Hildesheim/Alfeld - Draußen ist es kalt, Nachwuchsreiterin Maureen Dalpke trainiert mit Stute Carusza in der Halle. Mutter Cornelia guckt zu, wie ihre Tochter darauf hinarbeitet, ihr großes Ziel zu erreichen: an die Spitze der deutschen Reitszene zu kommen. Um das zu schaffen, gehört mehr dazu als harte Arbeit und Talent. Cornelia Dalpke spricht einen Satz aus, nach dem es in der Halle kurz ruhig wird: „Im Reitsport ist es so: Entweder Vitamin B oder Geld.“ Die Familie hat beides nur bedingt.
Auf dem Parkplatz des Reit- und Fahrvereins (RFV) Hildesheim steht ein Pferdetransporter mit Dalpkes Logo drauf. Dort ist auch ihr Sponsor, die Landesbausparkasse, aufgedruckt – der Arbeitsplatz ihrer Eltern. Es ist aber noch eine große freie Fläche auf dem Hänger. „Wir suchen nach Sponsoren“, sagt Cornelia Dalpke.
Ihr Pferd haben Verletzungen und Krankheiten geplagt
Ein paar Minuten vorher bereitet ihre 17-jährige Tochter Maureen ihr Pferd Carusza auf die Trainingseinheit vor. Ihre Mutter hilft dabei, den Sattel aufzulegen. Carusza ist eines von drei Pferden aus Dalpkes Bestand. Die Familie hat die zwölfjährige Stute vor einem Jahr für 20.000 Euro gekauft, doch Carusza plagt erst eine Verletzung und dann eine Krankheit. Erst seit Oktober ist sie wieder fit. Und jetzt bereit, zusammen mit Maureen Erfolge zu feiern.
Die Alfelderin macht sich mit Carusza warm. Sie traben – ähnlich wie bei einem Warm-up, beginnen sie gemächlich mit dem Training. Neben den vielen Sponsorentafeln hängen in der Hildesheimer Reithalle zwei Niedersachsenfahnen mit dem Sachsenross in der Mitte. Turniere gibt es in der Region genug – ein guter Ort also, um eine Karriere zu starten.
Ein besonderes Tattoo auf der Hand
Eines ihrer größten Ziele ist für jeden optisch erkennbar. Auf ihrer Hand hat sie sich das Logo des prestigeträchtigen Turniers „Riesenbeck International“ tätowiert. „Das ist ein ganz großes Ziel von mir, da mal mitzureiten“, sagt die junge Reiterin. Das Tattoo hat nicht nur sie auf der Hand, sondern auch ihre Eltern. Sie haben es sich gemeinsam in Portugal stechen lassen.
Das Training nimmt Fahrt auf. Die ersten Sprünge stehen an – unter den strengen Augen von Trainer Oliver Tüpker. Die meistert Maureen mit Carusza gut. Dann fällt eine Stange. „Du musst dich konzentrieren“, ruft Tüpker ihr zu. Anschließend läuft es wie geschmiert. „Einmal noch. Ja, der davor war besser. Ganz easy rein“, fordert Tüpker.
Zum Erfolg im Reitsport gehört nicht nur Talent
Das Duo versteht sich. Die Reiterin sagt über ihren Trainer: „Wir passen gut zusammen. Ich mag das nicht so, wenn Trainer überfreundlich sind und nicht richtig sagen können, was ich falsch mache. Und das macht er sehr gut.“ Daraufhin spaßt Tüpker: „Wenn was scheiße ist, sage ich auch, dass es scheiße ist.“ Etwas ernster sagt er dann über seine Schülerin: „Sie hört gut zu, ist engagiert dabei. Und in dem Moment, an dem sie beim Wettkampf in die Arena reingeht, ist sie saucool.“
Talent hat sie. Das sagt ihr Trainer und das zeigt sich auch in Ergebnissen bei lokalen Reitturnieren. Oft landet Dalpke in ihrer Klasse auf Platz eins. Aber um ganz nach oben zu kommen, braucht es mehr als Talent – das nötige Kleingeld. Schonungslos ehrlich sagt Oliver Tüpker über seine eigene Sportart: „Man muss schon reiten können. Nachher entscheidet natürlich auch die Horsepower. Und es ist auch einfach eine Geldfrage, wie man an gute Pferde kommt.“
Eine Sportart wird wieder elitär
Zu den Kosten für die Pferde gesellen sich noch die monatlichen Ausgaben für die Betreuung und auch die Gebühren für die Turniere. Tüpker: „Die Kosten steigen gerade sogar. Man muss leider sagen: Reitsport wird wieder sehr elitär. Das ist schade.“
Trotz der hohen Geldhürden möchte sich Maureen nicht von ihrem Ziel abbringen lassen. Dem Reitsport ordnet sie fast alles unter – das ist schon länger so. Mit drei Jahren steigt sie erstmals aufs Pferd. In Alfeld, dort lebt die Familie Dalpke. Ihre Mutter, die selbst reitet, nimmt sie damals mit. Spätestens mit zwölf Jahren meint sie es ernst. Immer mehr manifestiert sich der Gedanke daran, alles auf die Karte Reitsport zu setzen. Maureen sagt: „Ab zwölf hatte ich keine Pause mehr vom Reiten.“ Anfangs nimmt sie für den Reitverein Gronau an Turnieren teil und feiert erste Erfolge, später folgt der Wechsel zum RFV Hildesheim.
