Hildesheim - Wer seine Ferien im Ausland verbringt, der lässt die Heimat hinter sich – sollte man jedenfalls meinen. Und das südfranzösische Dorf Embres-et-Castelmaure liegt mit 1400 Kilometern wirklich weit von unserer Region entfernt. Dennoch ist meine Familie dort im Sommerurlaub auf ein Stück Hildesheim gestoßen. Eine Entdeckung, die einige Fragen aufwirft. Und nur auf wenige gibt es Antworten.
Was macht ein Relief von „Hildesheim um 1500“ in einem 160-Einwohner-Ort in Südfrankreich?
Unserem Sohn fiel das gute Stück als Erstem ins Auge. Wir hatten gerade das Gepäck in unsere Ferienwohnung im 160-Seelen-Ort geschleppt, da sah er auf dem Boden vor dem zugemauerten Kamin eine gusseiserne Platte stehen: Auf ihr die Silhouette einer Stadt, darüber der Titel „Hildesheim um 1500“. Vielleicht eine Aufmerksamkeit unserer Gastgeber, um uns zeigen, dass sie wissen, wo genau wir herkommen?
Keineswegs, sagen Rebbecca Uppendahl und Alain Bissière: Das amerikanisch-französische Paar, dem das Haus gehört, ist über den Hildesheim-Bezug genauso überrascht wie wir – wenn nicht sogar noch mehr. „Das gibt’s doch nicht, was für ein Zufall!“, sagt Uppendahl gleich mehrfach. Die 64-Jährige hatte die Kaminplatte vor einigen Jahren bei einem Trödelhändler in Narbonne gekauft, der nächstgelegenen größeren Stadt. An den Preis erinnert sie sich nur vage: „Ich glaube, ich habe zehn Euro bezahlt.“ Wohl aber weiß sie, warum sie die Platte bei dem „Brocante“, wie diese Art Laden in Frankreich heißt, erstanden hat: „Ich fand sie einfach hübsch. Und sie passte gut vor den Kamin in unserer Ferienwohnung.“
„Hildesheim – das sagte mir gar nichts“, sagt der Hausherr
Auch ihrem Partner Alain gefiel das Stück, das etwa 20 mal 40 Zentimeter groß ist, zwei Zentimeter breit und mehrere Kilo wiegt. Er finde das Relief schön, sagt der 67-jährige ehemalige Weinbauer. Doch auf den Namen der Stadt, die dort zu sehen ist, habe er nie geachtet. „Hildesheim – das sagte mir gar nichts.“
Woher stammt die Kaminplatte?
Uns dafür umso mehr. Doch was hat es mit der Kaminplatte auf sich? Woher stammt sie? Wie alt ist sie? Und was ist mit der Silhouette darauf: Ist das wirklich „Hildesheim um 1500“?
Auf jeden Fall, sagt Sven Abromeit. Er ist Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, leitet den Wissenschafts- und Regionalverlag Gebrüder Gerstenberg und ist einer der profiliertesten Hildesheim-Experten. Die Darstellung der Stadt sei sehr authentisch, sagt Abromeit: Das Relief bilde den typischen Blick von Westen ab; von links nach rechts seien die Michaeliskirche, die Jakobikirche, die Andreaskirche, der Dom, die Lambertikirche und St-.Godehard auszumachen. Es handele sich zwar keineswegs um hohe Kunst. „Doch ich habe eine Vorlage für eine solche Abbildung aus dieser Zeit noch nie gesehen.“
Datierung wirft Zweifel auf
Allerdings hat Abromeit an der Datierung „um 1500“ seine Zweifel. Denn die ersten detailreichen Zeichnungen, die als Vorlage für das Relief hätten dienen können, stammten eigentlich erst aus dem 17. Jahrhundert – der Merian von Hildesheim zum Beispiel aus dem Jahr 1653. Die Platte selbst sei wohl in Hildesheim erstellt worden, vermutet der Experte. Könnte sie dann vielleicht im Zuge der Besetzung durch Napoleon zwischen 1806 und 1813 nach Frankreich gelangt sein, sozusagen als Beutekunst? Da schüttelt Abromeit entschieden den Kopf. Er kennt das Relief zwar nur durch Fotos und Beschreibungen. Doch er ist sicher: Es dürfte vermutlich aus den 1960er Jahren stammen, darauf deute die doch sehr moderne Schrift. „Um diese Zeit war es außerdem sehr modern, solche Güsse herzustellen.“
Wie auch immer: Alain Bissière und Rebecca Uppendahl waren von der Entdeckung, dass ihre aktuellen Feriengäste ausgerechnet aus der Stadt kommen, die das Relief zeigt, so angetan, dass sie uns dieses als Geschenk mitgeben wollten. Doch wir haben dankend abgelehnt: Lieber kommen wir noch mal wieder und fahren zusammen zu dem Trödelhändler – vielleicht weiß der ja mehr?!




