner sagt. Ums Haus herum haben sie Versickerungsmöglichkeiten geschaffen, die Wände mit Spezialanstrich versehen, eine ganze Küche neu gekauft, eingebaut und dann festgestellt, dass in den Wänden immer noch Wasser war. Sie haben für ihr Steuerberatungsbüro, das sich in der obersten Etage des Hauses befand, eine neue Adresse gesucht, um im Ernstfall privat in die Räume oben einziehen zu können – und und und. „Wahrscheinlich haben wir nur deshalb überhaupt noch eine Versicherung“, sagt Meißner, „weil wir uns mit wirklich allen Mitteln abgesichert haben“.
Ziehen Institutionen und Bürger an einem Strang?
Was seine Frau und er vermissen, ist ein kommunaler Hochwasserschutz, der ebenfalls all seine Mittel ausschöpft. Sein Eindruck: So richtig ziehen die Institutionen mit den Bürgern nicht an einem Strang. Wie sonst kann es sein, meint Meißner, dass der 2019 in Itzum neu gemachte Damm niedriger gebaut als entlang des Louisgrabens? Warum wird der Damm nicht direkt so hoch gebaut, dass nicht dutzende Helfer an der Scharfen Ecke den fehlenden Teil mit Sandsäcken auffüllen müssen? Warum wurde überhaupt der Deich des Louisgrabens nicht gleich auf ein Niveau gebracht, das die Anwohner bis 7,50 Meter schützt?
Laut Angaben der Stadt sind seit 2017 bereits mehr als 1,5 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt in den Hochwasserschutz der Itzumer geflossen. So ist der Wall am Louisgraben saniert und erhöht worden – wenn auch nicht auf 7,50 Meter – , auch das Regenrückhaltebecken an der Landwehr wurde vergrößert. Die Durchlässe an der Scharfen Ecke wurden erweitert, beim Tennisverein und am Fußballplatz. Damit seien die Kapazitäten, um Wasser aufzufangen und weiterzuleiten, laut Angaben der Stadt bereits verdoppelt worden.
Ja, es gibt durchaus Verbesserungsvorschläge
„Die Hochwasserschutzmaßnahmen haben über die Weihnachtsfeiertage sehr gut funktioniert“, teilt Stadtsprecher Helge Miethe aktuell auf Anfrage der HAZ mit. „Der Maßnahmenplan, der vorgibt, welche Schutzmaßnahmen an welcher Stelle in Abhängigkeit der Meldestufen durchzuführen sind, wurden von Feuerwehren und Bauhofmitarbeitern präzise umgesetzt und haben ihren Zweck erfüllt.“
Allerdings komme es in einer solchen Lage „selbstverständlich zu Verbesserungsvorschlägen, die gemeinsam mit der Feuerwehr bewertet und in einen überarbeiteten Maßnahmenplan fließen“, wie Mithe sagt. Erste interne Besprechungen zu einem Resümee der Ereignisse und Maßnahmen hätten bereits stattgefunden, „weitere mit den jeweiligen Akteuren folgen sehr zeitnah“.
Was die Dämme entlang des Louisgrabens angeht, so seien die ertüchtigt worden, jedoch absichtlich nicht auf ein höheres Schutzniveau: „Die Ursache“, teilt die Stadt mit, „liegt im Wasserrecht. Demnach muss der Retentionsraum, also der Raum, den das Gewässer zur Ausdehnung bei Hochwasser braucht, ausgeglichen werden.“
Auch die Lage am Louisgraben soll neu bewertet werden
Klingt kompliziert, ist es auch. Das Verfahren erfordere, so heißt es weiter, aufwendige hydraulische Berechnungen, eben jenen Retentionsraum und ein Planfeststellungsverfahren. Wichtig dabei sei, dass gewässerabwärts gelegene Anlieger nicht geschädigt werden. Es sei also ein Unterschied, ob temporär Sandsäcke zur akuten Gefahrenabwehr ausgelegt werden oder eine permanente neue Situation geschaffen wird. Wenn die Planung zum Becken Itzum voranschreitet, soll in diesem Zuge auch die Situation am Louisgraben mitbewertet werden, so die Stadt.
Es scheint also nicht aller Tage Abend zu sein an der Itzumer Hauptstraße. Das Hochwasser geht für dieses Mal zurück. Doch es wird wiederkommen – eine Frage der Zeit, wie Dirk Meißner sagt. „Diesmal ist die Überflutung nur aufgrund von Glück und des Umstandes, dass auf der Itzumer Hauptstraße zumindest zwei Brücken zu den Sportplätzen neu und der Bypass an der Scharfen Ecke gebaut wurden, an uns vorübergegangen“, sagt er.

