Hildesheim - Kann man Häuser wirklich in einem Toaster herstellen? Rainer Schipke zögert nicht lange und geht schnurstracks auf den Beweis zu: einen Wandmodultoaster (WMT) der Firma nobis-living. Auf den ersten Blick handelt es sich um eingehängte, riesenformatige Stahlplatten, die Schipke mühelos mit einer Hand verschieben kann. „Hier können wir problemlos gleichzeitig zehn Wandelemente mit Aussparungen für Fenster oder Türen herstellen“, sagt er. Aus einem Guss sozusagen.
Wenn man hinter ihn blickt, sieht man, was er meint: Dort erhebt sich über vier Etagen der Komplex des neuen Studierendenwohnheims am Bischofskamp, wo im ersten Quartal 2024 insgesamt 118 Appartements bezogen werden sollen. Investor ist die Frankonia Vermögensverwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Erlangen, die das 12-Millionen-Euro-Projekt im Auftrag der Moses Mendelssohn Stiftung entwickelt. Das Wohnheim soll nach Hildesheims Ehrenbürger Guy Stern benannt werden.
Doch heute ist der Tag von Schipke und seinem Team. Denn es geht um eine aus seiner Sicht innovative und zukunftsweisende Bautechnik, mit der man gleich mehrere Probleme lösen kann: preiswert, schnell und wetterunabhängig bauen, mit Beton klimaneutral große Mengen an Wohnraum erstellen und sich vom Fachkräftemangel abkoppeln. Denn auf der Baustelle am Bischofskamp sind nur neun Leute im Einsatz, zwei davon als Springer.
„Drei bedienen den Toaster, drei setzen die Bauteile zusammen, einer sitzt im Kran“, sagt Schipke. Klingt ein bisschen nach einer Mischung aus Lego und Ikea. Ist es auch, sagt er. Die Idee des Firmenchefs Eckhard Strauß setzt darauf, mit wenigen Leuten schnell, bezahlbare Wohngebäude hochziehen zu können – in einer Art moderner Plattenbauweise.
Ein Begriff, der durch die Erinnerung an die Massenbauten in der DDR bei vielen verpönt ist, nun aber aus Sicht von Schipke den Wohnungsbau rasant nach vorne bringen könnte. Nur: „Bislang reagieren Bauträger und Wohnungsbaugesellschaften zögerlich bis gar nicht.“
Dabei müsste allein das Kostenargument stechen. Die Toasterbauweise würde nur rund ein Drittel der herkömmlichen Baukosten verursachen. „Bis zu 26 Gewerke sind in der Regel bei einem Bauvorhaben beteiligt, wir reduzieren das jetzt schon auf elf. Und es werden weniger“, sagt Schipke und führt ins Innere der Baustelle.
118 Appartements aus Wandelementen mit völlig glatten Oberflächen. „Wir gehen mit Spritzputz drüber, man kann sie aber auch so einfach streichen.“ Die Bäder werden komplett als fertiger Bausatz geliefert, per Kran in die Appartements reingehoben und quasi nur noch angestöpselt. Alle Leitungen liegen bereit und die Anschlüsse auch.
Der Strom wird über die Fußleisten geleitet, man kann die Steckdosen an jeder Stelle umstöpseln – ohne Elektriker. Die Lichtschalter werden an den gewünschten Stellen an die Wand geklebt. Leitungen sind nicht mehr nötig. Die Lampen gehen per Impuls an – dort wo man das möchte und inklusive Dimmtechnik. „Das ist alles nichts Neues mehr“, sagt Schipke, „man muss es nur anwenden“.
Wärmepumpen erzeugen Wärme, die durch die Betonwände längerfristig gespeichert wird, der Strom kommt vom Dach über eine Photovoltaikanlage. „Wenn wir selbst bauen, dann vermieten wir die Wohnungen quasi ohne Nebenkosten, nur mit einer kleinen Pauschale“, sagt Schipke.
Der Baustoff Beton ist ein eigenes Thema. Verwendet wird Recyclingbeton, die Wände können in verschiedenen Dicken, Längen und Höhen hergestellt werden. Nur die Spannbetondecken werden fertig angeliefert und per Kran eingesetzt: „Mit einem WMT können wir 500 Wohnungen pro Jahr bauen, wobei wir mit wenig Personal auskommen.“
Es gibt bereits Anfragen aus Ländern mit hohem Baubedarf wie Syrien, Türkei und vor allem die Ukraine. Für die ist Markus Dummer bei nobis-living der Ansprechpartner, um die Toastertechnik anzuschaffen und zu installieren. „Am besten ist es, komplett auf unser Konzept zu setzen, aber hier in diesem Wohnheim möchte der Investor innen noch klassische Gipskartonwände zur Abtrennung einsetzen“, sagt Schipke und zuckt mit den Achseln. Geht auch, ist aus seiner Sicht aber nicht optimal.
Optimierung, daran wird bei nobis-living noch weiter gefeilt. Zum Beispiel, wie man am besten eine eigene Dämmschicht auf die Außenwände aufbringen kann. „Wir experimentieren noch“, sagt Schipke und verweist auf Firmenprokurist Alexander Küster, der den Verband Binbau e.V. vorstellt, den Firmenchef Struß ins Leben gerufen hat.
„Wir wollen möglichst das Know-how bündeln und weitergeben. Keiner muss allein auf sich gestellt bleiben, um mitzuwirken, preiswerten Wohnraum zu schaffen“, sagt Küster. Und Schipke ergänzt: nach dem KW40-Energiestandard. Also der neuen Normklasse für Neubauten.





