Hildesheim/Cala Ratjada - Mit 90 Jahren noch auf dem Tennisplatz stehen und eine WM spielen, das ist eine beachtliche Leistung. Der Hildesheimer Gerhard Walkerling lässt sich vom Alter nicht aufhalten – und auch nicht von vier Bypässen, die ihm im Jahr 2008 nach einem schweren Herzinfarkt gelegt wurden.
„Ich spiele so lange, bis ich auf dem Tennisplatz umfalle“, erklärt Walkerling mit seinem ihm eigenen besonderen Humor. „Ist doch besser, als im Altersheim dahinzusiechen, oder?“, schiebt er hinterher. So machte er sich im Oktober auf den Weg nach Mallorca zur Senioren-Weltmeisterschaft (Ü90).
Ein 100-Jähriger namens Young
Dort machte er die Bekanntschaft eines Mannes, der in Cala Ratjada im Mittelpunkt stand: nämlich des 100-jährigen Australiers Henry Young. „Ein 100-Jähriger, der Young heißt, das ist originell“, sagt Walkerling lachend. „Da bin ich ja noch ein Jungspund.“
Plötzlich stand auch der Hildesheimer im Fokus, denn er startete mit Henry Young im Doppelwettbewerb. „Wir hatten beide keinen Doppelpartner“, erzählt Walkerling. „Deshalb haben wir uns spontan zusammengetan.“ So stand die geballte Erfahrung von 190 Jahren auf dem Platz. Young wurde von Medienvertretern und Autogrammjägern umlagert. „Das war ein ganz schöner Rummel“, so Walkerling. Auch Youngs Sohn (74 Jahre) und seine Enkelin (45) hatten die Reise nach Mallorca mitgemacht. „Außerdem hatte er zwei persönliche Ballholer dabei“, erzählt Walkerling: „Zwei Urenkel im Alter von zwölf und 14 Jahren.“
Sieben Teams waren im Doppelwettbewerb am Start. Walkerling/Young zeigten technisch sauberes Tennis. „Aber im Modus Jeder gegen Jeden konnten wir leider kein Match gewinnen“, erzählt der Oldie des Hildesheimer TC Rot-Weiß. Dann lacht er wieder: „Wir sind eben nicht mehr die schnellsten.“ Trotzdem gab es am Ende eine Medaille. Wie hatten sie das geschafft?
„Das war ein ganz schöner Rummel“
„Nun“, erläutert der 90-Jährige. „Einige Teams mussten wegen Verletzungen oder mangelnder Fitness aufgeben, aber wir haben durchgehalten. Weil der dritte Platz nicht ausgespielt wurde, erhielten wir auch als Vierte eine Bronzemedaille.“ Insgesamt bestritt Walkerling bei der WM zwölf Spiele im Einzel, Doppel und Mixed. „Und das bei Temperaturen um die 30 Grad.“
Zu vorderen Platzierungen reichte es nicht. „Überhaupt nicht tragisch“, sagt Walkerling. „Für mich war es wichtig, dabei zu sein.“ Zumal seine Teilnahme arg auf der Kippe stand. Denn drei Wochen vor der WM lag er noch im Krankenhaus. „Ich hatte Wasser in Lunge und Herz“, erklärt er. „Ich bekam akute Atemnot.“ Er berappelte sich wieder, aber natürlich warnten die Ärzte, dass ein Start bei einem großen Tennisturnier nicht unbedingt die beste Idee sei.
Plötzlich Atemnot: Der WM-Start stand auf der Kippe
Aber gegen Warnungen der Experten ist Walkerling spätestens seit dem 9. Februar 2008 weitgehend resistent. Bei den Landesmeisterschaften in Isernhagen brach er damals plötzlich zusammen und blieb leblos liegen: Herzstillstand. Zum Glück war ein Arzt schnell zur Stelle und leitete Sofortmaßnahmen ein. Mit einem Defibrillator holte er den damals 75-Jährigen zurück ins Leben. „Schwerer Herzinfarkt“, lautete die Diagnose. Es wurden vier Bypässe gelegt. Das Ende der Tenniskarriere?
Nicht für Gerhard Walkerling, der seine Frau nach schwerer Krankheit verloren hatte, und dann auch noch seine Tochter und den Schwiegersohn. Das waren schwere Schicksalsschläge. Geblieben ist ihm der Tennissport. „Auf die Spiele und die Begegnungen mit anderen Menschen kann und will ich nicht verzichten“, erklärt er. Jetzt bin ich 90 und stehe immer noch auf dem Tennisplatz. „Ich betrachte das als Geschenk“, sagt Walkerling, der in jungen Jahren mehrfach bei Norddeutschen- und Landes-Meisterschaften Titel gewann. Darum geht es ihm längst nicht mehr.
Sein Sohn ist 74 Jahre jung
Aber diese WM wollte er unbedingt noch spielen. Und die wurde zu einem ganz besonderen Erlebnis – vor allem wegen Henry Young. „Unglaublich, was er mit 100 Jahren noch leistet.“ In Runde eins des Einzelwettbewerbs gewann Young sogar gegen den spanischen „Youngster“ Mateo Camps Simon (92 Jahre) mit 6:2, 6:3. In Runde zwei, dem Viertelfinale, war dann allerdings Schluss: 0:6, 2:6 hieß es gegen den an drei gesetzten Briten Gordon Oates (91 Jahre).
Young war am 26. September 100 Jahre alt geworden. Er gilt als ältester Wettkampfspieler im Tennis, er ist sechs Monate älter als der nicht minder berühmte Leonid Stanislavskyi aus der Ukraine. „Mich gibt’s noch, und ich hoffe, dass ich noch ein paar gute Jahre vor mir habe“, sagte Young in einem Gespräch mit der ITF (International Tennis Federation) anlässlich seines 100. Geburtstages. „Was soll ich denn tun? Nur vor mich hinvegetieren und dahinrotten? Ich will Spaß haben, und ich liebe Tennis. Darum spiele ich.“ Und weiter: „Ich bin eine wandelnde Werbung für die Ärzteschaft.“ Er sei zeitlebens wettkampforientiert gewesen, eben das liebe er am Sport, so Young. Auf die Frage nach dem Geheimnis seines hohen Alters antwortete er: „Positive Gedanken!“
Tennis spielen, so lange es geht
Das sieht Gerhard Walkerling ganz genauso: „Ich lebe mein Leben und spiele Tennis, so lange es geht. Ob er in zehn Jahren immer noch auf dem Tennisplatz steht? Dann wäre er 100. „Nein“, sagt Walkerling, „soweit denke ich nicht voraus. Ich lebe von Tag zu Tag.“


