Saisonstart im tfn

Ein Musicaldarsteller kehrt von der Heldenreise zurück – nach Hildesheim

Hildesheim - Jürgen Brehm kam von der Uni direkt ans Theater für Niedersachsen, schlug sich dann auf der Titanic und der AIDA freiberuflich durch, um jetzt nach Hause zu kommen – ans tfn. Für Hildesheim schlägt sein Herz sowieso.

Hildesheim - Es klingt nach Klischee, aber für Jürgen Brehm fühlt es sich eben an, wie nach Hause zu kommen. Von 2014 bis 2018 gehörte er zur Musical Company im Theater für Niedersachsen (tfn). Ab der Spielzeit 2023/24, die am 27. August mit einem Theaterfest startet, kehrt er zurück. „Es ist sehr gut“, sagt der 32-Jährige und wiederholt das „sehr“ danach noch dreimal.

Vielleicht, weil eine Rückkehr – noch dazu ins provinzielle Hildesheim – in der Welt von Abendgarderoben und Sektempfängen auf dem Papier nach Scheitern aussehen kann. Lieber wieder der große Fisch im kleinen Teich, statt sich im Haifischbecken da draußen durchzubeißen? Im Gegenteil: Für Brehm waren die vergangenen Wanderjahre aber eher die klassische Heldenreise.

Brehm kam direkt nach der Uni ans tfn. Unter Jörg Gade fing er als Mickey in „Otello darf nicht platzen“ an und war dann in „Dracula“ und „Cabaret“, in „Dogfight“ und „Lucky Stiff“ zu sehen, um sich schließlich als Oliver Barrett IV und seiner „Love Story“ von Hildesheim zu verabschieden. „Ich wollte wissen, wie ich auf dem freien Markt ankomme“, erklärt Brehm. Seitdem stach er am Mecklenburgischen Staatstheater mit „Titanic – Das Musical“ und der TUI auf einem richtigen Kreuzfahrtschiff in See, war am Schmidt Theater in Hamburg und bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel engagiert.

Hier fließt Herzblut ins Haus

Musicaldarsteller Jürgen Brehm über die Vorzüge des tfn

Gelernt hat er in dieser Zeit: „Überall wird nur mit Wasser gekocht.“ Gerade im ersten Job erschienen ja jede andere Stadt und jede andere Firma schöner, besser, professioneller und glamouröser, sagt er. Ein Wechsel zeige dann: Auch andernorts gibt es mal unvorbereitete Regisseure, faule Mitarbeitende und Kolleginnen oder Kollegen, mit denen man nicht klarkommt.

Was das tfn wiederum für Festangestellte bietet: „Hier fließt Herzblut ins Haus.“ An den Gastspielorten sei man nur zu Besuch. Sechs Wochen für Proben und Aufführungen, dazwischen Sehenswürdigkeiten anschauen und Abende in der Fremde. Eine schlechte Erfahrung war das nicht, so Brehm. „Es ist cool unterwegs zu sein.“ Sein Herz hat er aber sowieso in Hildesheim gelassen.

Hier sind sein Mann, sein Schrebergarten und mittlerweile ein Welpe von vier Monaten. Brehm: „Hier kann ich mir ein Leben ums Theater aufbauen.“ Ab und an wird er sogar auf der Straße oder im Supermarkt erkannt. Bekanntheit zählt an der Kasse aber nicht.

Schnellrestaurant statt Bühne

Ein Engagement am Theater ist Gold wert, auch das hat Brehm in der Zeit ohne tfn erfahren. Denn seine Freiberuflichkeit hat er mitten in die Pandemie gelegt. Statt am Theater hat er zeitweise im Schnellrestaurant gearbeitet. Selbst ein Berufswechsel schwirrte zumindest in seinem Kopf. „Mir fällt aber keine Alternative ein.“

Er habe wenig Lust, zu unterrichten, und „zu viele Hummeln im Arsch“ fürs Büro. Trotz Pädagogikabschluss von der Hochschule Osnabrück gilt er ohnehin überall als ungelernte Kraft. „Das fand ich erschreckend.“ Mittlerweile hat sich der Markt wieder beruhigt. Über den Sommer ist Brehm noch an den Freilichtspielen Tecklenburg zu sehen. Danach steigt wieder am tfn ein.

Eddie in der „Rocky Horror Show“

Er spielt dann unter anderem den Eddie in der „Rocky Horror Show“, worauf er sich freut. „Ich finde, das muss man als Musicaldarsteller mal gespielt haben.“ Aber auch die wesentlich unbekanntere „Pinkelstadt“ im Spielplan der kommenden Spielzeit begeistert ihn. „Als ich mit dem Studium anfing, hat das der Abschlussjahrgang gerade gespielt“, erinnert er sich. „Ich habe keine Vorstellung verpasst.“

Der Anruf aus dem tfn hat ihn überrascht. Beworben hatte er sich nicht. Zuerst war es wieder ein Umdenken, gibt er zu. Aber die Stückauswahl und die Möglichkeit, wieder in einem Team zu arbeiten, haben ihn überzeugt. Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger hat außerdem gerade die Gagen nachverhandelt und „ich habe gelernt“, sagt Brehm, „den Mund aufzumachen“.

Alle Infos zur neuen tfn-Spielzeit gibt es auf der Homepage des Theaters für Niedersachsen. Der Kartenvorverkauf beginnt am Montag, 14. August.

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