Keine Schule mehr, ab jetzt zählt nur noch das Reiten
Maureen investiert immer mehr Zeit in den Sport. Zunächst neben der Schule, dann trifft sie mit 16 Jahren eine mutige Entscheidung: Sie verlässt die Schule vorzeitig – macht kein Abi, kein Studium wie ihre Mutter. Ab jetzt zählt nur noch der Reitsport. Mutter Cornelia dazu: „Wir haben das immer unterstützt. Sie ist noch so jung, dass sie jederzeit ihr Abi nachholen könnte, wenn sie ein Interesse in eine andere Richtung entwickelt.“
Maureen arbeitet nun im Reitstall, verdient ihr Geld damit. Das war eine Bedingung für ihre Entscheidung, die Schule zu verlassen. „Ich erwarte natürlich auch, dass sie, wie andere Kinder, die zur Schule gehen, auch etwas dafür tut, dafür arbeitet. Deswegen wird sie bezahlt, darum übernimmt sie die Pflege, Fütterung und vieles mehr“, sagt Mutter Cornelia Dalpke.
Ein Video für den Tiktok-Account
Zurück zum Training: Jetzt läuft alles rund. Maureen meistert jedes Hindernis. Auf einmal zeigt sie mit der Hand zu ihrer Mama. Die weiß sofort, was ihre Tochter von ihr will. Sie zückt ihr Smartphone und sagt: „Ich muss filmen, 4K 60 und hochkant.“ Was sie damit meint? Cornelia Dalpke macht ein Video für den Tiktok-Account ihrer Tochter. Dort ist Maureen sehr aktiv, hat etwa 15.000 Follower. Meist lädt sie dort Reit-Videos hoch. „Schon als ich richtig jung war, habe ich Videos gemacht. Durch eins habe ich auf einmal 10.000 Follower bekommen. Aber da war es noch gar kein Reit-Account, da ging es um meinen Hund“, sagt die 17-Jährige.
Neben dem Spaß an der Sache hat ihre starke Präsenz in den sozialen Netzwerken noch einen anderen Hintergrund. Maureen sagt, dass dadurch auch mögliche Sponsoren auf sie aufmerksam werden könnten: „Dort sehen einen viele Leute. Irgendeine Social-Media-App hat ja jeder auf seinem Handy.“ Und da ist es wieder: das ewige Thema Sponsoren und Geld, das sich durch die Sportart zu ziehen scheint wie ein Kaugummi.
Ein Wechsel in die höhere Klasse steht an
Dalpke beendet ihr Training. Sie steigt vom Pferd und setzt ihren schwarzen Helm ab. Der sportliche Teil ist vorbei, die Arbeit ruft wieder. Zum Schluss spricht sie noch über ihre nächsten Ziele: „Ich will auf jeden Fall mein goldenes Reitabzeichen erreichen. Ich will in S, der schweren Klasse, erfolgreich sein. Und dann entweder als Bereiterin arbeiten oder was Eigenes aufbauen.“ Und wer wissen will, ob das klappt, sollte bei den kommenden Reitturnieren in der Nähe die Augen offenhalten – oder auf Tiktok.



