Kreis Hildesheim - Etwas an der Frau kam ihm gleich komisch vor. „Sie krümmte sich, als ob sie Schmerzen habe oder jedenfalls ein gesundheitliches Problem“, erinnert sich Malte Liebmann. Der Adlumer stand mit seiner Mutter bei Mios in Hildesheim an der Kasse, als ihm die Kundin samt männlichem Begleiter auffiel. Und weil er in der DLRG engagiert ist und bereits Sanitäts-Lehrgänge absolviert hatte, ging er auf das Paar zu mit der Frage, ob er helfen könne.
Kennzeichen gemerkt
Der Mann habe sehr aufgeregt reagiert „und wollte offenbar gar nicht, dass ihr geholfen wird“, erinnert sich Liebmann. Er habe sich aber nicht abhalten lassen und sich die Frau genauer angeschaut, mit ihr gesprochen. „Dabei hat sie mir zugezwinkert, das war für mich schon ein Signal, dass in Wirklichkeit eben nicht alles gut war“, blickt er zurück. Außerdem seien ihm viele blaue Flecken an den Armen der Frau aufgefallen. Er schlug daraufhin vor, vielleicht doch einen Krankenwagen zu rufen. Daraufhin zog der Mann die offenbar angeschlagene Frau förmlich aus dem Laden, eilte mit ihr zum Auto und fuhr schnell davon.
Malte Liebmann hatte allerdings die Geistesgegenwart, sich Modell und Kennzeichen zu merken. Nach kurzer Rücksprache mit dem Marktleiter alarmierten beide die Polizei, die dann auch tatsächlich zu dem Paar nach Hause fuhr, um einen möglichen Fall häuslicher Gewalt zu prüfen. Das Ergebnis ist nicht bekannt – doch die Aktion trägt dem jungen Adlumer ein Jahr später den Zivilcourage-Preis des Landkreises Hildesheim ein. „Zivilcourage heißt nicht nur, Straftaten zu vereiteln, sondern eben auch Hinsehen statt Wegschauen und so dafür zu sorgen, dass Hilfsbedürftige auch Hilfe bekommen“, betonte Landrat Bernd Lynack am Donnerstag bei der Preisverleihung in der Ausbildungswerkstatt des Gießerei-Unternehmens KSM Castings.
Reaktion in der Fußgängerzone
Das Besondere im Fall Liebmanns und auch ein wesentlicher Grund dafür, warum er neben dem obligatorischen, aus Aluminium gegossenen Handabdruck auch den ersten Preis mit 1000 Euro bekam, ist sein Alter. Zum Zeitpunkt des Geschehens im Frühsommer 2023 war er gerade einmal 14 Jahre alt. Nun bekam er sozusagen ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk – der Adlumer wird am Freitag 16.
Der zweite Preis über 500 Euro – das Geld stiftete wieder die kwg – ging an die Gronauerin Daniela Hagemann. Sie hatte einen Dieb durch die halbe Hildesheimer Innenstadt verfolgt und am Ende tatsächlich seine Festnahme ermöglicht. Hagemann, Mitarbeiterin eines Bekleidungsgeschäfts an der Fußgängerzone, hatte im Dezember vergangenen Jahres zunächst beobachtet, wie ein älterer Mann mit Gehstöcken in der Nähe des Wurst-Basars gestürzt war.
Bis zur Andreaspassage
Als sie zu Hilfe kommen wollte, schrie die Frau des Gestürzten plötzlich, dass er die Tasche gestohlen worden sei. Hagemann sah auch tatsächlich einen Mann wegrennen und eilte sofort hinterher, immer wieder rufend, dass Passanten doch die Polizei anrufen mögen. Die Gronauerin verfolgte den Dieb bis zur Andreaspassage, wo sie ihn zunächst aus dem Blick verlor. Dafür traf sie auf den Hausmeister, der schnell reagierte: „Sie den linken Ausgang, ich den rechten!“ Und am rechten Ausgang konnte ihr neuer Mitstreiter den Dieb tatsächlich festhalten: „Der hatte schon einiges auf dem Kerbholz, unter anderem einen Raub mit Messer“, berichtete Hagemann am Donnerstag.
Aus insgesamt zehn Vorschlägen hatte eine Jury um Landrat Bernd Lynack die beiden Preisträger ausgewählt. „Es ist immer schwierig, aber diesmal war es für uns doch eindeutig“, berichtete der Landrat. „Beide Preisträger haben sich für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, für das Gemeinwohl stark hervorgetan.“
Auszeichnung für Polizistin
Einen Handabdruck bekam auch Gabriele Freier, langjährige Präventionsbeamtin der Polizei und verantwortlich dafür, die Vorschläge für den Zivilcourage-Preis für die Jury aufzubereiten. Sie geht bald in den Ruhestand.
